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aus Heft 20/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Kann man das Du, das man einmal von jemandem angenommen hat, wieder rückgängig machen?

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»Mit einigen Kollegen hatte ich in meiner Ausbildung einen unmittelbaren Vorgesetzten, der uns das Du anbot, das ich in der Gruppe nicht ablehnen konnte. Just dieser Vorgesetzte wurde nun mein Chef. Welche Möglichkeit gibt es, das inzwischen sehr unangebrachte Du rückgängig zu machen?« Friedhelm K., Ulm



In Die Erben der Tante Jolesch erzählt Friedrich Torberg eine Anekdote über den Vater des österreichischen Schriftstellers Fritz von Herzmanovsky-Orlando, der Sektionschef im k. k. Unterrichtsministerium gewesen war. Als solcher sollte er den neuen Minister Baron Gautsch begrüßen, auch deshalb, weil er, ebenso wie Gautsch, das exklusive k. k. Theresianum besucht hatte, dessen Absolventen sich freundschaftlich verbunden blieben und weiterhin duzten. Deshalb wies Herzmanovsky in einer herzlichen Rede Gautsch auch auf die Verbindung als Theresianisten hin und sprach ihn mit Du an. Der neue Minister antwortete darauf jedoch ebenso knapp wie kühl und siezte Herzmanovsky demonstrativ, worauf, so Torberg, Herzmanovsky in dem darauf eintretenden betretenen Schweigen erneut das Wort ergriff: »Lieber Gautsch, gestatte mir noch einmal das trauliche Du. Leck mich im Arsch.«

Der Anekdote kann man meines Erachtens zweierlei entnehmen: zum einen, dass der Entzug des Du ein unfreundlicher, ja geradezu feindlicher Akt ist. Weil das Du mit Freundschaft verbunden sei, schreibt der Linguist Heinz Leonhard Kretzenbacher, werde die Rückkehr zum Sie als schwere Beleidigung aufgefasst, »wodurch sich die ›Höflichkeitsform‹ Sie in eine ausgesprochene ›Unhöflichkeitsform‹ verwandelt«. Diese Rückkehr aber ist, das zeigt die Anekdote zum anderen, in Fällen wie dem Ihren nicht notwendig. Eben weil das Du als so beständig aufgefasst wird, kann man es, wenn es lebensgeschichtlich und nicht nur situativ, etwa am Berg oder feuchtfröhlich, entstanden ist, auch in Konstellationen beibehalten, in denen es mancher an-sonsten als unangebracht empfindet.

Sie können natürlich Ihrem Chef gegenüber Ihre Bedenken offen ansprechen und sich darauf einigen, wieder zum Sie überzugehen. Einvernehmlich ist das jederzeit möglich, aber ich als Ihr Chef würde fragen: Warum?


Quellen:


Friedrich Torberg, Die Erben der Tante Jolesch, dtv München 1981, S. 210

Heinz Leonhard Kretzenbacher, Wulf Segebrecht, Vom Sie zum Du – mehr als eine neue Konvention? Luchterhand Literaturverlag, Hamburg und Zürich 1991, S. 59

Allgemein zum Duzen und Siezen und seiner Geschichte lesenswert:
Duzen, Siezen, Titulieren. Zur Anrede im Deutschen heute und gestern, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2. Auflage 1998


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Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an DR. DR. RAINER ERLINGER gewissensfrage@sz-magazin.de

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