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aus Heft 28/2013 Wissen

Der weise Riese

Malte Herwig (Interview) 

Als Kind sezierte er Rinder, als Teenager seine erste Leiche, als Bestsellerautor die menschliche Seele. Ein Interview mit dem Neurologen Oliver Sacks, in dem es um Leben und Tod geht.

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Professor Oliver Sacks (Foto: afp)


Frühsommer in New York. Über Lower Manhattan scheint die Sonne, aber im Büro von Oliver Sacks herrschen klamme 16 Grad Celsius. Der Doktor hat es gern kühl und scheut auch sonst nicht den Ruf, ein bisschen exzentrisch zu sein. Nun sitzt er in Regenbogen-Ringelsocken vor seinem Schreibtisch, auf dem verschiedene Metallklumpen liegen: Zink, Kupfer, Wolfram und Iridium – das dichteste aller Elemente. Als Kind wäre er am liebsten Chemiker geworden, dann widmete er sich der Neurologie und schrieb Weltbestseller über Menschen wie den Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Nun wurde er 80, Zeit für eine Bilanz.

SZ-Magazin: Professor Sacks, seit mehr als einem halben Jahrhundert arbeiten Sie als Neurologe. Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal ein Gehirn seziert haben?

Oliver Sacks: Ja, beim Abendessen. Als wir Kinder waren, servierte meine Mutter uns zu Hause Kalbshirn. Sie zerlegte es vorsichtig mit dem Messer und ließ uns die Windungen des Kleinhirns bewundern. Dann forderte sie uns auf, den Geschmack des Kleinhirns mit dem der Hirnrinde zu vergleichen. Ich habe die Neuroanatomie zuerst mit dem Geschmackssinn studiert.

Ihre Eltern waren beide Ärzte. War Ihre Berufswahl damit vorgegeben?

Meine Mutter war eine der ersten Chirurginnen in England. Schon als ich ein Baby war, nahm sie mich zu ihren Vorlesungen mit und stillte mich vor ihren Studenten. Dabei war sie privat eine sehr zurückhaltende Frau, fast krankhaft schüchtern. Doch wenn sie vor Publikum sprach, war sie eine mitreißende Rednerin. Sie interessierte sich besonders für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, brachte sie ab und zu tote Föten von Fehlgeburten mit nach Hause, die ich studieren sollte.

Das klingt eher abschreckend.
Ach, wissen Sie, ich habe in meinem Leben viele Dinge auf sehr direkte Art gelernt. Als ich 14 Jahre alt war, nahm mich meine Mutter in die Anatomie mit und ließ mich den Leichnam eines gleichaltrigen Mädchens sezieren.

In einem Alter, in dem andere pubertierende Jungen den Körper des weiblichen Geschlechts entdecken, hatten Sie Ihr erstes Rendezvous mit einer Mädchenleiche?
Ich war schockiert, als ich entdeckte, dass unter dem Tuch ein gleichaltriger Leichnam lag. Es war eine schauderhafte Erfahrung, die einem 14-Jährigen eigentlich erspart bleiben sollte. Also habe ich versucht, mich auf das Bein zu konzentrieren. So wurde ich schon sehr früh dazu gezwungen, meine Erfahrungen zu depersonalisieren. Der Schriftsteller Gustave Flaubert wurde übrigens schon im Alter von acht Jahren von seinem Vater in das Sezieren von Leichnamen eingeführt. Ich war also vergleichsweise spät dran, und Flaubert scheint es nicht geschadet zu haben.

Liegt es auch an dieser frühen traumatischen Erfahrung, dass Sie nie geheiratet haben und zölibatär leben?
Das ist ein zu großes Thema und gehört nicht hierher.

Haben Sie Haustiere?

Das einzige Haustier, das ich je hatte, war ein Tintenfisch, als wir nach dem Krieg mit der Familie Urlaub am Meer machten. Ich setzte ihn in die Hotelbadewanne und fütterte ihn mit lebenden Krabben. Wenn ich zu ihm ins Badezimmer kam, erkannte er mich und signalisierte mir seine Gefühle, indem er seine Farbe änderte. Ich glaube, er hat mich gemocht, und ich wollte ihn unbedingt mit nach London nehmen und ein großes Aquarium für ihn bauen. Aber vor unserer Abreise fand ihn das Zimmermädchen, bekam einen hysterischen Anfall und erstach meinen Kraken mit ihrem Besenstiel. Ich fand ihn tot auf dem Boden in einer Tintenlache liegend, und in meiner Trauer sezierte ich ihn.

