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aus Heft 23/2013 Musik

»Man muss die italienische Politik als Komödie verstehen, sonst wird man verrückt«

Jörg Häntzschel (Interview) 

Und trotzdem will der Sänger Paolo Conte nicht in den Abgesang auf sein Land einstimmen.


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SZ-Magazin: Angela Merkel verbringt ihren Urlaub auf Ischia, sie ist eine Frau und knapp 60 Jahre alt – Ihr typischer Fan. Wenn sie mal beim Konzert in der ersten Reihe säße, würden Sie sie böse anschauen oder gäbe es ein Willkommenslächeln?

Paolo Conte: Natürlich ein herzliches Willkommen. Immer, selbstverständlich.

Sie sind ihr nicht böse wegen ihrer Sparpolitik?
Warum? Sie ist eine sympathische, hochgeschätzte Politikerin!

Vor ein paar Wochen zeigte der Spiegel auf seinem Titel einen Südeuropäer mit Taschen voller Geldscheine, die er offenbar irgendwo verstecken wollte. Vielleicht hätten Sie ja doch Gründe, enttäuscht zu sein von den Deutschen.
Absolut nicht. Im Gegenteil. Wir sind enttäuscht von unseren eigenen Politikern. Sie machen ihre Arbeit nicht, und zwar seit 50 Jahren. Die Merkel hingegen, die macht ihre Arbeit. Und bloß weil der Spiegel irgendwas auf seinem Titelbild zeigt, sind wir nicht gleich beleidigt.

Können Sie uns erklären, was los ist mit Italien? Es scheint, als gebe es keinen Ausweg aus dieser Dauerkrise.
Da kann ich Ihnen leider nicht helfen. Das sind für mich genauso Mysterien wie für Sie. Ich habe weder mit Politik noch mit Wirtschaft viel am Hut.

Wir Deutschen haben Italien immer geliebt und dachten, wir würden uns da auskennen. Nun sind wir ratlos.
Das geht uns Italienern ganz genauso. Aber keine Sorge, Italien wird seine Probleme schon lösen. Das ist dem Land immer gelungen. Es dauert nur ein bisschen.

Zurzeit scheint die italienische Politik eine einzige Tragikomödie zu sein. Das war doch früher nicht so!
Doch! Diese Komödie wird jetzt seit 40 Jahren gespielt. Aber es ist eben auch nur eine Komödie und nicht mehr als das. Als solche muss man sie verstehen, sonst wird man verrückt.

Vielleicht nehmen wir Deutschen das wieder mal alles zu ernst.
Das scheint mir auch so. Macht euch keine Sorgen. Kommt in den Ferien zu uns, dann trinken wir einen guten Wein zusammen und lassen es uns gut gehen.

Sie waren früher Anwalt, wie viele Politiker. Haben Sie je daran gedacht, selbst in die Politik zu gehen?
Nein, nie. Nicht, dass es mich nicht interessiert hätte. Ich war immer ein Liberaler, genau wie meine Eltern. So bin ich aufgewachsen. Aber die ganzen Mechanismen der Politik und der Wirtschaft, die sind mir schleierhaft.

Silvio Berlusconi hat als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen angefangen.

Zum Glück für ihn versteht er aber eben doch einiges von Politik. Ich nicht.

Man hoffte, Berlusconi sei endgültig weg vom Fenster. Jetzt ist er wieder da. Wie viele Leben hat der Mann eigentlich?
Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Niemand weiß, was jetzt passieren wird.

Wie kommt es, dass so viele Italiener immer noch seine Partei wählen?
Wenn Sie in Italien die Leute auf der Straße fragen, werden Ihnen alle dasselbe sagen: Es ist alles ein großes Durcheinander. Niemand blickt mehr durch. Keiner traut keinem mehr. Es gibt auch keine klaren Positionen mehr. Früher war die Linke links, die Rechte rechts und die Mitte lag dazwischen. Heute gibt es lauter Allianzen, niemand hat mehr den Mumm zu sagen: Ich bin Kommunist. Alle sind miteinander verfilzt. Aber das ist auf der ganzen Welt so. In Amerika zum Beispiel auch.

Spüren Sie, dass die deutsche Italienliebe etwas abgekühlt ist, dass uns das Land mit seinen Skandalen und seinen Fernsehblondinen fremd geworden ist?

Bisher überhaupt nicht. Es gibt ja immer noch Leute, die mit ihrem Kopf denken. Und Korruption gibt’s überall.

Meine italienischen Freunde klagen, die Kultur des Landes habe sich verändert. Es gebe kein soziales Bewusstsein mehr, jeder denke nur an sich.
Na ja, ein gewisser Trend zur Dekadenz ist auf der ganzen Welt zu beobachten. Es fehlt an wachen Geistern, an innovativen Köpfen. Denken Sie doch mal an das 20. Jahrhundert mit seinen phänomenalen Revolutionen! In der Musik, in der Literatur, in der Kunst. Und heute? Wir bewegen uns in winzigen Schritten vorwärts. Da passiert kaum etwas. Warum das so ist? Keine Ahnung. Wahrscheinlich der Materialismus, der Konsumismus. Der ist ja immer schon gefährlich gewesen. Früher ging man auf die Jagd nach schönen Dingen. Heute konsumiert man das, was in den Läden und im Fernsehen angepriesen wird. Es ist alles zu einfach geworden.

Sie vermissen die Antonionis, Rossellinis, Calvinos von heute?

