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aus Heft 18/2013 Liebe & Partnerschaft 3 Kommentare

»Als wäre es das letzte Geheimnis zwischen den Menschen«

Warum küssen wir uns eigentlich? Der Philosoph Alexandre Lacroix über die Faszination einer Geste, die biologisch keinen Sinn ergibt.

Von Gabriela Herpell  Foto: Nico Krinjo




SZ-Magazin: Monsieur Lacroix, Sie haben sich mit dem Küssen so intensiv auseinandergesetzt, weil Ihre Frau sich beklagt hat: Sie haben sie zu selten geküsst. Was ist denn in Ihrer Ehe los?
Alexandre Lacroix: Ich habe nicht so viel Wert auf das Küssen gelegt. Meine Frau schon. Sie warf mir vor, gefühllos zu sein. Aber das war es nicht. Für sie schien das Küssen eine Art Liebesbarometer zu sein. Da habe ich mich gefragt, warum ich das Küssen nicht so wichtig fand.

Und?
Ich habe einsehen müssen, dass es der Anfang vom Ende einer Beziehung ist, wenn man das Küssen vergisst.

Hat Sie das überrascht?

Ein bisschen schon. Noch mehr allerdings hat mich etwas anderes überrascht: Ich dachte, wie vielleicht die meisten Menschen, dass Küssen etwas Zeitloses und Universelles sei. Und dass die Menschen, die sich lieben, sich seit jeher auf den Mund küssen. Aber der Kuss als Zeichen der Liebe ist erst mit den großen Liebesfilmen wie Vom Winde verweht um die Welt gegangen, also ungefähr vor siebzig Jahren. Er hat sich ähnlich schnell verbreitet wie die Pizza, die heute auch auf der ganzen Welt gegessen wird.

Wie war es vorher?
Da gab es große regionale Unterschiede. In den meisten afrikanischen Staaten waren die Menschen schockiert und angeekelt, wenn sie Weiße sahen, die sich auf den Mund küssten. In den großen Städten kann man sich dort mittlerweile küssen, aber auf dem Land kommt es so gut wie überhaupt nicht vor. In der Geschichte Asiens lässt sich das Küssen sehr weit zurückverfolgen, aber es war keine Geste der Zuneigung. Man küsste sich nicht, wenn man heiratete, sondern im Bett. Es war eine Sexualpraktik, die manche anwandten, andere nicht.

Ist das heute anders?
Eigentlich nicht. Sie küssen sich dort auch nicht innerhalb von Familien. In den nördlichen Ländern wie Sibirien und Lappland wieder hat man sich mit dem Riechkuss begrüßt: Man legt seine Nase auf die Wange des anderen und atmet tief ein.

Und überprüft, ob man sich gut riechen kann?

Das ist Ihre Interpretation! Ich wäre da vorsichtig. Wir haben die Tendenz, die Sitten anderer nach unserem Weltverständnis auszulegen.

Bleiben wir also bei den Fakten. Die Franzosen sollen Weltrekordler sein im Küssen. Korrekt?
Wenn man den Studien glaubt, küsst sich ein Paar in Frankreich und in Italien ungefähr siebenmal am Tag, in China und Japan nur einmal alle zwei Tage. Darunter fallen bei uns natürlich auch der Gutenmorgenkuss und der Gutenachtkuss. Also wieder die Küsse, die Zuneigung bedeuten.

Woher kommt diese Koppelung vom Kuss an die Zuneigung bei uns?
Der Kuss war in allen monotheistischen Zivilisationen die Geste, die Gefühle am stärksten ausdrückte. Bei den Römern gab es noch drei Worte für den Kuss: Der Kuss innerhalb von Familien, der die Verbundenheit ausdrückte, hieß Basium. Das Osculum ist ein ähnlich unschuldiger Kuss: ein Zeichen der Anerkennung unter Gleichgesinnten. Das Suavium war der Kuss der Liebenden. Aber im alten Rom spielten vor allem das Osculum und das Basium eine große Rolle.

Warum nicht das Suavium?
Es ging um Respekt: Der andere ist mein Alter Ego, er befindet sich mit mir auf Augenhöhe, denn er ist Teil meiner Familie oder meiner sozialen Klasse. Es wäre also niemals vorgekommen, dass ein römischer Bürger eine Prostituierte oder einen Sklaven auf den Mund geküsst hätte. Und ich glaube, dass uns davon einiges geblieben ist.

