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aus Heft 20/2013 Gesundheit

Mit allen Mitteln

Rainer Stadler (Interview) 

Um ihre geistige Leistung zu steigern, nehmen immer häufiger auch Gesunde Tabletten, die für psychisch Kranke gedacht sind. Gefährlicher Irrsinn oder medizinischer Fortschritt? Die englische Psychiaterin Barbara Sahakian sagt: Lieber Psychopharmaka als Kaffee.


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SZ-Magazin: Sie erforschen seit Jahrzehnten psychische Krankheiten und behandeln Patienten mit Medikamenten wie Ritalin und Modafinil, die das Bewusstsein verändern. Wann wurde Ihnen klar, dass zunehmend auch Gesunde Psychopharmaka schlucken?

Barbara Sahakian: So richtig bewusst wurde mir das bei einem Treffen von Neuropsychiatern in Florida vor einigen Jahren. Mein Vortrag war für den Nachmittag angesetzt. Ich beschwerte mich, weil ich aus London angereist war und einen Jetlag hatte. Also bat ich um einen Termin am Vormittag. Ein Kollege bot mir stattdessen eine Modafinil-Tablette an. Ich sah ihn überrascht an. Er meinte, er nehme das immer, wenn er Jetlag habe. Sofort fragte ich mich, ob die anderen Kollegen wohl auch solche Substanzen nähmen.

Bekamen Sie eine Antwort?
Ja, während der Kaffeepause fragte ich reihum. Einer nach dem anderen gab zu, dass er zur Steigerung der geistigen Leistung Tabletten schlucke: Amphetamine, Methylphenidat, also Ritalin. Oder Modafinil, eine Substanz gegen plötzliche Schlafanfälle, die bereits an Kampfpiloten des US-Militärs getestet wurde, um ihre Konzentration auf langen Einsätzen zu verbessern.

Wird Ritalin nicht eher verschrieben, um hyperaktive Kinder ruhig zu stellen?

Ritalin bewirkt, dass sich Patienten nicht mehr so impulsiv verhalten, hat also eine hemmende Wirkung. Es stimuliert aber auch gewisse Regionen des Gehirns. Patienten sind dann wacher und besser in der Lage, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Inzwischen haben mehrere Untersuchungen belegt, dass Psychopharmaka in der gesunden Bevölkerung weit verbreitet sind. Umfragen unter Studenten weltweit ergaben, dass bis zu zwanzig Prozent stimulierende Mittel nutzen, um Stress zu bewältigen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
Zweifellos. Studenten sind nur eine Gruppe. Nach einem Vortrag kam kürzlich eine Frau auf mich zu, die in einem Medizinlabor arbeitet, und erzählte: Der Labordirektor nimmt Modafinil, die Mitarbeiter nehmen es. Und in Zukunft wird es so sein, dass es zwei Sorten von Menschen gibt: diejenigen, die es nehmen, und den Rest. Das mag übertrieben klingen, aber mein Eindruck ist, dass immer mehr Menschen solche Medikamente nehmen. Deshalb halte ich eine öffentliche Diskussion für überfällig.

Lassen Sie uns doch bei den Menschen beginnen, für die Psychopharmaka ursprünglich vorgesehen waren. Auch hier hat die Anzahl der Verschreibungen ja massiv zugenommen. Warum?
Lange Zeit wurde bei der Behandlung psychisch Kranker ein Aspekt vernachlässigt: der Verlust von kognitiven Funktionen, etwa die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu speichern und zu verarbeiten. Für viele bedeutet die Diagnose Schizophrenie oder Depression, dass sie in einer Einrichtung verschwinden und für lange Zeit am Arbeitsplatz ausfallen. Und wenn sie wieder zurückkehren, haben sie große Schwierigkeiten, mit den kognitiven Anforderungen ihrer Arbeit fertigzuwerden. Das
kostet nicht nur die Wirtschaft viel Geld, sondern schmälert auch das Wohlbefinden der Betroffenen. Deshalb habe ich immer versucht, bei der Therapie psychisch Kranker auch deren kognitive Fähigkeiten zu verbessern. Dabei sind Mittel wie Ritalin oder Modafinil durchaus hilfreich.

Ist der wirtschaftliche Effekt nicht nebensächlich, wenn es um die Heilung Kranker geht?
Ich halte es für extrem wichtig, dass die Betroffenen zur Arbeit gehen können und sich natürlich auch um ihre Kinder kümmern. Dass sie also im Alltag funktionieren. Das ist wichtig für die Umgebung dieser Menschen, aber auch für ihr Selbstwertgefühl.

Sie haben sich in diesem Zusammenhang mit der Frage auseinandergesetzt, wie der Mensch Entscheidungen trifft. Warum interessiert Sie das?

Weil Entscheidungen ein so integraler Bestandteil unseres Lebens sind, wir fällen jeden Tag Hunderte, bewusst oder unbewusst. Gerade Menschen, die unter Depression leiden oder einer Manie, fühlen sich aber bereits mit einfachsten Entscheidungen überfordert. Deshalb haben viele von ihnen so große Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen.

