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aus Heft 18/2013 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Total verbohrt

In Österreich buddelt ein Mann seit 50 Jahren einen Stollen in einen Berg hinein. Warum? Es ist sein Hobby.

Von Tin Fischer  Fotos: Paul Kranzler



Hätte es damals, 1958, schon billige Kühlschränke gegeben, wäre Michael Altmann das alles nicht passiert. Am Fuße des Kürnbergs bei Linz wollte er eine Schenke eröffnen: ein paar Bierbänke, kühle Getränke. Also schlug er einen Lagerraum in den Sandstein, denn in so einer Kühlkammer steigt die Temperatur auch im Hochsommer nicht über neun Grad. Doch dann, als der Raum schließlich fertig war, buddelte Michael Altmann einfach weiter.

Rund tausend Tonnen Sandstein hat er bis heute aus dem Kürnberg geschlagen, 180 Meter Stollen in mehr als fünfzig Jahren, anfangs nur mit einer Spitzhacke. »An guten Tagen kam ich etwa zwanzig Zentimeter weit«, erzählt er, während er durch den Raum führt, mit dem alles angefangen hat: etwa drei auf zwölf Meter groß, düster, feucht, muffige Luft.

Altmann, mittlerweile 77, graues Haar, sieht man das Höhlengraben an: Seine Arme sind kräftig, sein Bauch ist flach, sein Rücken gekrümmt. Im Dorf nennen ihn die Leute nur »den Muck.«

Zunächst legte er sich damals noch einen Grund zurecht, warum er weitergraben wollte: Ein Rutengänger hatte ihm prophezeit, dass er auf Wasser stoßen werde. Einen Grund brauchte er: Die Schenke hat er nie eröffnet, weil ihm das Bezirksamt die Genehmigung versagt hat.

Tagsüber fuhr Michael Altmann Taxi in Linz, abends grub er seinen Stollen: Pfeilgerade führt der Gang in die Tiefe, so steil wie eine Passstraße, nur fünfzig Zentimeter breit und einsfünfzig hoch. Die Wände hat Altmann mit Beton ausgekleidet, damit ihm die Decke nicht auf den Kopf fällt. Er grub auf eigenes Risiko. Eine Bewilligung brauchte er nicht. Das Bergbauamt sah Fälle wie seinen nicht vor und die örtliche Baubehörde interessiert sich nur für Bauten über dem Boden. Den Schutt transportierte Altmann in den ersten Jahren mit der Schubkarre ab und verschenkte ihn an Häuslebauer. Wurde seine Spitzhacke stumpf, feuerte er einen kleinen Ofen an und legte die Spitze in die Glut, um sie anschließend wieder zu schärfen. Wenn es gar nicht mehr weiterging, besorgte er sich Sprengstoff, sogenannten Donarit, der im Bergbau verwendet wird – Altmann hatte bei der Feuerwehr die Sprengprüfung abgelegt und durfte den Sprengstoff deshalb kaufen.

Michael Altmanns Leben teilte sich damals immer mehr in ein Unten und ein Oben. Oben, über der Erde, verlief es in den geregelten Bahnen einer Nachkriegsbiografie. Er trat der Feuerwehr bei, heiratete und übernahm mit seiner Frau 1965 ein Wirtshaus. Unten spielte der Kürnberg weiter sein Spiel mit ihm. Statt Wasser spuckte er Haifischzähne, Muscheln oder Knochen aus. Vor allem aber gab er Altmann das wohlige Gefühl von Sicherheit. Nie habe er Angst gehabt, wenn er allein und im schwachen Licht seiner Kerze gegraben habe, nie, sagt Altmann energisch, während er immer tiefer den engen Gang entlangführt. Im Gegenteil. Als 1962 der atomare Ernstfall drohte, habe er, Kriegskind, am Eingang zwei Stahltüren montiert und Rationen für 14 Tage angelegt. Der Stollen war fortan sein Bunker.
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