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aus Heft 26/2013 Politik 5 Kommentare

Der Unvollendete

Das einstige Leichtgewicht Guido Westerwelle hat sich zum seriösen Staatsmann gewandelt. Kommt gut an, im Ausland wie zu Hause. Nur die Freunde in seiner angeschlagenen Partei sehnen sich nach den alten Zeiten, als Westerwelle der meistgehasste Politiker war. Warum?

Von Eyelyn Roll  Fotos: Andreas Nestl




Es ist heiß in Ghana, diese extreme tropische Hitze, in der Europäer sich nur noch in Zeitlupe bewegen. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass man glaubt, warmes Wasser zu atmen, einigen Damen der Delegation sind die Frisuren explodiert. Unter Palmen, hinter flammendrotem Hibiskus und Feuerakazien im Vorgarten des Goethe-Instituts an Accras Kakramadu Road, steht so überraschend wie fitzcarraldohaft ein schwarzer Bechstein-Flügel. Eine junge, sehr schöne Ghanaerin in engem Rock und blumenbedruckter Seidenbluse hat ihr prachtvolles Haar im Nacken zusammengebunden, bewegt sich ganz sanft zu den ersten Klavierakkorden und singt mit weichem Alt. Sie singt »Sah ein Knab ein Röslein stehn«.

Vor dem Flügel in der Sonne steht der deutsche Außenminister. Ein Mann von 51 Jahren, schlank, dunkler Anzug aus leichtem Tuch, weißes Hemd, hellgelbe Krawatte, seriöse Kasten-Brille, die Haare gepflegt und Außenminister-grau. Blond, mit den noch blonderen Buben-Strähnchen des Spaßwahlkampfes ist ja schon lange Vergangenheit.

Die Mädchen und Jungen des ghanaischen Chors singen den Refrain, ohne ein deutsches »ö« wirklich zu können, leicht swingend, zweistimmig und gänsehauterzeugend innig: »Roslein, Roslein, Roslein, rot. Roslein auf der Heiden«.

Der deutsche Außenminister nimmt mit der linken Hand die Brille ab und wischt mit dem angewinkelten Mittelfinger der rechten Hand kurz unter beiden Augen. Eine Sekunde später hat er wieder sein Guido-Westerwelle-lässt-sich-nicht-in-die-verletzte-Seele-gucken-Gesicht.

Die Botschafterin hat ihm nachts noch ein Moskitonetz besorgt. Er schläft nicht mit Klimaanlage, er muss fit und gesund bleiben. Heute Morgen um halb sechs, als alle anderen noch in ihren gegen die Malaria-Mücken gnadenlos tiefgekühlten Zimmern lagen, ist er am Strand von Accra schon gejoggt mit seinen Sicherheitsbeamten, in kurzen Hosen, Sporthemd, Sonnenbrille.

Guido Westerwelle läuft den Außenminister-Marathon. Im doppelten, vielleicht im dreifachen Wortsinn, vielleicht ist das jetzt auch der lange Lauf zu sich selbst. Man kann nach 30 Jahren in der Politik ja auch verloren gehen auf dem Weg vom Spaßguido zum Zampano der Erregungsdemokratie, vom Talkshow-Dauersitzer, Beinahe-Populisten und Möllemann-zu-spät-Ausbremser, der seine kleine FDP immer wieder über die Wahrnehmungsschwelle gehoben hat, zum Retter dieser FDP, vom Großhelden der neoliberalen Verirrung zum meistgehassten Politiker des Landes.

Als er, beim Wechsel ins Außenministerfach, die alten Westerwelle-Etiketten gerne abgeworfen hätte, sind sie an ihm kleben geblieben. Er wird die Bilder nicht mehr los, die er von sich erschaffen hat. Und, ja, die Geschichte hat das Zeug zu einer Tragödie.

Am Abend zuvor im Garten der deutschen Botschaft hat er eine Rede gehalten, englisch, frei, etwas zu perfekt. Er wirkt, wenn es groß und offiziell wird, immer angestrengt, wie einer, der auf überhaupt gar keinen Fall einen Fehler machen möchte. Sehr deutsch. Ganz anders als jetzt, wenn er den jungen Leuten im Atrium des Goethe-Instituts erklärt, warum ein Deutscher seiner Generation so zurückhaltend ist mit Kriegseinsätzen.

