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aus Heft 29/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll man gefundenes Geld lieber Bedürftigen spenden, anstatt es seinem Besitzer zurückzugeben, der es eh nicht wertschätzt?

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»Kürzlich bin ich einer Frau hinterhergerannt, der 30 Euro aus der Jacke gefallen waren. Sie machte nicht den Eindruck, als würde sie der Verlust weiter schmerzen, womöglich hätte sie ihn gar nicht bemerkt. Wäre es vertretbar gewesen, das Geld einem Bedürftigen zu geben, der es nötiger hat als diese Frau, die es nicht einmal sorgfältig einsteckt?«  Tobias K., Emden

In den Maximen und Reflexionen des französischen Moralisten François de La Rochefoucauld findet sich der Satz: »Wir alle haben genug Kraft, die Leiden anderer zu ertragen.« Ich halte ihn zwar für falsch – es gibt tatsächlich unerträgliches Leid – aber dennoch für klug. Die Klugheit und die »Moral« der Moralisten besteht darin, ein übliches Verhalten – Moral kommt vom lateinischen mos / mores für Sitten und Gebräuche, also das Übliche – pointiert dar- und damit bloßzustellen. In diesem Fall die unterschiedliche Bewertung von Situationen, je nachdem, ob man persönlich betroffen ist oder nicht. Und vor allem die unterschiedlichen Schlüsse, die man daraus zieht. Diesen Gegensatz könnte man auch mit anderen Formulierungen aufspießen, zum Beispiel: »Wir alle haben genug Mitgefühl, um der Meinung zu sein, dass andere helfen sollen.« Oder: »Wir alle haben genug Überzeugung, um Konsequenzen für andere zu fordern.«

Und wenn man es so formuliert, sind wir bei Ihnen. Sie haben Mitgefühl mitBedürftigen und wollen, dass denen geholfen wird. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Aber anscheinend wollen Sie es nicht selbst machen, sondern das soll besser die Dame tun – sei es auch unfreiwillig. Und Sie finden, wer nicht besser auf sein Geld aufpasst, schätzt dessen Wert nicht genug, soll deshalb die Konsequenzen tragen, es also nicht mehr zurückbekommen. Wären Sie bei sich selbst auch so konsequent? Auch an Stellen, an denen Sie Schwächen haben, die vielleicht ganz woanders liegen? Oder hier konkret: Würden Sie das Geld auch dann Bedürftigen geben wollen, wenn Sie es verloren hätten und die Dame hätte es Ihnen zurückgegeben?

Und selbst wenn Sie das mit »Ja« beantworten: Wir alle sollten weniger Kraft dafür aufwenden, andere zu erziehen.


Literatur:


La Rochefoucauld, Maximen und Reflexionen, Übertragen und mit Nachwort von Konrad Nußbächer, Reclam Verlag, Stuttgart 1965.
Der zitierte Satz trägt die laufende Nummer 19

Hans Peter Balmer: Moralistische Ethik, in: Annemarie. Pieper (Hrsg.), Geschichte der neueren Ethik. Bd. 1. UTB, Stuttgart , 2. Auflage 2006, S. 1 – 25


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