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aus Heft 18/2013 Die Gewissensfrage 7 Kommentare

Die Gewissensfrage

Sollte man dreiste Anstellversuche in der Supermarktschlange laut kritisieren, oder selbst ein bisschen egoistischer sein?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch





»Neulich wartete ich an der Supermarktkasse in einer langen Schlange. An der Nebenkasse stand bereits ein Schild: ›Bitte nicht mehr anstellen‹. Dennoch tröpfelten dort weitere Kunden ein und wurden vom Kassierer auch noch bedient - was mich sehr ärgerte. Hätte ich dieses Spiel laut kritisieren sollen?«  Hanna L., Bingen



Das Interessante an Ihrer Frage ist, dass Sie mit Ihrem Ärger durchaus recht haben. Sie waren die Dumme, weil Sie sich an die Vorgaben gehalten und sich dort, wo man gebeten wurde, sich nicht mehr anzustellen, nicht mehr angestellt haben. Ich vertrete ja auch den Grundsatz, dass das Leben mit weniger Reibung und damit einfacher abläuft, wenn man sich an soziale Regeln hält und nicht jeder auf Biegen und Brechen versucht, für sich das Meiste herauszuholen. Schließlich hat man Besseres zu tun im Leben, als sich auch noch beim Anstehen im Supermarkt Gedanken über Effizienz zu machen.
Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass Sie das Geschehen laut kritisieren sollten. Aus drei Gründen: Erstens ist es für Ihr seelisches Wohlbefinden und Ihren Blutdruck das Beste, sich über die kurze Zeit, die Sie warten müssen, gar keinen Kopf zu machen. Zweitens ist es ein Unding, wenn ein Supermarkt, solange an einer Kasse eine lange Schlange ansteht, eine andere Kasse schließt. Diese kundenverachtende Entscheidung schlicht zu negieren halte ich für durchaus nachvollziehbar, wenn nicht sogar begrüßenswert. Ohne dazu aufrufen zu wollen: Es wundert mich immer wieder, dass nicht viel mehr Kunden in solchen Fällen einfach gehen und ihre vollen Einkaufswagen in der Schlange stehen lassen. Auch Supermarktbetreiber sollten lernfähig sein, und sei es dank derartiger faktischer Unmutsäußerungen.
Deshalb komme ich zum dritten Grund: Ich finde es zwar richtig, sich an Regeln zu halten, das muss aber nicht sklavisch geschehen, und ein Supermarktschild ist kein Kategorischer Imperativ. Sie werden von der Aktion auch nicht direkt benachteiligt, weil sich die frechen Kunden nicht in Ihrer Schlange an Ihnen vorbei nach vorne gedrängt haben. Deshalb gilt hier ganz ausnahmsweise – sosehr ich zögere, das in einer Moralkolumne zu schreiben: Frechheit siegt.

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Kommentare

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  • Christian Mertes (0) Wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, zeigt sich in Deutschland ohnehin schon an der Supermarktkasse. Wer nicht glauben kann, dass dieselben netten Mitmenschen, die immer so nett grüßen, einem ohne mit der Wimper zu zucken auch das Fleisch von den Knochen reißen würden, wenn es ihnen nur einen nahrhaften Happen für einen weiteren Tag Postapokalypse bescheren würde, der sollte sich einfach mal in den Kassenbereich eines Supermarktes stellen und warten, bis eine neue Kasse aufmacht. Da sieht man, dass das einzige, was uns von unseren Primatenverwandten absetzt, ist, dass wir gelernt haben, einen vollen Einkaufswagen als Waffe einzusetzen.

    Nehmen wir an, ich bekäme jedes Mal 100 Euro, wenn irgendwo in Deutschland jemand etwas sagt im Sinne von: ?Oh, ich sehe gerade, nebenan hat eine neue Kasse geöffnet. Da Sie vor mir da waren, möchten Sie vielleicht die Gelegenheit ergreifen?? Ich wäre um keinen Cent reicher.
  • Gudrun E (0) Bei herablassender Behandlung statt schimpfen einfach handeln - richtig: Wenn man die Zeit hat, mit den Füßen über die Kundenfreundlichkeit abstimmen und die Waren einfach vor der Kasse stehen lassen und gehen...