Accra in Ghana, Kapstadt und Pretoria in Südafrika, dann Maputo in Mosambik. Treffen mit Außenministern, Regierungschefs, Abschluss von Wirtschaftsabkommen, die Chinesen waren längst schon überall. Führungen durch Townships und Hilfsstationen für HIV-infizierte Mütter, Hafenrundfahrt, Treffen mit Start-up-Gründern und Mathematikstudenten. Nach der Landung in Tegel soll es dann gleich weitergehen: die Schweiz, Israel, Algerien, USA, Afghanistan. Wieder mal drei Wochen, in denen Guido Westerwelle nur zum Gepäckwechseln zwischendurch eine Nacht zu Hause in der Mommsenstraße sein wird. Der Airbus mit der Aufschrift »Bundesrepublik Deutschland« ist sein zweites Zuhause. Ob er ein wenig übertreibt, jetzt im zweiten Anlauf?

Und was war das da am Flügel beim Roslein-rot? Tränen? Rührung? »Ja, das hat mich berührt«, sagt er. Und: »Vielleicht war es auch die Sonne. Ich stand da ja im Gegenlicht. Sagen wir: beides.«

Im Flugzeug vertauscht er Sakko und Krawatte gegen eine dunkelblaue Strickjacke von Ralph Lauren mit braunen Lederpatches auf den Ellenbogen. Dann dürfen auch mal Journalisten nach vorne kommen zu Gesprächen. Er ist locker, witzig, nett und unterhaltsam, als habe er mit dem Anzug auch die Außenminister-Spannung abgelegt. Auf die harmlose Frage, was er eigentlich plant, falls es schiefgeht mit der Wiederwahl im September, sagt er allerdings: »Machen Sie mal das Band aus …«

Das ist ganz anders als Guido Westerwelle früher. Es hat sich etwas geändert zwischen Journalisten und Politikern. Und daran sind nicht die Politiker Schuld. »Ja, stimmt«, sagt er, »man wird unglaublich vorsichtig. Und das ist nicht unbedingt nur gut.«

Öffentlich hat er jetzt viel über die Fehler gesprochen, die er in der Anfangsphase gemacht hat. Die Sache mit dem BBC-Journalisten, den er gebeten hat, Deutsch zu sprechen. Die »spätrömische Dekadenz«. Die Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat zum militärischen Eingreifen in Libyen, die mit Merkel gemeinsam beschlossen war, aber an ihm hängen blieb. Hat denn immer nur er Fehler gemacht? Niemand sonst? »So bin ich erzogen worden: nicht die Schuld bei anderen suchen.«

