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aus Heft 20/2013 Literatur

Der Letzte seiner Art

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Foto: Andreas Nestl

Der Hanser-Chef Michael Krüger hat in seiner jahrzehntelangen Karriere viele Literaturnobelpreisträger verlegt und noch mehr Bestseller. Ende des Jahres verabschiedet er sich in den Ruhestand. Jetzt erzählt er von den ganz großen Begegnungen.



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Michael Krügers Büro im Hanser-Verlagsgebäude befindet sich im Münchner Villenviertel Bogenhausen. Vogelgezwitscher weht durch die offenen Fenster herein. Kein Verkehrslärm. Hier, inmitten Tausender Bücher, leitet Michael Krüger sein Imperium, einen der letzten von einem Konzern unabhängigen Verlage Deutschlands. Den mit den vielen Nobelpreisträgern. Krüger ist ein sehr unterhaltsamer Gesprächspartner, wenn er in seinen Fotokisten kramt, aber nie ein lauter. Krüger mag Gedichte. Computer und Handys sind ihm suspekt, er arbeitet am liebsten mit Papier.
Irgendwann bringt ihm seine Assistentin ein Tablett mit einer Brause herein. »Frau Zeller ist der Ansicht, dass ich Eisen brauche.« Dazu steckt er sich eine Marlboro Lights an. Es wird nicht seine letzte sein.


SZ-Magazin: Herr Krüger, was begeistert Sie an Literatur?

Michael Krüger: Dass man mit 26 Buchstaben alles ausdrücken kann, was vorstellbar ist. Milliarden Bücher füllen. Kein anderes System, kein anderes Spiel kann das.

Sie haben 14 Nobelpreisträger im Portfolio von Hanser. Woran erkennt man einen Nobelpreisträger?
Ganz einfach: Man muss Dichter verlegen, die sehr gut sind, die aber kein anderer anfasst wegen der herrschenden Dichterphobie. Auf diese Weise haben wir z. B. Joseph Brodsky, Derek Walcott, Tomas Tranströmer im Programm.

Warum fasst die keiner an?
Weil sie Dichter sind. Aber Dichtung gehört ja doch irgendwie zur Literatur, oder? Mich hat Dichtung immer interessiert, und dann habe ich die, die mich am meisten angesprochen haben, verlegt.

Sie waren oft in Stockholm bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an einen Ihrer Autoren. Welche hat Sie am meisten berührt?
Das war vielleicht bei Tomas Tranströmer 2011. Nach der Verleihung gibt es ein Essen, da sitzt in der Mitte an einem Tisch der traurige König mit seinen Kindern, den Staatsträgern und Nobelpreisträgern. Tomas saß neben der Ministerin für Kultur, aber er kann sich ja nicht unterhalten. 1990 hatte er einen Schlaganfall und verlor die Sprache. Er schreibt nur noch wenig, mit einem ausgeklügelten Apparat. Aber er ist geistig voll da. Und er spielt Klavier, mit der linken Hand. Er hat eine berührende CD mit Stücken für die linke Hand aufgenommen. Ich saß hinter ihm, am Tisch des gemeinen Volkes, und habe ihn alle zwei Minuten am Hals gekrault.

Kennen Sie sich schon länger?
Es muss in den Siebzigerjahren gewesen sein, beim Poetry International Festival in Rotterdam. Es gab ein Zimmer zu wenig. Man fragte mich, ob es mir was ausmachen würde, in der ersten Nacht mit einem anderen Mann in einem Zimmer zu schlafen. Da wurde mir Tomas Tranströmer ins Bett gelegt. Ein schmaler, sehr gut aussehender, jungenhafter Mann. Kurze Zeit später habe ich ihn in einem Kolloquium noch mal in Berlin wiedergesehen und dann haben wir angefangen, ihn zu übersetzen. Übrigens war Herta Müller die am besten angezogene Nobelpreisträgerin. Sie hatte es insofern leicht, als die Preisträgerin für Wirtschaft in einer Art Sack erschien.

Wenn Sie ein Manuskript lesen, gibt es dann einen Punkt, an dem Sie denken: Donnerwetter, wenn das mal kein Nobelpreis ist?
Das sind meistens die, die keinen kriegen. Jahrelang haben wir gesagt, Jorge Luis Borges muss jetzt mal den Nobelpreis bekommen, der ist fällig. Oder Italo Calvino. Borges ist fast neunzig geworden – und der Anruf kam nie. Calvino ist vor der Zeit gestorben. Der hätte ihn gekriegt, da bin ich hundertprozentig sicher.

