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aus Heft 19/2013 Liebe & Partnerschaft Noch keine Kommentare

Elena & Giacomo

Die beiden Italiener gehören zu den bekanntesten Messerwerfern der Zirkuswelt. Aber sie treten nicht nur seit 22 Jahren zusammen auf, sondern sind auch genauso lang miteinander verheiratet. Ein Gespräch über die Frage aller Fragen: Wie geht das mit dem Messerwerfen, wenn man sich gerade vorher gestritten hat?

Von Stefan Maiwald (Interview)  Fotos: Frank Bauer

Elena ist mit der Armbrust auch ganz gut, ein Rollentausch käme für sie aber nicht in Frage.
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SZ-Magazin: Giacomo, wie oft haben Sie Ihre Frau schon mit Messern beworfen?

Giacomo Sterza: Ich werfe pro Auftritt rund hundert Stück und verschieße zehn Pfeile mit der Armbrust. Das Messerwerfen ist übrigens echte Schwerstarbeit, ich musste mich schon mal wegen eines Tennisarms behandeln lassen. Jedenfalls treten wir zwei bis drei Mal pro Tag auf, Ruhetage sind selten, also sind wir bislang bei etwa 1,3 Millionen Würfen.

Jeder davon potenziell lebensgefährlich. Elena, was hat Ihre Mutter gesagt, als Sie einen Messerwerfer heirateten?

Elena Busnelli: Alles ganz normal in der Zirkuswelt! Die Alternative wäre ja gewesen, dass er mich als Trapezkünstler in zwanzig Meter Höhe durch die Luft wirbelt.
Sterza: Ich verrate Ihnen was: Wir mussten die Nummer erfinden! Um immer zusammen sein zu können.
Busnelli: Ansonsten sind wir ein ganz normales Paar. Außer dass bei uns eben Messer fliegen.
Sterza: Wirklich! Wir stammen beide aus alten Zirkusfamilien, wie fast alle, die im Zirkus arbeiten. Wir sind ein eigenes kleines Volk. Unsere Großväter waren bekannte Turner, doch damals bekamen Sportler kaum Geld. Deswegen mussten Athleten wie Turner oder Gewichtheber nebenbei im Zirkus arbeiten. So sind die großen Zirkusfamilien entstanden. Auch ich habe am Trapez angefangen, dann als Clown gearbeitet und seit meinem 13. Lebensjahr mit Messern trainiert.
Busnelli: Früher musstest du beim Zirkus alles machen, vom Kartenabreißer über die Hochseilnummer bis zum Clown. Heute hat sich alles stärker spezialisiert.
Sterza: Wäre ich im Trapez geblieben, dann hätten wir nie zusammengearbeitet. Ich wäre mit Hochseilartisten durch die Welt gereist, Elena mit Jongleuren. Wir sind im Showbusiness: Der eine tritt in Paris auf, der andere in Berlin. Wie könnte so eine
Beziehung funktionieren? Also überlegten wir als frisch Verliebte, was wir gemeinsam tun könnten. 1991, ein Jahr nach unserer Hochzeit, fand zum ersten Mal das Zirkusfestival von Verona statt. Das war unsere Chance, und so starteten wir dort als Messerwerfer.

Elena, hatten Sie keine Angst?
Busnelli: Keinen Augenblick! Ich bin zwar immer nervös, auch heute noch, aber nur so wie Theaterleute vor ihrem Auftritt. Ich bin im Zirkus aufgewachsen, ich weiß: Du darfst keine Angst haben, sonst hast du den falschen Job. Du machst es ja nicht nur einmal, sondern Tausende Male.
Sterza: Ich erzähle jetzt mal etwas über den Mut meiner Frau. Ich war vor einigen Jahren bei einer Fernsehshow in den Niederlanden eingeladen. Dort wollte eine Kandidatin, dass sich ihr Verlobter als Liebesbeweis einem Messerwerfer aussetzt. Der Bursche machte einen harten Eindruck, aber als er dann vor der Wand stand, war er fix und fertig. Er stellte sich hin wie ein Fußballer in der Freistoßmauer, er schwitzte und zitterte am ganzen Körper. Was die Leute nicht verstehen: Die Messer sind schon beeindruckend genug. Aber selbst an der Wand zu stehen und die Messer neben sich einschlagen zu hören, das ist noch mal etwas ganz anderes.