Er wirkt ganz im Reinen mit sich, wenn er so etwas sagt. Er sagt aber auch: »Hätten wir fünf Prozent weniger gehabt, wäre es leichter gewesen. Bei 14,6 wollten plötzlich viele Hunde den Hasen jagen.« Er sagt: »In einer Situation, in der Sie unter größtem Druck und massivem Beschuss sind, passieren Ihnen Dummheiten und Fehler, Fehler, die dann die Ursache sind für noch größeren Beschuss.« Vergangenheit. Schulterzucken. »Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden.«
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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) naja, in Ägypten ist man von WW nicht so begeistert , zur Zeit, man stelle sich vor, ein deutscher Aussenminister muss mit dem Flufhafenshuttlebus fahren, da hät ich aber kehrt gemacht und wär wieder heimgeflogen, die deutschen Minister scheinen keinen guten Ruf in der WElt zu haben, Herr Friederich hatte bei einem Besuch Probleme mit der Einreise in die USA, zum Trost bekam er jetzt eine Notrufnummer, wo er anruen kann, wenn ihn keiner erkennt!
  • Georg Schmidt (0) eine junge, sehr schöne..... und sang: sah ein Knab ein Röslein stehen, also der Einstieg zum Lobgesang oder Huldigung auf WW hätte eigentlcih ein junger, sehr schöner.....singen müssen, wobei man sagen muss, der Knab mit dem Röslein ist in aller Welt sehr beliebt, auch meine indonesische Nichte, angeheiratet, sang den Knaben mit dem Röslein, hat sie in der indonesischen Schule gelernt, komisch, dass man im Ausland deutsches Liedergut pflegt, in D kennt kein Mensch mehr den Knaben mit dm Röslein, orginell find ich auch, dass eigens die Botschafterin ein Moskitonetz besorgte, sollte eigentlich zur Standartausrüstung im Schlafräumen gehören, der ganze Artikel erinnert mich irgendwie an Genscher, der gab ja auch seine Privataudienzen bevorzugt im Flieger, natürlich im gelben? Pullover, gehasst hab ich zB den WW nicht, eher ein bischen Mitleid mit dem grossen Jungen, der plötzlich lange Hosen tragen musste und Schuhe, die 3 Nummern zu gross waren!
  • Magdalena Dernier (0) Vielleicht gibt es ein irgendwie menschliches Bedürfnis, in Staatsmännern (und damit Personen, denen besondere Verantwortung übertragen und gleichzeitig nicht wenig Macht über das Schicksal des Wahlvolkes eingeräumt wird) doch irgendwas Gutes abgewinnen zu können. "Er hat Fehler gemacht...jaja!..aber er hat sich doch recht gut gemacht, so schlimm wie früher ist es nicht mehr. Man kennt die Gesichter halt schon lange. und dann schaut man wie sie sich so entwickeln". So mutet dieser Artikel an. Politiker werden in der journalistschen Debatte viel zu sehr hinsichtlich ihres Charakters, ihrer Rolle und Machenschaft in der Partei beobachtet. MIch interessiert das nicht. Ich wünsche mir öfter einen Überblick, über das was sie wirklich erreicht haben. Das was sie in ihrem Amt "geliefert" haben, in das sie gewählt wurden. Nichts anderes interessiert mich. Die Person Westerwelle! Na und????? Vielleicht ist es das überall schlummernde Bedürfnis nach einem Anführer. Den man dann beobachtet. Was er macht. Was er denkt. Wie macht er es? Unser Guido. Er ist gerührt gewesen in Ghana... Finde ich total uninteressant...
  • Markus Döring-köhler (1) Ich halte die arrogante "Schwesterwelle" (und das nutzt er aus) bis heute immer noch für eine völlige Fehlbesetzung. Genauso wie Fischer außer Blablabla und Geldschecks verteilen, nichts zerissen. Betroffener Blick in krit. Situatioen können sie beide, als wären sie wirklich persönlich betroffen. Aber Westerwelle und Fischer ziehen sich dann iurück, erfreuen sich an 20.000? Gehalt und denken, mei haben wir wieder was zerissen. Würde man die Einstellunsgebdingungen für den höheren Dienst anwenden und ein AC (Standard heuet in jedem Unternehmen) würden 90% der Politiker durchfallen. Vielleicht wäre dann die Politik auch besser? Kurzum, ich mag ihn nicht.
  • Marcel Michalski (1) hach, jetzt hat also auch die sz ihren Frieden mit Westerwelle gemacht. Man kann ja auch nicht ewig hassen. Und wo er jetzt so schön brav ist und aus der politischen Berichterstattung weitestgehend verschwunden ist, finden wir ihn plötzlich nett und so stilvoll, ach und Kunstexperte ist er jetzt auch geworden und Kierkegaard kann er auch zitieren. Naja, vllcht ist er ja wirklich eine gepeinigte Seele, die sich so aufpumpen und wichtig machen musste um zu Selbstbewusstsein zu kommen. Im übrigen rührte, nch meiner Sichtweise, seine Unbeliebtheit nie hauptsächlich auf seiner Homosexualiät, die wurde ja erst so richtig bekannt als er sich öffentlich mit Michael Mronz verheiratete und Bild und Merkel zur Feier lud. Und das war doch sehr spät in seiner Karrirere. Unbeliebt hat er sich eben v.a. durch diese peinliche Aufgeblasenheit gemacht und seine rhetorisch angeblich so ausgefeilten aber in Einpeitschermanier vorgetragenen immer selben Mantras von der Freiheit, die doch immer nur die Freiheit der Märkte u der Unternehmer vor der Steuer meinte und ansonsten völlig inhaltsleer war. Einfach nur nervig. Schon vergessen? Und selbst der arrivierte leise gewordene Kunstexperte kann nicht aufhören die Kunst durch die Brille der Wirtschaftstheorie zu betrachten. Ist die Figur W. nun witzig o. tragisch?, ich weiß es nicht, man kann ja nicht in ihn hineinschauen, fragen sie Herrn W. Aber von ihm wird man wohl nie eine uninszenierte, nicht vorformuliert glatte Aussage bekommen, die uns unverstellten Blick auf seine Seele geben. Aber ich befürchte sonderlich tiefgründig und irgendwie für die Allgemeinheit von Bedeutung, dass es langer schriftstellerischer Exerzitien bedürfte, wäre es nicht.
    P.S. Die, die noch seine Homosexualität mißbrauchen um sich politisch zu profilieren und ihn zu diskreditieren, machen sich nur selbst unmöglich.