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aus Heft 18/2013 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Zurück zu dir

Die eine wächst mit liebevollen Eltern auf und wird Golfprofi. Die andere leidet fast ihr ganzes Leben unter einem gewalttätigen Vater und einer selbstsüchtigen Mutter. Dann, mit Ende 50, finden sie heraus, dass sie Schwestern sind, Zwillingsschwestern. Die Geschichte einer langen Suche.

Von Christoph Cadenbach  Fotos: Kate Peters



Als sie sich nach 59 Jahren schließlich gegenüberstehen, in der Lobby des »Holiday Inn« in Newcastle, müssen sie nicht mehr reden. Sie erkennen sich ohne ein Wort und schließen sich in die Arme. Es fühlt sich an wie die angenehme innere Leere nach einem Marathonlauf: keine Aufgabe mehr, kein Ziel. Bloß Genugtuung, für kurze Zeit zumindest. Wenn Jenny Lee Smith und Helen Edwards von diesem Moment erzählen, schauen sie sich noch heute, fünf Jahre später, ziemlich glücksbeduselt an.

Ihre Geschichte klingt wie ein Rosamunde-Pilcher-Roman: zwei Mädchen, die in den Fünfzigerjahren im rauen Norden Englands aufwachsen, die eine bei liebevollen Eltern, die andere bei einer selbstsüchtigen Mutter und einem Vater, der sie schlägt. Ihre Leben könnten kaum unterschiedlicher verlaufen – bis sie nach mehr als fünfzig Jahren plötzlich herausfinden, dass sie Schwestern sind, Zwillingsschwestern sogar, da sind sich Jenny und Helen sicher.

An einem Samstag Mitte April sitzen die beiden in Jennys Esszimmer: zwei Frauen Anfang sechzig, schlank und fit und gut gelaunt wie Silver Ager aus der Werbung. Helen ist übers Wochenende mit ihrem Mann zu Besuch. Im Fernsehen läuft Pferderennen, durch das Fenster scheinen die ersten warmen Sonnenstrahlen dieses Frühlings und erhellen zusätzlich die Stimmung im Raum. Es war nicht ganz leicht, Jennys Haus zu finden, weil es versteckt hinter mauerhohen Rhododendronbüschen liegt, am Rand einer kleinen Stadt in der sehr grünen, sehr idyllischen Grafschaft Kent südlich von London. Es ist ein großzügiges Anwesen mit klassischer dunkler Klinkerfassade. Jenny hat Karriere als Golfprofi gemacht. Sie war 1976 die erste Gewinnerin der British Open im Frauengolf und ist danach durch die USA getourt; noch so ein Detail wie aus einem kitschigen Roman.
 
»Als Dreijährige«, erzählt sie, »bin ich zum ersten Mal auf einem Golfplatz gestanden. Mein Vater hat mir damals einen Holzschläger zurechtgesägt, damit ich den Ball überhaupt treffen konnte.«

Jenny ist als Einzelkind aufgewachsen. Ihr Vater arbeitete als Geschäftsmann, ihre Mutter war Friseurin. Die Familie hatte ein Haus in Newcastle und eine Ferienhütte am Strand, gleich daneben lag ein Golfplatz, so ist sie zu dem Sport gekommen. »Wir waren nicht reich«, sagt sie, »aber meine Eltern haben mich geliebt und mir vieles ermöglicht.« Mit 14 hat sie dann erfahren, dass sie adoptiert wurde.

»Es war purer Zufall«, sagt sie. »Ich habe mit einer Cousine gestritten, als die plötzlich meinte: ›Was willst du eigentlich? Du gehörst gar nicht zur Familie! Deine Mama ist nicht deine echte Mama!‹ Ich war natürlich total geschockt und habe meine Mutter auf dem Heimweg darauf angesprochen. Sie sagte, dass es stimme, wollte mir aber nichts von meinen leiblichen Eltern erzählen. ›Wir sind deine Eltern, wir lieben dich‹, meinte sie nur.« Damit begann für Jenny die komplizierte Suche nach ihren Wurzeln, bei der sie vorgehen musste wie ein Detektiv.

Helen dagegen ist in schwierigeren Verhältnissen groß geworden. In den Geschichten aus ihrer Kindheit riecht es nach Kohlenstaub. Auch ihre Eltern haben in Newcastle gelebt, in einer Siedlung für Minenarbeiter. Ihr Vater Tommy hatte ein unbeherrschtes Temperament. »In einem Moment ist er mit meiner Mutter durch die Wohnung getanzt, im nächsten haben sie sich angeschrien, dann hat er sie geschlagen – und wenn ich im Weg stand, hat er auch mir eine geknallt und mir dann noch die Schuld gegeben: ›Was stehst du hier auch so dumm rum!‹ Das war das Schlimmste daran«, sagt Helen.
Von ihrer Mutter Mercia konnte sie keine Hilfe erwarten. »Die war genauso schlimm«, sagt sie. »Als ich fünf war, habe ich mir auf dem Pausenhof den Knöchel gebrochen, und meine Mutter musste mich ins Krankenhaus bringen. Sie hat mich getragen, weil ich nicht auftreten konnte – und sich den ganzen Weg nur beschwert, wie anstrengend das sei und dass ich ihr jetzt den Tag versaut hätte.«

Helen kann viele solche Episoden erzählen: wie ihre Eltern mit ihr nach Südafrika ausgewandert sind, wo ihr Vater Tommy mit einem Strick um den Hals einmal so getan hat, als hätte er sich erhängt. Als er sieht, wie Helen erschrickt, lacht er sie nur aus. Ein paar Jahre später, 1971, stirbt er dann tatsächlich an einem Herzinfarkt. Helen, inzwischen 21 Jahre alt, verheiratet und Mutter, geht zurück nach England, weil sie nicht will, dass ihr Kind in dem rassistischen Apartheid-Regime aufwächst. Ihre Mutter Mercia folgt ihr und zieht bei ihr ein.

Es dauert bis 1981, bis Jenny herausfindet, dass diese Mercia auch ihre leibliche Mutter ist. Kurz zuvor hatte die britische Regierung ein Gesetz geändert, das es adoptierten Kindern nun erlaubt, ihre Geburtsurkunde einzusehen. Unter dem Punkt »Mutter« steht darin der Name »Mercia Dick«, ein Vater ist nicht verzeichnet, aber eine Adresse, zu der Jenny fährt.

Doch Mercia ist weggezogen, Jenny trifft nur eine Schwester von ihr – ihre Tante also. »Und als ich ihr erzählt habe, wer ich bin, hat sie mich plötzlich umarmt und geküsst und vor Freude geweint: ›Wir wussten immer, dass du irgendwann zurückkommst!‹, hat sie gesagt und dann Mercia angerufen, um auch ihr die Neuigkeiten zu erzählen, aber die hat nur entgegnet: Das habe doch alles keinen Sinn, ich solle besser verschwinden.« Jenny, das Adoptivkind, wird ein zweites Mal von ihrer leiblichen Mutter zurückgewiesen. Doch sie gibt nicht auf.
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