Aber kalkulieren kann man das nicht?
Leider nicht. Allerdings gibt es vage Berechnungen. Zum Beispiel hat noch nie ein gebürtiger Israeli einen Nobelpreis gekriegt. Amos Oz, David Grossmann, weiß Gott großartige Autoren. Dann denkt man schon, der könnte doch mal – wenn Israel dran wäre.

Denkt die Akademie so quotenmäßig?

Vielleicht landkartenmäßig. Es sind ja schon viele Pfunde beim Wettbüro Ladbrokes in London auf Philip Roth gewettet worden. Das wäre für mich ein sehr schöner Abschluss, wenn einer, der viele Romane geschrieben hat, ihn kriegen würde. Denn mit Romanen verdient man Kies, sodass sich der Leihfrack lohnt.

Beklagen sich Ihre Autoren auch manchmal bei Ihnen, dass sie den Preis nie bekommen haben?
Ich glaube, Philip Roth hat sich damit abgefunden. Er sagt, er hat viel Größeres erreicht, weil er mit acht oder neun Bänden in der Library of America vertreten ist, als einer der ganz wenigen lebenden Schriftsteller, neben den toten wie Faulkner oder Mark Twain.

Auch ein ewiger Anwärter auf den Nobelpreis ist Umberto Eco. Mit ihm haben Sie mehr als vierzig Bücher gemacht.

Und er bringt mir zu festlichen Anlässen immer gern eine Krawatte mit. Eco hat ein Landhaus bei San Marino in den Marken, ein aufgelassenes Kloster mit einer alten Kirche, und im Hochsommer sitzt er an seinen Computern, riesigen Computern, in der Kirche, um ihn herum die Bühnenbilder aus Der Name der Rose, und schreibt. In der Badehose – ein nackter Priester des Wortes. Er war einer der Ersten, der vollkommen sicher war mit Computern. Eco ist immer beschäftigt, immer überarbeitet. Aber abends haben wir uns im Fernsehen alte Kriminalfilme angeguckt. Dann liegt der schwere Mann mit seinem Bart im Sessel und will sich nicht mehr intelligent unterhalten.

Von Ihnen heißt es, dass Sie früher Ihre Termine mit Derrick-Sendungen abgestimmt haben.
Der Autor Ludwig Harig und ich, wir wollten mal die sprachliche Struktur im Derrick untersuchen. Wenn einer sagte: »Da läuft ein Hase!«, dann kam garantiert die Frage: »Ein Hase?« Oder: »Ein Mord!« – »Ein Mord?« Uns interessierte der Erfolg: dass ein ganzes Land auf so eine reduzierte sprachliche Form reagierte. Man konnte jeden Satz antizipieren. Haben wir auch gemacht. Da waren wir sehr weit. Ich gucke immer noch gerne alte Tatörter, alte deutsche Krimiserien im Dritten, meist nach elf. Einmal war ich mit Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf in Australien und mache im Hotel den Fernseher an: Was läuft? Derrick!

Auf was sind Sie besonders stolz in Ihren 45 Jahren Hanser?
Aufs Durchhalten. Nicht jeder Autor schreibt ausschließlich Meisterwerke. Man muss Bücher drucken, von denen man weiß, dass sie nur wenige Leser haben werden. Aber man weiß auch, dieser Autor kann noch mehr, und irgendwann fügt sich alles zu einem Werk zusammen. Nicht alles, was Thomas Mann geschrieben hat, ist großartig.

Was war Ihre größte Niederlage als Verleger?
Wenn Bücher, von denen ich denke, dass sie ganz hervorragend sind, nach zwei Jahren vergessen sind. Ich halte zum Beispiel Reinhard Lettau für einen der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler, ein lächelnder Kafka. Vergessen. Und ich bin der Meinung, dass Botho Strauß hunderttausend Leser mehr haben sollte.
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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler bewundern Michael Krüger für seine Vielseitigkeit: 1973 spielte er die Hauptrolle inklusive Nacktszene in dem Film Clinch von Bernhard Sinkel, »für den dieser nie den deutschen Filmpreis erhalten hat« (Krüger).

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