Ehepaare streiten sich auch mal.
Sterza: Natürlich streiten wir. Oft übrigens direkt vor dem Auftritt!
Busnelli: Ja, irgendetwas stimmt mit seinem Kostüm nicht, und ich …
Sterza: … dann zupft sie an mir herum, und das macht mich ganz verrückt.

Was machen Sie, wenn Sie nach einem gewaltigen Krach auf die Bühne müssen?

Busnelli: Zum Glück sind wir Profis. Der Auftritt ist der Auftritt und nichts sonst.

Woher kommt dieses Vertrauen? Immerhin riskieren Sie Ihr Leben.
Busnelli: Wir Zirkusleute kennen einander. Wir wissen, was wir können und was nicht. Bei Giacomo spüre ich einfach, dass nichts passieren kann. Letztes Jahr hat uns ein französischer Fotograf ein paar Tage lang begleitet. Er knipste uns bei unseren Auftritten, direkt in der Manege. Er wollte unbedingt die Angst in meinen Augen festhalten – genau in dem Moment, wenn die Messer oder die Pfeile einschlagen. Es ist ihm nicht gelungen. Weil es sie nicht gibt.

Jetzt mal ehrlich: Gibt es einen Trick?
Sterza: Nein, keinen Trick. Ich höre zum Beispiel immer diesen Quatsch mit angeblich ausbalancierten Messern, die automatisch mit der Spitze ins Ziel einschlagen. Unsinn. Die Messer drehen sich, und wenn man falsch kalkuliert, knallen sie eben mit dem Griff gegen die Wand und fallen runter. Die richtige Kalkulation ist Talent und Erfahrung. Wenn man es richtig anstellt, kann man auch einen Schraubenzieher zum Messerwerfen verwenden.

Haben Sie Angst, dass irgendwann doch etwas passiert?

Sterza:
Na ja, es ist wie mit dem Autofahren: Je mehr Kilometer du fährst, desto wahrscheinlicher wird es, dass du doch mal einen Unfall baust. Egal, wie vorsichtig du bist. Aber ich tue alles, um das Risiko zu minimieren. Meine Armbrust zum Beispiel darf niemand anrühren. Wirklich niemand. Sie lagert an einem sicheren Ort bei möglichst gleichbleibender Temperatur. Auch wenn mein Modell modern ist: Der grundlegende Mechanismus ist 800 Jahre alt und ziemlich störanfällig. Da braucht es viel Pflege.

Wie trainieren Sie?
Sterza: Unser Wohnwagen ist zwölfeinhalb Meter lang, und das ist gut, denn in der Manege schieße ich meine Armbrust aus etwa zehn bis zwölf Metern auf Elena ab. Unterwegs trainiere ich, indem ich vom Wohnzimmer quer durch den Wagen auf den Schlafzimmerschrank ziele. Meine Armbrust ist ein launisches Ding und nie so zuverlässig, wie ein Gewehr sein könnte. Messer werfe ich immer draußen. Vor allem trainiere ich den Kreisel, auf den ich in der Show Elena spanne. Beim Üben spanne ich tatsächlich Kleidung auf einen Kreisel. Und ich stelle die Musik an, die bei unseren Nummern läuft.

Die schwierigste Nummer Ihres Auftritts?
Sterza: Der Tell-Schuss mit der Armbrust auf den Apfel. Nicht so sehr wegen des Schusses selbst, sondern weil er am Ende unserer Nummer kommt, wo du schon echt kaputt bist. Der Schweiß fließt und das Herz rast. Übrigens: Die wenigen Konkurrenten, die sich an diese Nummer herantrauen, tricksen oft ein bisschen. Da hat die Assistentin dann gern eine mächtig auftoupierte Frisur, auf die der Apfel platziert wird. Bei mir und Elena sind zwischen Stirn und Apfel keine fünf Zentimeter Platz.

Haben Sie mal über einen Rollentausch nachgedacht?
Busnelli: Ach, mit der Armbrust bin ich ganz gut. Aber es passt nicht zu unserer Nummer. Es ist nicht mein Charakter, und ich finde es einfach nicht feminin.

Wie lange wollen Sie Ihre Nummer noch machen?

Sterza: Wir Zirkusmenschen denken nicht in Kategorien wie »Arbeit« und »Rente«.
Busnelli: Wir machen so lang weiter, wie wir können.
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