Die gibt’s nicht. Wir haben schon ein paar ganz gute Schriftsteller: Andrea Camilleri, Andrea Vitali, Gianrico Carofiglio. Alles wunderbare Autoren, aber sie machen doch eher leichte Kost. Liebesgeschichten, nichts Herausragendes. Innovation ist das jedenfalls nicht. Niemand hat mehr den Mut dazu! Niemand traut sich, nach etwas Neuem zu suchen.

Fühlen Sie sich manchmal fremd in Ihrem Land?
So habe ich mich immer ein bisschen gefühlt.

Wird man deshalb Künstler?
Vielleicht, vielleicht! Könnte sein.

Haben Sie auch aus diesem Grund aufgehört, als Anwalt zu arbeiten?
Ich hatte einfach zu viel Leidenschaft für die Musik. Eine Weile lang habe ich beides gemacht, dann erkannte ich, dass mir die Musik wichtiger ist.

Haben Sie je daran gedacht, auszuwandern?
Habe ich, natürlich! Aber in meiner kleinen Welt gefällt es mir nun mal am bes-ten. Ich lebe auf dem Land, ich brauche nicht mal mehr eine Stadt. Ich bin ein Einzelgänger. Ruhe ist mir eigentlich am wichtigsten.

Früher fuhren die Deutschen aus ihrer kalten Heimat nach Italien, um mal richtig aufzutauen. Heute reisen junge Italiener zum Oktoberfest oder nach Berlin, um dort nächtelang in den Clubs zu feiern. Ist Deutschland das neue Italien?
Vielleicht haben unsere jahrzehntelangen Bemühungen, euch ein bisschen Fantasie beizubringen, endlich Früchte getragen!

Italienisches Essen kochen wir ja schon länger.
Aber nicht sehr gut! Täuscht euch nicht.

Dafür geben wir für eine Espressomaschine gern so viel aus wie ihr für einen Fiat. Wir zahlen jeden Preis, um italienischer zu werden.
Genau wie der Scheich von Katar übrigens. Ein bisschen sind wir ja schon Vorbild für die ganze Welt. Das Land hat eben doch seine Qualitäten.

Warum zum Beispiel das viele Reden über das Essen? Wird das nicht irgendwann langweilig?
Italien ist ein Mosaik aus lauter einzelnen Regionen, die alle ihre Kultur, ihre Tradition haben. Es gibt riesige Unterschiede in der Küche, also hat man immer was zu diskutieren. Bei euch hingegen ist es eher, wie soll ich sagen … flach. Aber eines muss ich an dieser Stelle mal sagen: Der Wein bei uns taugt nichts mehr! Überall das gleiche industrielle Zeug. Dagegen der deutsche Riesling: fantastisco. Man schmeckt wirklich noch die Traube raus. Das findet man bei uns kaum noch. Bei uns soll jetzt jeder Wein schmecken wie Cabernet Sauvignon.

Warum fahren die Italiener auf der Autobahn immer so irrsinnig dicht auf?
(Lacht) Weil die Ehefrauen sagen: Fahr schneller, dann sind wir früher am Strand! Es hält sich eben niemand an die Regeln. Als die Anschnallpflicht eingeführt wurde, haben sie in Neapel Tausende von T-Shirts mit einem aufgedruckten Gurt verkauft.

Das Prinzip ist …
… Pulcinella! Jeder macht auf dumm und versucht, mit kleinen Tricks durchzukommen. Vor allem im Süden. Im Norden sind wir fast so brav wie die Deutschen.

Früher hat die ganze Welt die italienischen Männer für ihre Eleganz bewundert. Warum ziehen sie sich jetzt so an, als gingen sie noch in den Kindergarten?
Ist das nicht grauenhaft? Das ist der Konsumismus. Und die Wirtschaftskrise. Nehmen Sie nur die Krawatte. In meiner Generation wusste man noch, was eine gute Krawatte wert ist. Sie war nicht nur ein Statussymbol, man trug sie, weil man sich gut damit fühlte. Das ist verloren gegangen. Das hat auch wieder mit Amerika zu tun – Globalisierung! Wie überall. Wir werden alle immer gleicher.

Ihre Musik hatte immer etwas Nostalgisches, Sentimentales. Wird sie mit dem Alter noch sentimentaler werden?
Sie hat etwas Herbstliches. Aber jetzt mache ich gerade eine neue Platte, die viel leichter und heiterer ist. Elliptischer, weniger melancholisch.

Die Abgeklärtheit des Alters?
Ich werde immer bacchischer! Ich bin alt, aber im Kopf fühle ich mich jung.

PAOLO CONTE
1937 geboren, arbeitete Paolo Conte zunächst als Anwalt und Notar, bevor er seine Leidenschaft, die Musik, zum Beruf machte. Mit Songs wie »Azzurro«, den er für Adriano Celentano schrieb, hatte Conte Erfolg als Komponist, ab 1974 veröffentlichte er eigene Alben mit einer melancholischen Mischung aus Salonjazz, Chanson, Tango und italienischem Schlager. Conte malt auch: In den letzten Jahren hat er wiederholt seine Bilder und Grafiken ausgestellt.

Foto: getty
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»Non la politica! Non la politica!« - Paolo Conte stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als ihn SZ-Feuilletonredakteur Jörg Häntzschel bat, das Unerklärliche zu erklären: die politische Situation in Italien. Aber bald war die Sorge, das Thema anzufassen, verflogen, auch Agentin und Tourmanager mischten sich in das Gespräch ein. Dass alle irgendwann gleichzeitig redeten, versteht sich von selbst.

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