Heute verweigern die Prostituierten ihren Kunden den Kuss.
Das ist die typische Gegenreaktion. So wie die schwarzen Rapper sich selbst Nigger nennen. Ich meinte, uns ist geblieben, dass man den, den man küsst, achten muss. Die Katholiken haben sich bis ins 13. Jahrhundert hinein auf den Mund geküsst, die orthodoxen Christen tun das bis heute.

Warum haben die Katholiken damit aufgehört?
Man geht davon aus, dass da Einiges aus dem Ruder lief und Papst Innozenz III. den Kuss verboten hat. Auch wenn die Christen nicht mehr küssen durften, hatten sie dem Kuss bereits eine weitere Dimension hinzugefügt: Man ist nicht nur auf Augenhöhe, sondern auch durch etwas Höheres, den Glauben, verbunden. Bei einem Paar ist es ähnlich: Die Liebe zwischen zwei Menschen ist größer als sie selbst.

Finden wir es darum schwieriger, jemanden zu küssen, den wir nicht lieben, als mit ihm oder ihr Sex zu haben?
Natürlich. Wir sagen, dass der Kuss intimer ist als Sex. Das ist ja absoluter Blödsinn. Sex ist viel intimer. Aber beim Geschlechtsakt geht es nicht darum, einander ebenbürtig zu sein, eher im Gegenteil. Und niemand kommt dabei auf die Idee, dass einen etwas Höheres, Göttliches verbindet.

Wenn man einmal aufgehört hat, jemanden zu lieben, fühlt es sich besonders falsch an, ihn zu küssen.
Vielleicht, weil man sich wie ein Verräter vorkommt. Übrigens: Beim Kuss – und das ist fast modern – dominiert keiner den anderen. Nicht der Mann die Frau oder umgekehrt.

Kommt das nicht ein bisschen darauf an? Im Film Vom Winde verweht zwingt Clark Gable Vivien Leigh in seine starken Arme und küsst sie. Dann mag sie es, natürlich.
Clark Gable bemächtigt sich ihrer, stimmt. Aber denken Sie an Burt Lancaster und Deborah Kerr in Verdammt in alle Ewigkeit: Sie verführt ihn. Oder Greta Garbo in Die Kameliendame: Sie bedeckt das Gesicht ihres Partners mit Küssen.

Wie erklären Sie sich eigentlich die bahnbrechende Wirkung des Filmkusses?
Der Kuss war im Hollywoodfilm der Vierziger- und Fünfzigerjahre gleichbedeutend mit der Liebe in all ihren Dimensionen, denn mehr Erotik durften amerikanische Regisseure nach dem Hays Code, einer Art Selbstzensur der großen Studios, nicht zeigen. Es hatte viel Ärger gegeben um Orgien, Affären und die Freizügigkeit in der Ära des Stummfilms. Der Hays Code verbot, den Ehebruch positiv darzustellen, außerdem zweideutige Tänze, sich entkleidende Schauspieler, Bett- und Schlafzimmerszenen. Es gab nur noch den Kuss – und auch der war ja nicht echt. Allerdings sah er sagenhaft gut aus. Viel besser als die späteren Filmküsse, in denen sich die Schauspieler echt mit der Zunge küssten. Unvergesslich, wie Ingrid Bergman Humphrey Bogart in Casablanca bittet, sie zu küssen: als wäre es das letzte Mal.

Welche Bedeutung hat der Filmkuss jetzt?
An James Bond kann man die Entwicklung gut erkennen: In Dr. No von 1962 zittern die Lider und die Lippen der Frau, als Sean Connery sie küsst. Musik, starke Szene, Schnitt, den Sex muss man sich denken. In Stirb an einem anderen Tag aus dem Jahr 2002 schlafen Halle Berry und Pierce Brosnan miteinander, dabei küssen sie sich von Zeit und Zeit. Der Kuss hat kaum mehr Bedeutung, die Szene dient eher dazu, dass alle mal Pause machen können, bevor die Action weitergeht, die viel wichtiger ist als die Erotik. Man kann eigentlich mittlerweile aufs Klo gehen, wenn zwei sich im Film küssen.
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Kommentare

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Kommentar:

  • Klaus Mendritzki (0) längerer Text wird hier technisch nicht angenommen?
  • Georg Schmidt (0) im Film "vom Winde verweht" küsst der Clark seine Partnerin, die hinterher gestand, dass ihr das sehr unangehem war-der Clark hatte einen unangenehmen Mundgeruch!
  • Klaus Mendritzki (0) oha