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aus Heft 21/2013 Musik

Tuba or not tuba

Johannes Waechter  Fotos: Ramon Haindl

So was wie LaBrassBanda dürfte es eigentlich gar nicht geben: mit bayerischer Blasmusik in die Popcharts. Das Wunder wird noch größer, wenn man sich anschaut, wer dahintersteckt: lauter dickschädelige Individualisten.



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Für Verlierer sehen Andreas Hofmeir und Oliver Wrage recht zufrieden aus. Gerade haben sie mit ihrer Band LaBrassBanda denkbar knapp den deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest in Malmö verloren. Es roch ein wenig nach Schiebung, Buhrufe schallten am 14. Februar durch die TUI Arena in Hannover. In einem TV-Interview am Bühnenrand verzichten Hofmeir und Wrage, Tubaspieler und Bassist bei der bayerischen Band, auf Kritik an der sogenannten Experten-Jury, deren Votum sie den Sieg gekostet hat, und wünschen den Siegern viel Glück in Malmö. Als das Fernsehteam verschwunden ist, verrät Hofmeir, der immer noch seine Bühnenkluft aus T-Shirt und Lederhose trägt, den wahren Grund, warum die Band glücklich über den zweiten Platz ist: Ein Sieg hätte nahezu unlösbare Probleme mit sich gebracht. »Wir spielen grundsätzlich immer live«, sagt Hofmeir. »Beim Song Contest ist aber nur der Gesang live, der Rest kommt vom Band. Wir hätten dort also nicht unsere Instrumente spielen dürfen.« Und dann? »Wären wir gar nicht erst hingefahren.«

Auf der Aftershowparty steht Trompeter Stefan Dettl bei Willy Ehmann, Chef von Sony Music Deutschland, der LaBrassBanda vor einer Woche unter Vertrag genommen hat. Beide wissen: Heute Abend hat sich gezeigt, dass die Musik von LaBrassBanda, ihre Mischung aus Blasmusik und Tanzrhythmen, vielleicht doch nicht nur ein Nischenprodukt ist. »Nicht mehr mit dem Stefan reden! Der ist besoffen!«, hatten seine Bandkollegen gewarnt. Doch Dettl scheint einiges zu vertragen, jedenfalls wirkt er klar im Kopf, als er feststellt: »Dass eine Band wie wir hier auftreten durfte und so gut ankommt, ist eigentlich ein Wunder.«

Halleluja. Aber es stimmt. Wie konnte das passieren? Wenig verwunderlich ist sicherlich, dass LaBrassBanda in Hannover ein paar Schlagersternchen an die Wand spielen konnten: Der physische Druck von Posaune, Tuba und Trompete, der treibende Rhythmus sowie ihre Neigung zu Spontaneität und Anarchie machen die Band auf der Bühne zum Erlebnis. Auch beim Song Contest war es so, dass die Band trotz Live-Übertragung spontan entschied, das eingeprobte Arrangement über den Haufen zu werfen, und ihren Song Nackert einfach eine Minute länger spielte als geplant; im Regieraum raufte man sich die Haare.

Das eigentliche Wunder besteht darin, dass eine Band mit dieser Besetzung, die zudem noch Bairisch singt, vor dem Sprung in die deutsche Pop-Elite steht. Techno-Clubs spielen in dieser ungewöhnlichen Geschichte genauso eine Rolle wie die Berliner Philharmoniker, Blaskapellen und das Münchner »Hofbräuhaus«. Es ist die Geschichte einer neuen musikalischen Idee, die nicht in Los Angeles oder London entstand, sondern dort, wo man seinen Gamsbart noch mit Würde trägt und sonntags zum Preisplattln geht – im Chiemgau. LaBrassBanda sind in der dortigen Blasmusik zu Hause, reichern diese aber mit den temporeichen Riffs der Gypsy Brass Bands vom Balkan an. Die Beats – Techno, Dub, Reggae, Ska – kommen aus der modernen Clubmusik. 500 Konzerte waren nötig, um diese Idee zur Reife zu bringen, viel Ehrgeiz und Bühnenschweiß und eine Band-Konstellation, die wesentlich komplizierter ist, als es den Anschein haben mag: Alle fünf Mitglieder von LaBrassBanda verfolgen aufwendige Soloprojekte, Andreas Hofmeir ist mit 34 Jahren bereits Tuba-Professor am Salzburger Mozarteum. So kommt es, dass alles bei LaBrassBanda mit irrsinnigem Aufwand verbunden ist und die Band sich von einer Zerreißprobe zur nächsten hangelt. Zum Beispiel bei dem Versuch, im Frühjahr ihr neues Album aufzunehmen.

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Beim Besuch in Truchtlaching nutzte Johannes Waechter die Gelegenheit und kaufte einen Kasten Stefan Dettl Fire Beer. Das dunkle, unfiltrierte Bier schmeckte ihm gut, bald war der Kasten leer. Nun sucht er jemanden, der das Leergut zurück in den Chiemgau bringt.

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