Hunde und Katzen sind Ihnen zu langweilig?
Auf meinen Reisen durch Südamerika habe ich mich in das brasilianische Wasserschwein verliebt, das schwerste Nagetier der Welt. Aber Sie können kein hundert Pfund schweres Wasserschwein in einem New Yorker Apartment halten. Allerdings habe ich gerade ein bezauberndes Buch über Schnecken gelesen und werde mir jetzt eine Schnecke als Haustier zulegen.

Was fasziniert Sie an Schnecken?
Ihre Sauberkeit, ihr kompaktes Leben. Die Tatsache, dass Schnecken Zwitter sind. That’s fun. Wenn sich zwei Schnecken begegnen, entscheiden sie, wer das Männchen und wer das Weibchen sein soll. Das können wir Wirbeltiere nicht. Ich schreibe momentan auch etwas über Würmer. Mein Lieblingsbuch von Darwin ist sein letztes Werk, das er über Würmer geschrieben hat. Er interessierte sich für die Psychologie der Würmer und wollte herausfinden, wie sie auf Musik reagieren. Ja, ich glaube, ich werde mir demnächst eine Schaufel Würmer besorgen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich Zuneigung ohne Verantwortung wünschen. Interessieren Sie sich deshalb für das Liebesleben der Würmer?
Leider können Würmer und Schnecken keine Gefühle erwidern. Ich habe mich natürlich gefragt, welches das niedrigste Tier ist, mit dem man eine Beziehung auf Gegenseitigkeit haben könnte. Vermutlich mit einem Reptil, vielleicht einem Iguana. Robin Williams besitzt einen Iguana. Robin kann übrigens nicht nur Menschen wunderbar nachahmen, sondern auch Reptilien. Er hat ein ungeheures Wissen über Reptilien, er weiß, was es bedeutet, ein Iguana zu sein.

Sie sind berühmt geworden durch die neurologischen Fallgeschichten Ihrer Patienten, die Sie in Büchern wie Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte und Zeit des Erwachens beschreiben, das mit Robin Williams in der Hauptrolle verfilmt wurde. Was interessiert Sie an Tieren?

Wir Menschen müssen unsere Animalität respektieren. Ich schreibe gerade ein Buch über Niesen, Husten und Jucken, also Verhaltensweisen, die wir mit Tieren gemeinsam haben. Ich werde mir zum Beispiel bewusst, dass ich ein Tier bin, wenn mein Rücken juckt und ich ihn wie ein Rindvieh an einem Baum reibe. Ich halte es für sehr gefährlich zu vergessen, dass man ein Tier ist. Man muss versuchen, ein gesundes Tier zu sein. Es ist nicht gut, sich zu sehr in abstrakten Gedanken zu verlieren.

Vom Rückenkratzen abgesehen: Wie wird der Mensch ein gesundes Tier, Herr Doktor?

Das Tier isst vernünftig, was ich nicht tue. Ich schwanke immer zwischen Gier und Unterernährung und bin nicht das beste Beispiel für ein gesundes Tier. Ein gesundes Tier sollte sich nicht zu sehr seiner selbst bewusst sein. Ich habe mal eine 90-jährige Patientin gehabt, die an Neurosyphilis litt und deren Sexualtrieb plötzlich wieder auflebte. Sie hat mich ein wenig an die Heldin von Thomas Manns Die Betrogene erinnert. Ich verschrieb der Dame Penicillin, was ein Fortschreiten der Syphilis verhinderte, ohne die sexuelle Enthemmung rückgängig zu machen. Sie fand diesen Zustand ideal. Ohnehin ist es empfehlenswert, ab und zu mal Urlaub von seinen Großhirnlappen zu nehmen.

Und sonst?
Tägliche Bewegung ist natürlich sehr wichtig. Ich bin jetzt 80 Jahre alt und an Land mittlerweile etwas behindert. Das Gehen fällt mir schwer, dafür schwimme ich jeden Tag ausgiebig. Ich liebe Schwimmen.
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Als er Oliver Sacks besuchte, stellte Malte Herwig fest, dass auch die Bewirtung im Büro des schreibenden Mediziners System hatte. Der Gastgeber bestand darauf, dass Herwig aus dem Wasserglas mit der Aufschrift H für Wasserstoff trank, während er selbst ein Glas mit dem Buchstaben O für Sauerstoff (oder Oliver) nahm.

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