Woher rühren diese Schwierigkeiten?
Wir lernen gerade, das zu verstehen. Dabei haben wir die Entscheidungen in zwei Kategorien eingeteilt: kalte und heiße Entscheidungen. Unter kalten Entscheidungen verstehe ich einfache Fragen, die sich rational beantworten lassen, etwa: Es regnet – soll ich trotzdem mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder lieber mit dem Bus? Bei den heißen Entscheidungen geht es um grundsätzlichere Dinge, Intuition und Gefühle spielen eine wichtige Rolle: Soll ich meinen Partner heiraten? Ist es an der Zeit, den Job zu wechseln?

Inwiefern hilft Ihnen diese Unterscheidung bei der Forschung weiter?

Studien haben ergeben, dass Patienten mit Schäden im dorsolateralen präfrontalen Kortex, einer Region an der Stirnseite des Gehirns, sehr schlecht bei kalten Entscheidungen sind, aber sehr gut bei heißen Entscheidungen. Bei Patienten mit Schäden im orbitofrontalen Kortex ist es genau umgekehrt. Es scheint also, dass bestimmte Regionen des Hirns für verschiedene Arten von Entscheidungen von elementarer Bedeutung sind.

Wie lässt sich die Qualität einer Entscheidung messen?
Dafür gibt es Computertests. Einen haben wir hier in Cambridge entwickelt: Auf dem Bildschirm werden zehn Hütchen eingeblendet, unter einem befindet sich eine goldene Münze. Die Hütchen sind rot und blau. Mit jeder Runde ändert sich die Verteilung der Farben, mal sind es vier blaue und sechs rote, mal acht blaue und zwei rote. Der Spieler muss wetten, ob sich die Münze unter einem blauen oder roten Hütchen findet. Aus solchen abstrakten Tests lassen sich viele Schlüsse ziehen, etwa, ob ein Spieler zu riskantem Verhalten neigt.

Konnten Sie weitere Unterschiede zwischen psychisch kranken und gesunden Menschen feststellen?

Psychisch Kranke neigen dazu, negatives Feedback überzubewerten und positives auszublenden. Angenommen, ein Vorgesetzter in der Arbeit sagt nach Abschluss eines Projekts: Das hast du sehr gut gemacht, beim nächsten Mal solltest Du vielleicht noch diesen oder jenen Punkt berücksichtigen. Psychisch stabile Menschen würden die Bemerkung als Lob verstehen und den Verbesserungsvorschlag wohlwollend aufnehmen. Ein depressiver Mensch wird eher nur den zweiten Teil des Satzes aufnehmen, und zwar als Kritik an seinem Verhalten.

Wie lässt sich diese unterschiedliche Wahrnehmung nachweisen?

Durch Beobachtungen im Hirnscanner: Bei gesunden Menschen werden in solchen Situationen Teile des Gehirns deaktiviert, etwa die Amygdala. So können wir eher nüchtern mit dem umgehen, was uns andere Menschen entgegenhalten. Im Gehirn von depressiven Menschen funktioniert der Mechanismus nicht, bei ihnen bleibt die Amygdala aktiv, sie werden von ihren Gefühlen überwältigt.

Beeinflusst das auch ihre Entscheidungen?
Wer alle Einflüsse von außen nur als negativ wahrnimmt, ist auch bei seinen Entscheidungen beeinträchtigt. Diese Störung könnte sogar dafür verantwortlich sein, dass depressive Menschen im Schnitt mehr Selbstmordversuche unternehmen. Deswegen interessiert uns Forscher die Chemie des Gehirns: wie sie sich in verschiedenen Lebenssituationen verändert und wie wir sie – bei psychisch kranken Menschen – mit Medikamenten verändern können.

Beschäftigen Sie sich auch mit der rasant wachsenden Zahl von Alzheimer-Patienten?

Natürlich. Leider erhalten viele die Diagnose erst, wenn wesentliche Hirnfunktionen schon gestört sind: Sprache, Problemlösung, Gedächtnis. Das bedeutet: Wichtige Teile und Verbindungen des Gehirns sind bereits geschädigt, dann wirken auch keine Medikamente mehr. Deshalb versuchen wir, Alzheimer-Patienten bereits zu erkennen, wenn sich die ersten Probleme mit dem episodischen Gedächtnis manifestieren.

Welche Probleme meinen Sie?

Na ja, man bekommt zum Beispiel zunehmend Schwierigkeiten, sich zu erinnern, wo man im Parkhaus sein Auto abgestellt hat. Oder man ist
zu Hause permanent auf der Suche nach dem Schlüssel.
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Pillen fürs Hirn? Rainer Stadler würde schon die von der Wissenschaft seit Jahrzehnten angekündigte Spracherkennungs-Software reichen, die ihm endlich das stundenlange Abtippen von Interview-Bändern erspart.

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