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aus Heft 25/2013 Fußball

»Pep Guardiola ist obsessiv, ohne zu nerven«

Seite 3: »Argentinien und Brasilien haben heute keine Fußballkultur mehr.«

Peter Burghardt (Interview)  Foto: Ricardo Ceppi


Haben Spanien und Deutschland Sie wieder mit dem Fußball versöhnt?
Mich und viele andere. Die Bundesliga wird man mit Guardiola noch mehr anschauen als die spanische Liga. Heute gehe ich in mein Restaurant, und die Leute fragen mich, ob ich das Superspiel der Deutschen gesehen habe. Alle reden von Deutschland. Ich glaube, das hat viel zu tun mit der WM 2006, mit Klinsmann, der früher mein Stürmer in Genua war, und diesem Jungen, der das jetzt macht …

… Joachim Löw?
Genau, der. Plötzlich haben die Deutschen Fahnen rausgeholt, ich hatte in Deutschland noch nie so viele Flaggen in einem Stadion gesehen. Hier ist das normal, aber in Deutschland? Klinsmann hat anders spielen lassen, eine andere Botschaft verbreitet. Es gab da einen großen Wandel. Ich glaube, Bayern und Borussia Dortmund verlagern das Gewicht aus Spanien nach Deutschland, mit Guardiola noch mehr. Das steckt an. Es gibt viele ausgezeichnete Spieler. Dieser Junge, den die Bayern gekauft haben …

… Mario Götze?
Ja, wie alt ist der, 21? Und wollten die nicht auch noch diesen Mittelstürmer von Dortmund?

Bayern kauft Dortmund für 37 Millionen Euro Götze weg, Barcelona zahlt 57 Millionen Euro für Neymar. Was sagt einer zu solchen Summen, der sich wie Sie »hormoneller Marxist« nennt?
Der Ausdruck stammt vom Schriftsteller José Saramago, aber ich fühle mich auch so. Ich empfinde eine gewisse Abscheu für den Kapitalismus. Ich glaube, dass es keine dermaßen ungerechte Welt geben darf. Aber gut, wir leben alle vom Geschäft Fußball. Man soll nur innerhalb dieses Systems das Kulturgut Fußball respektieren, das Spiel. Heute gehört der Fußball dem Big Business, und wenn da beschlossen wird, dass um drei Uhr morgens gespielt wird oder in Afrika, dann spielt man um drei Uhr morgens oder in Afrika. Argentinien und Brasilien haben heute keine Fußballkultur mehr. Früher war es in Europa so, jetzt ist es umgekehrt.

Welche Rolle spielt das Fernsehen? Es wird ja jedes Spiel übertragen, so schwach es auch sein mag.
Man muss einen sehr scharfen Blick haben und viel wissen, um Fußball im Fernsehen zu verstehen. Man muss sehen, wie die anderen stehen, ob die Innenverteidiger die Räume eng machen, ob anderswo Räume geschaffen werden, ob sich der Ballbesitz lohnt. Im Fernsehen siehst du fast nichts. Die Kamera folgt dem Ball, aber wenn Messi ihn hat, dann weißt du nicht, wo Piqué ist.

Sie wurden 1978 unter einer blutigen Militärdiktatur Weltmeister. Bereuen Sie das heute?
Nein. Es gibt nichts Größeres, als zu Hause eine WM zu gewinnen. Und glauben Sie, der Diktator Jorge Videla hätte die Diktatur erfunden? Er war nur einer von den Mörderhunden, aber nicht der Besitzer der Hunde. Das ging tiefer und schon vorher los, dahinter steckten die Wirtschaft, der wilde Kapitalismus, die Monopole. Mich, einen Linken, wollte die Militärjunta erst rauswerfen. Den Generälen hat die WM nicht viel geholfen, der Schuss ging eher nach hinten los. Wir haben 20 Millionen Menschen auf die Straße gebracht, trotz Angst und Sperrstunde, obwohl sich sonst nicht mal drei Leute versammeln durften. Nur der Fußball schafft so was.

Heutzutage soll der Fußball offenbar das ganze Leben erklären. Camus sagte …

… dass er alles, was er über Moral wisse, auf dem Fußballplatz gelernt habe. Weil Fußball ein Krieg der Worte ist. Man darf die Hände und Arme nicht benutzen, schon der Versuch einer Ohrfeige wird sanktioniert. Es kommt dann natürlich auf den Schiedsrichter an, wie auch sonst im Leben, aber die Regeln sind klar. Der Spieler und der Schiedsrichter haben alles, um den Rasen nicht zu einem Schlachtfeld zu machen. Und nicht zu vergessen: Das Spielfeld ist sehr groß, 7000 Quadratmeter. Wenn du das durch zehn Feldspieler teilst, dann muss sich jeder um 700 Quadratmeter kümmern, das ist schwierig.

Ist Fußball immer noch das beste Spiel?
Fußball ist ein sehr weises und wunderschönes Spiel. Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum und Täuschung. Wie im Leben. Mit der Zeit umgehen, Räume finden und mit der Täuschung zurechtkommen.

(Fotos: Getty Images, Corbis, dpa/Frank Leonhardt, imago)
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