    Eine Unart der Marktangestellten ist auch, sich untereinander bevorzugt zu bedienen, oft, weil man "zur Pause muß". Viele Menschen, die einkaufen, haben auch gerade Pause und nutzen sie dafür.

    Und warum Kunden mit "nur ein paar Sachen" großzügig vorgelassen werden müssen, ist rätselhaft: Gute Kunden mit großem Einkauf können ggf. warten, bis sie schwarz sind, weil jedesmal erst ausgezählt werden muß, ob ein schlechterer Kunde nicht weniger eingekauft hat...
  • Georg Schmidt (0) gerade vor nach freien Tagen ist der Ansturm in den Geschäften riesig, , wenn man die übervollen Einkaufswagen sieht, ist eine gewissen Wartezeit einfach nicht zu vermeiden-allerdings hab ich bis jetzt nur 1x erlebt, dass, als ich mich anstellte, gerade in dem Moment die Kassierer von grün auf rot geschaltet hat, er stritt dies zwar ab und meinte das hätte er schon eher getan, aber ok, manchmal ists halt so, wenn Kunden kommen, die nur ein bischen haben, oder handwerker, die sich ihre Brotzeit gekauft haben, lass ich die vor, soviel Zeit muss sein, wenn einer mit 3 Brötchen und ne Tüte Milch hat, muss er nicht warten, also immer halt ein bischen menschlich sein!
  • Birgit Gaiser (1) Die Antwort gefaellt mir bis auf den zweiten Punkt. Natuerlich sollten die Supermaerkte genuegend Kassen offen haben. Aber es kann ja durchaus vorkommen, dass mehr los ist als geplant, jemand krank ist, oder der/die Kassierer/in schon lange auf die Pause gewartet hat, dringend mal wohin muss, Medikamente einnehmen muss oder woanders dringend gebraucht wird. Das muss dann nicht in jedem Fall "kundenverachtend" sein.
  • Georg Schmidt (0) Nul Problem, Herr Balko, natürlich berufe ich mich nicht auf die künstlerische Freiheit, aber ich werde mich bemühen-hoffen wirs das es klappt!
    schon im Beitrag, mit dem reservierten Sitz fiel mir auf, dass Frechheit gepaart mit Rücksichtslosigekeit gerade bei jüngeren Menschen in Mode ist, auch mit dem Türaufhalten ist das so, dass einige denken, man ist extra aufgestanden, damit man rechtzeitig zur Stelle ist, wenn Fräulein durch die Türe will, ein Lächeln oder eine Danke, aber nicht doch-also zur fehlenden Allgemeinbildung, die man leider auf feststellen muss-kommt noch eine gehörige Portion Arroganz, wenn ich mal so sagen darf !
  • Markus Balko (1) @ Herrn Schmidt: Sehr geehrter Herr Schmidt. Da Sie ja anscheinend gerne protestieren, vertragen Sie sicher auch solchen. Deshalb protestiere ich jetzt gegen Ihre Schreibweise. Denn auch in Foren sollten Kommentare auch so geschrieben werden, dass sie verstanden werden. Gliedrn Sie Ihren Kommentar doch einmal sinnvol auf. Danke dafür!
  • Georg Schmidt (0) auf jeden Fall Protest, also, da hät sich keiner mehr angestellt ohne einen Kommentar von mir, darum können ja die Dummen die Welt regieren, weil die Intelligenten immer Rücksicht nehmen, allerdings überwiegt manchmmal auhc beides, bei uns war eine Brücke, die man nur einspurige befahren konnte, die eine Seite war vorfahrtberechtigt, man musste aber langsam fahren, wegen Bahngleiss, von der anderen der Warteseite fuhren die Autos mit hohem Tempo auf, da stand ich 2x mitten auf der Brücke mit einem Gegenüber, der meinte , ich müsse zurückfahren-naja, Motor ausgestellt, ne Zeitung zur Hand genommen und das wars dann-mein Partner sag ich mal, hat sich dann fluchend über den hohen Bordstein vorbei gequält, das andere Mal ein junges Mädchen, so das standen wir, einige Passanten meinten oder forderten mich auf, zurückzufahren, ein bischen Lächeln und Schulterzucken, das Mädchen fuhr zurück, was ich damit sagen will, man muss nicht jedes Mal nachgeben !