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aus Heft 20/2013 Reise

Dem Himmel so nah

Titus Arnu  Fotos: Marco Volken

In den Schweizer Bergen gibt es Toiletten, in denen würde man glatt seine Sommerferien verbringen.


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Von oben: Steinschlaggefahr. Von der Seite: Sturmböen. Von innen: dieser fiese Druck. Bergsteiger, die im Hochgebirge mal dringend müssen, haben ein Problem. Klettergurt, Steigeisen und Hose ausziehen – das ist keine gute Idee, wenn man zum Beispiel mitten in der Eiger-Nordwand hängt. Selbst als Speed-Bergsteiger schafft man es kaum zur nächsten öffentlichen Toilette. Eine echte Scheiß-Situation, auch für die Seilschaften unterhalb.

»Saublöd, wenn man da oben muss«, sagt der Münchner Extremsportler Benedikt Böhm, der bei der Besteigung des Broad Peak (8051 Meter) mal an einer eher ungünstigen Stelle, halb überhängend, seine Notdurft verrichtete. Böhm rennt freiwillig auf die höchsten Berge der Welt und fährt mit Skiern wieder runter, aber auf Toilettengänge in der Todeszone würde er gern verzichten: »Gefährlich, unpraktisch, ungemütlich.«

Im Vergleich zu so einer Luftnummer kann einem eine Bretterbude mit Donnerbalken fast wie ein Wellnessbereich vorkommen. Das Plumpsklo neben der Guggihütte, auf 2791 Metern im Berner Oberland gelegen, bietet keinerlei Komfort, dafür aber eine spektakuläre Aussicht. Die Toilette steht auf einem Felssporn zwischen den Viertausendern Mönch und Jungfrau. Ähnlich exponiert sitzt man auf dem WC neben dem Mittelaletschbiwak, einer Notunterkunft am Aletschgletscher für 13 Personen. Im Klohäuschen hängt ein Seil, an dem man ziehen kann. Die Spülung ist eine Attrappe, Wasser gibt es nicht – eiskalter Schweizer Humor.

»Es ist diese Mischung aus Poesie und Skurrilität, die mich fasziniert«, sagt der Schweizer Bergfotograf Marco Volken. Bei Wanderungen und Skitouren in den Alpen hat er in den vergangenen 15 Jahren mehr als hundert WC-Häuschen fotografiert. Die architektonische Vielfalt hat ihn verblüfft, sie reicht vom rustikalen Holzmodell mit herzförmigem Fenster über das Kunststoffklo in knalligen Farben bis zum puristischen Metallkubus.

Manche WCs stehen wie Kunstinstallationen in der Landschaft, ihr Anblick kann einen nachdenklich machen. Wieso brauchen Bergsteiger, die Einsamkeit und Weite suchen, zum Verrichten ihres Geschäftes eine eng begrenzte Intimzone? Das Phänomen hat praktische Ursachen. Wenn sich alle irgendwo hinter einen Felsen hocken würden, könnte man bald nicht mehr durchatmen beim Wandern. Das Gebirgsklo konzentriert das Problem auf einen Punkt, auch wenn es in den meisten Fällen keine Kanalisation gibt. Neuere Modelle verfügen über einen Sammeltank, der mit dem Hubschrauber ausgeflogen und im Tal entleert werden kann.

Der Charme der stillen Örtchen im Hochgebirge wird wohl auch nach der Einführung neuer Technologien wie dem Bio-Trocken-WC erhalten bleiben. Das freut Marco Volken, der die extremsten Toiletten der Alpen getestet hat, die meisten davon mit Gänsehaut-Garantie. Ihn kann jetzt nur noch wenig schocken: »Abenteuerlich ist es vor allem dann, wenn man zu spät merkt, dass es dort kein Wasser gibt – und auch kein Toilettenpapier.«
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Titus Arnu, SZ-Mitarbeiter im Ressort Gesellschaft und Wochenende, widmet sich als erfahrener Skitourengeher und Bergsteiger seit Jahren der Erkundung abgelegener Örtchen.

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