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aus Heft 20/2013 Außenpolitik

Ein Körnchen Wahrheit

John Vidal  Fotos: Chiara Goia

In einem Dorf in der ärmsten Region Indiens hat ein Kleinbauer eine Weltrekordmenge Reis geerntet – ohne Dünger, ohne Pestizide. Hat der Mann tatsächlich das Geheimnis des Anbaus entdeckt? Und: Könnte seine Methode den Hunger in der Welt besiegen?


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Als Sumant Kumar, ein Kleinbauer aus dem Dorf Darveshpura im Nordosten Indiens, sich im vergangenen Jahr an die Reisernte machte, konnte er sein Glück kaum fassen. Zwar waren die Wetterbedingungen besonders gut gewesen, und er wusste auch, dass sich die vier, fünf Tonnen pro Hektar Land, die er sonst geerntet hatte, durchaus steigern ließen. Doch diesmal schienen jeder Halm schwerer und jedes einzelne Korn größer als sonst zu sein, und als der Ertrag schließlich auf den alten Waagen des Dorfes gewogen wurde, war er regelrecht schockiert. Kumar, ein scheuer junger Bauer aus dem Bezirk Nalanda im bettelarmen Bundesstaat Bihar, hatte es geschafft, seinem Feld am Ufer des Flusses Sakri erstaunliche 22,4 Tonnen Reis pro Hektar abzuringen – ohne jeden Kunstdünger und ohne den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Das war Weltrekord. Und eine großartige Nachricht in einer Welt, in der Reis das Grundnahrungsmittel für mehr als Hälfte der Menschheit ist.

Kumars Ergebnis war besser als jene 19,4 Tonnen, die der chinesische Agrarwissenschaftler Yuan Longping erzielt hatte, der immerhin »Vater des Reises« genannt wird. Es übertraf sowohl die Resultate des von der Weltbank finanzierten »International Rice Research Institute« auf den Philippinen als auch die aller europäischen und US-amerikanischen Unternehmen, die gentechnisch veränderte Reissorten entwickelt haben. Doch nicht nur Sumant Kumar blamierte die Profis, auch Krishna, Nitish, Sanjay und Bijay, seine Freunde und Konkurrenten in Darveshpura, hatten alle mehr als 17 Tonnen pro Hektar erzielt.

Die Dorfbewohner, wechselhaftem Klima ausgesetzt und längst daran gewöhnt, in schlechten Jahren hungern zu müssen, feierten ihren Triumph. Doch die agrarwissenschaftlichen Institute des Bundestaates schenkten ihnen lange keinen Glauben, die Bauern von Nalanda wurden der Schummelei bezichtigt. Erst als sich der oberste Landwirtschaftsbeamte Bihars, selbst ein Reisbauer, mit einem Erkundungsteam nach Nalanda aufmachte und Sumants Ernte persönlich bestätigte, wurde der Rekord anerkannt. Das Dorf, um das sich bis dahin nie jemand groß gekümmert hatte und in dem die meisten Bewohner noch nicht einmal Elektrizität hatten, war plötzlich berühmt, wurde mit einer neuen Betonbrücke, einer Bank und dem Anschluss ans Stromnetz belohnt. Sumant war zum Helden geworden, der Pre-mierminister ließ es sich nicht nehmen, ihn persönlich zu beglückwünschen.

Das hätte auch schon das Ende der Geschichte sein können – wenn es Sumants Freund Nitish nicht ein halbes Jahr später geschafft hätte, den Weltrekord für Kartoffelernten zu brechen, und kurz danach Ravindra Kumar, ein Kleinbauer in einem nahe gelegenen Dorf, den Landesrekord für Weizen übertraf. Seitdem gilt Darveshpura als »Indiens magisches Dorf«. Unzählige Wissenschaftler, Entwicklungshelfer, Bauern,
Beamte und Politiker bemühen sich, sein Geheimnis zu ergründen.

Untersuchungen des Bodens ergaben, dass er hier ungewöhnlich reich an Silizium ist, doch der Grund für die Rekordernten ist eine Anbaumethode, die »System of Rice
Intensification« (SRI) genannt wird. Sie bewirkt dramatische Ertragssteigerungen bei Weizen, Kartoffeln, Zuckerrohr, Tomaten, Knoblauch, Auberginen und vielen anderen Nutzpflanzen und wird als eine der bedeutsamsten landwirtschaftlichen Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre gefeiert.

Traditionellerweise wird Reis angebaut, indem drei bis vier Wochen alte Schößlinge in Büscheln in die Erde gepflanzt und die Felder geflutet werden, um den Reis ständig mit Wasser zu versorgen und das Unkraut niederzuhalten. Bei der SRI-Methode werden die Schößlinge schon nach acht bis zwölf Tagen und noch dazu einzeln in die Erde gesetzt, der Abstand zwischen ihnen ist größer, zudem wird der Boden trockener gehalten, was das Wachstum befördert. Das Unkraut muss deshalb von den Bauern gejätet werden – das wiederum belüftet den Boden. Kurzum: Durch die SRI-Methode werden die Wachstumsbedingungen verbessert, mit weniger Saatgut lassen sich höhere Erträge erzielen; allerdings ist das Verfahren arbeitsaufwendiger.

Während die sogenannte grüne Revolution, die in den Siebzigerjahren Indien Hungersnöte ersparte, auf verbessertem Saatgut, teuren Pestiziden und chemischen Düngern beruhte, verspricht die neue Methode langfristige und nachhaltige Erfolge ohne zusätzliche Investitionskosten. In einer Zeit, in der ein Siebtel der Menschheit hungert und das Angebot an Reis die Nachfrage nur noch zwanzig Jahre stillen kann, falls es nicht entweder zu einer signifikanten Abnahme der Weltbevölkerung oder zu deutlich gesteigerten Produktionszuwächsen kommt, werden in die SRI-Methode große Hoffnungen gesetzt. Selbst eine nur dreißigprozentige Steigerung der Ernten von Kleinbauern könnte für deutliche Entspannung sorgen.

Die Kleinbauern von Nalanda haben Samen der deutschen Firma Bayer benutzt, die keinen Bio-Kriterien entsprechen. Aber die SRI-Methode kann mit jedem Samen zum Einsatz kommen. »Die Bauern brauchen weniger Saatgut, weniger Wasser und weniger Chemie, also weniger Investitionen, aber sie bekommen mehr«, sagt Dr. Surendra Chaurassa vom Landwirtschaftsministerium in Bihar. »Das ist revolutionär.« Die Resultate im Bundesstaat haben seine Hoffnungen übertroffen: Die überschaubare Investition, ein paar Hundert Bauern in der neuen Anbaumethode zu unterweisen, habe in der Region die Ernteerträge um 45 Prozent gesteigert.
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John Vidal ist Redakteur bei der Londoner Zeitung Guardian, sein Fachgebiet sind Umweltthemen. Wer mehr über die SRI-Methode erfahren möchte, dem empfiehlt er die Website sri.ciifad.cornell.edu

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