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aus Heft 23/2013 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Schöne Vorstellung

Ein italienischer Zirkus spielt zu Hause vor leerem Zelt, nichts geht mehr. Bis die Truppe eine neue Chance entdeckt: in den Krisenländern der arabischen Welt. Also machen sich die Artisten auf eine Reise ins Ungewisse.

Von Moritz Baumstieger  Fotos: Daniel Etter



Es gibt schon wieder ein Problem. Zirkusdirektor Christian Bellucci hat derzeit viele, an dem hier ist ausnahmsweise nicht der Orient schuld: Löwendame Basnu hat beim Weg aus der Manege neben sein Regiepult gepinkelt. Es stinkt. Bestialisch, nicht auszuhalten. Bellucci verzieht das Gesicht, Coco, der Clown, leert eine Flasche Putzmittel über die nasse Stelle. Nützt nichts. »Che cazzo!«, ruft Bellucci dem Tier hinterher, »was für ein Scheißvieh!«

Man mag ihm seine Wortwahl nachsehen: Seit drei Jahren zieht Bellucci mit einem Rudel Raubtieren, einem Zelt, Trucks und zwanzig Artisten durch Länder, die von der größten politischen Umwälzung der jüngeren Geschichte, dem arabischen Frühling, betroffen sind. Wenn der 38-Jährige mit dem Tattoo auf dem Oberarm davon erzählt, wie er mit schutzgelderpressenden Beduinen und korrupten Beamten umgeht, wie er es schaffte, seinen Zirkus aus einem Bürgerkrieg zu retten, wirkt er trotzig. Ruppig, aber auch ein bisschen stolz. Nur bei Löwendamen mit Harndrang scheint die Macho-Art nicht zu funktionieren.

Das Bruttoinlandsprodukt in Belluccis Heimat Italien ist seit Ausbruch der Eurokrise 2007 stärker gefallen als während des Ersten Weltkriegs, die Konsumausgaben seiner Landsleute sind auf das Niveau von 1997 gesunken. Dehalb hat Bellucci ein altes Geschäftsmodell seines Vaters herausgekramt, der sein Zirkuszelt wiederholt dort aufstellte, wo gerade noch scharf geschossen worden war: Drei Monate nach Ende des Jugoslawienkrieges zog er durch Bosnien, später durch das Kosovo und Albanien. »Krisenländer sind gute Länder für den Zirkus«, sagt Bellucci senior, »die Leute wollen wieder lachen.«

Jetzt steht das Zirkuszelt der Belluccis in Ägypten. Dort gab es keinen Krieg, aber eine Revolution, seither ist das Land nicht zur Ruhe gekommen. Hier, wo es regelmäßig Tote gibt, wenn sich Anhänger der Opposition, des alten Regimes und der Muslimbrüder auf der Straße gegenüberstehen, soll Clown Pipelone nun alle zum Lachen bringen. Während die islamistische Regierung erwägt, Touristinnen an den Stränden Bikinis zu verbieten, will Tänzerin Micaela in knappen Kostümen verzaubern. Ein Wahnsinn – oder auch nicht, denn die Belluccis haben hier etwas gefunden, was es im Westen nicht mehr gibt: ein Publikum, das träumen und staunen will, aber noch nicht von einer durchorchestrierten Unterhaltungsindustrie zu Tode amüsiert wird.

Die Sonne über dem Zelt ist inzwischen untergegangen, nur wenige Laternen erhellen die Trabantenstadt in der Wüste östlich von Kairo, wo der Circo Bellucci sein Lager aufgeschlagen hat. Die Umgebung: so provisorisch wie das Zelt. Bis zum Horizont erstrecken sich Rohbauten, neoklassizistische Betonarchitektur, hohle Fenster. In einer Stunde beginnt die Abendvorstellung, das Problem mit der Löwenpisse wird sich bis dahin nicht lösen lassen. Das Wasser bleibt heute selbst im Toilettenwagen aus, wieder einmal.

Während sich die Artisten in ihre Wohncontainer zurückziehen, für je zwei Leute sechs Quadratmeter, versucht Christian Bellucci, in der Sache mit dem Geld voranzukommen. Ägyptische Pfund hat er inzwischen säckeweise, nur bringt ihm das nicht viel: Er darf sie weder ins Ausland ausführen noch wechseln. Seit die Muslimbrüder regieren, spielt die Währung verrückt, beide Verbote sollen helfen, die Inflation einzudämmen. Aus einem Mercedes steigt ein Ägypter im Nadelstreifenanzug und stellt sich als Direktor einer Filiale der Nationalbank vor. »Sie sollten hier eine Wohnung kaufen«, sagt er und deutet auf die Investitionsruinen hinter ihm. »Ich habe da exzellente Angebote. Hell, Marmor, ein Traum!«

Ob sich das ägyptische Pfund nicht irgendwann stabilisieren werde? »Inschallah«, sagt der Banker, »so Gott will.« Konkretere Hoffnungen kann er nicht machen, Bellucci muss bis auf Weiteres in Ägypten bleiben, sonst ist sein Geld für immer weg.

Lässt man die märchenhaften Aspekte beiseite, die jeder Zirkus-Geschichte innewohnen, könnte man sagen: Die Artisten des Zirkus Bellucci sind zwanzig weitere Wirtschaftsflüchtlinge, die Italien seit Ausbruch der Krise verlassen haben. Doch selbst ohne buntes Licht und Schminke kommt die Reise des Zirkus so verrückt daher wie ein Salto mortale: Anstatt vor La Crisi in den reichen Norden zu fliehen, zogen sie in die Gegenrichtung, in die Dritte Welt. Denn alle Probleme hier, sagt Bellucci, seien nichts gegen die Situation in Italien. »Da ist doch alles im Arsch. Finito e basta.«

Vor drei Jahren wurde Bellucci Direktor des Familienzirkus, der schon seit 1906 durch die Welt tourt. Doch das Geschäft lief schlecht in letzter Zeit, Vorstellungen waren nicht mehr ausverkauft, nach dem Ausbruch der Eurokrise blieb das Zelt daheim in Italien manchmal sogar ganz leer. »Etwas Besseres als den Tod findest du überall«, wiehert der Esel in den Bremer Stadtmusikanten, bevor er ins Ungewisse aufbricht. Wären die Wörter »merda«, »stronzo« oder »cazzo« in den Satz gestreut, könnte er auch von Christian Bellucci stammen.

Es war im Frühsommer 2010, als die Belluccis beschlossen, von nun an zu den Gewinnern der Krise zählen zu wollen. In Rocca San Giovanni, ihrem Heimatort in den Abruzzen, klingelte das Telefon. Ein Geschäftsmann aus dem Libanon bot eine Tournee durch Syrien, Jordanien und den Libanon an und schickte einen Scheck über 65 000 Dollar als Vorschuss. Die Artisten waren schnell zusammengerufen, die Ausrüstungskisten auf die vierzig Wagen gepackt, auch die Käfige für die sechs Tiger, fünf Kamele und Ponys, die zwei Pferde, Elefanten und Zebras. Dass es wegen der Seuchenschutz-Bestimmungen schwierig werden würde, mit den Tieren später wieder in die EU einzureisen, war den Belluccis bewusst, aber egal. »Er liebt Neuland«, sagt Christian über Vater Roberto, den rundlichen Seniorchef mit Mecki-Frisur und Herrenhandtasche. »Er stellt sein Zelt am liebsten dort auf, wo er der Erste ist.«
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Kommentare

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  • Tobias Meinecke (0) Schöner Artikel! Da geht einem das Herz auf.