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aus Heft 23/2013 Mode & Accessoires

Smart an der Schmerzgrenze

Silke Wichert 

Der deutsche Designer Philipp Plein verkauft Kleidung, die er mit Totenköpfen aus Strass verziert. Total daneben? Während andere noch die Nase rümpfen, macht er schon die Millionen.


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Gleich im Eingangsbereich wird man nach Art des Hauses empfangen. An der Decke hängt ein großer weißer Kronleuchter mit Totenköpfen auf den Armen, so etwas wie die Erkennungszeichen der Marke Philipp Plein. Darunter mannshohe Vasen, vollgestopft mit Orchideen. An der Wand ein riesiges beleuchtetes Bild des Designers selbst, Arm in Arm mit dem Fotografen Terry Richardson. Beide recken grinsend die Daumen nach oben. Darunter steht: »Expect the unexpected.«

Showrooms sind in der Modebranche normalerweise dazu da, Einkäufern die neue Kollektion zu präsentieren. Es sind funktionale Räume, bessere Messestände. Selbst bei Gucci sieht es aus wie in einer Achtzigerjahre-Hotelsuite voller Kleiderstangen. Allerdings würden die ihre Sachen auch noch im Wohncontainer ohne Probleme loswerden.

Bei Philipp Plein ist das Prinzip Showroom etwas wörtlicher zu verstehen. Seine Räumlichkeiten in Mailand dienen vor allem: der Philipp-Plein-Show. Empfangen wird auf einer ganzen Etage in einem alten Patriziergebäude in der Via Bigli mitten im Zentrum. Gleich ums Eck sind die Boutiquen von Prada, Jil Sander, Burberry. Beste Lage. Der Designer selbst führt durch die Räume. Gestern erst war die Chefin der französischen Vogue da, erzählt er gleich mal vorweg, und nachher kommt »Franca«, Franca Sozzani, einflussreiche Chefredakteurin der italienischen Vogue. Franca macht jetzt auch seine Werbekampagne zur Herbstkollektion. »Styling, Casting, Konzept – alles«, sagt Plein. Sie könnte jede Kampagne machen, sie macht seine. Dabei ist er nicht mal Italiener. »Das ist schon etwas, da kann ich mich sehr geehrt fühlen.«

Die Herbstkollektion von »PP« gibt es hier natürlich auch zu sehen. Nietenbesetzte Handtaschen, hochgebockte Glitzer-Pumps, Jacken mit viel Leder, viel Pelz. Gesamteindruck: viel mit viel dran. Aber über sein Werk wischt der Hausherr nur so hinweg, die eigentliche Attraktion liegt woanders, über den Dächern von Mailand: eine große Terrasse aus weißen Holzplanken und mit einfahrbarem Glasdach.

Philipp Plein misst mit großer Geste das Panorama ab. »Schauen Sie, so etwas finden Sie höchstens noch im ›Bulgari Hotel‹!« Einem der teuersten Hotels der Stadt. Im Sommer veranstaltet er hier Partys, Filmabende, aber irgendwer hängt auch sonst immer bei ihm ab. Freunde, Kunden, Modeleute können sich hier auf der Massageliege verwöhnen lassen oder ein italienisches Drei-Gänge-Menü genießen. Täglich wechselnd. Alles umsonst. »Die Leute kommen zu uns und sind total beeindruckt: ›Bei Dolce & Gabbana gibt es eine Kantine, bei dir ein richtiges Restaurant, Philipp!‹«, erzählt Plein stolz. Die großen Italiener, geschlagen auf ureigenstem Terrain. Mode, Essen, Terrassen – was auch immer, er spielt jetzt ganz oben mit.

Vor ein paar Jahren war Philipp Plein noch dieser etwas peinliche Ed-Hardy-Verschnitt. Ein junger Modemacher Ende zwanzig, der mit viel Bling-Bling, Sex und Rock ’n Roll versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. 2008 ließ er seine ultrakurzen Kleider und stacheligen Highheels bei Heidi Klums Germany’s next Topmodel vorführen. Das brachte gute Publicity. Kurz darauf verpflichtete er Lindsay Lohan, damals noch Schauspielerin, und Pierre Sarkozy, Sohn des damaligen französischen Präsidenten, als Models für seine Werbeanzeigen. Auch das sorgte für Aufsehen. Für Anerkennung eher nicht.

Dafür brauchte es noch mehr Show. Und vor allem mehr Räume, eigene Läden. In rascher Folge eröffnete Philipp Plein in Monte Carlo, Saint-Tropez, Cannes, Moskau, Kitzbühel, noch mal in Moskau, Seoul, Baku. Plötzlich war da ein junger deutscher Designer mit einem Dutzend Läden wie aus dem Nichts. Alles, wie er versichert, selbst finanziert, ohne Investor. Angeblich hat er nicht einmal einen Dispo-Kredit. Allein in diesem Jahr will er mindestens zehn weitere Geschäfte eröffnen, vier davon in China. Dagegen mutet der einzige verbleibende Shop von »Stardesigner Michalsky« in Berlin fast rührend an.

Auch bei der Eröffnung von Pleins deutscher Dependance auf der Düsseldorfer Kö waren wieder alle da – Hollywoodstar Adrien Brody, Rapperin Eve, Boris Becker –, und alle fragten sich: Wie schafft er das? Und: Ist das nun eigentlich Mode oder nur Marketing? Plein behauptet, Franca Sozzani nenne ihn den »jungen Roberto Cavalli«, aber natürlich ist sie viel zu klug, das auch öffentlich zu tun. Philipp sei einfach Philipp, sagt sie auf Nachfrage, er spiele keine Rolle, mache einfach sein Ding. »Er ist jung, frisch, ein bisschen verrückt. Ich bewundere seinen Enthusiasmus!« Über seine Mode verliert sie kein Wort. Sozzani ist ohnehin eher unverdächtig, seinen Stil persönlich zu tragen, man sieht sie eher in Prada oder Vintage-Mode. »Wie alle, die auch mal etwas riskieren, kann man ihn mögen oder nicht«, findet sie. »Aber ihm ist sowieso egal, was andere denken. Und genau das mag ich wieder an ihm.«

Plein selbst nennt sich »kreativer Unternehmer«, nicht Designer. Er hat nie Modedesign studiert, aber gut zugeguckt. Er weiß, wie das Spiel läuft. »Schauen Sie«, sagt er, »in der Mode gibt es doch schon alles. Und alle machen das Gleiche. Gucci, Dolce – es gibt keinen Unterschied, ich habe das alles analysiert. Ich kann einen Schuh also nicht neu erfinden. Ich kann ihn nur billiger anbieten. Oder veredeln.«

In seinem Fall heißt das: den Absatz großflächig mit Swarovski-Steinen bestücken. Ach was: am besten gleich den ganzen Schuh. Für Männer gibt es in der Sommerkollektion eine Jacke aus Krokoleder, »veredelt mit versetzten Reißverschlüssen und dem Philipp-Plein-Logo auf der Rückseite«. Preis: 49 998 Euro. Wie viel er davon verkaufen wird? Plein schaut die Vertriebsmanagerin an. »Quanta?« »Dreißig Stück«, sagt die junge Frau. Schon zwanzig wären viel in diesem Preissegment. »Wir sind nicht jedermanns Geschmack, aber der Erfolg gibt uns Recht«, sagt Plein.
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Silke Wichert kam während des Italienurlaubs auf die Idee, Philipp Plein zu porträtieren. Fahrpause im Luxus-Badeort Forte dei Marmi: Cavalli-Boutique leer. Plein-Shop voll. Fand sie erstaunlich.

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