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aus Heft 30/2013 Gesellschaft/Leben

Schritt für Schritt

Lara Fritzsche  Fotos: Tanja Kernweiss

Als Deutschlands größte Drogeriekette Schlecker 2012 pleitegeht, verlieren 27 000 Menschen ihren Job, die meisten davon sind Frauen. Arbeitskräfte ohne »Anschlussverwendung« nannte man sie in Berlin. Das hat viele Schlecker-Frauen wütend gemacht und angespornt: Jetzt gründen sie selber etwas - ihre eigene Drogeriekette.



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Das mit dem Band-Durchschneiden hatten sie völlig vergessen. Den ganzen Morgen haben sie Luftballons aufgepustet, den Laden geschmückt, Stehtische dekoriert, gewischt und gewienert. Alles. Aber dass zu einer ordentlichen Eröffnung auch ein Band gehört, das mit der Schere geteilt wird, daran hatte keine gedacht. Aber wofür hat man denn eine eigene Drogerie? Schnell wurde noch grünes Geschenkband in die Tür gehängt, im Rahmen befestigt mit Tesafilm. Da stehen sie nun, die drei Schlecker-Frauen, von denen es hieß, es werde nicht einfach, für sie eine »Anschlussverwendung« zu finden, und eröffnen ihren eigenen Laden. »Da sind wir wieder«, sagt Birgit Schubert zu den Kunden. Aber eigentlich stimmt das nicht. Die drei, die hier am 13. Juli 2013 in Bietigheim-Bissingen das grüne Band durchschneiden, sind nicht mehr die SchleckerFrauen von früher. Sie haben sich verändert im vergangenen Jahr.

Angefangen hat es im August 2012 – mit einem Handzeichen. Etwa dreißig Frauen sind zusammengekommen, alle sind sie ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen. Seit der Insolvenz ihres Arbeitgebers, die sie arbeitslos gemacht hat, kommen sie jede Woche hierher in die Büroräume der Gewerkschaft Verdi in Stuttgart. Hier können sie Fragen stellen: »Kriege ich meine Überstunden noch ausgezahlt?« – »Welche Jobs muss ich annehmen, um nicht mein ALG zu riskieren?« Und: »Wo erfahre ich, wie hoch meine Rente sein wird?« Die Beraterin von Verdi antwortet. Im August aber stellt sie plötzlich eine Gegenfrage: »Wer von euch traut sich zu, einen eigenen Laden zu führen?« Dreißig Frauen schauen zu Boden, drei heben die Hand. Eine davon ist Marina Juhrich. Sie ist gerade 59 Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem andere die Jahre bis zur Rente runterzählen. Juhrich nicht. Sie ist zäh, nur 1,60 Meter groß, aber forsch. Sie wird die Chefin. Die anderen beiden Frauen sind Rosina Fuhrmann, 51, und Birgit Schubert, 58. Rosina Fuhrmann ist die Aufgedrehte, hibbelig, offenherzig, immer am Kichern. Wenn sie redet, nimmt sie dafür beide Hände zu Hilfe. Birgit Schubert ist das genaue Gegenteil, vorsichtig und ruhig, die Hände hält sie immer nah am Körper. Bloß keinem in die Quere kommen. Sie sind unterschiedlich. Aber es passt. Oder: Es muss passen. Die Alternative heißt Arbeitslosigkeit. Zusammen haben sie über 180 Bewerbungen verschickt – und über 180 Absagen bekommen.

Ein Gründungsmythos klingt anders. Aber die drei Frauen stört das nicht. Je klarer, je pragmatischer, je bodenständiger alles ist, desto besser. Geheimniskrämer wollen die drei nicht sein. Das war ihr Ex-Chef schon, Anton Schlecker. Der Mann, der in Ehingen hinter zwei Meter hohen Mauern lebt, der in der schwäbischen Provinz einen riesigen Glaspalast als Firmenzentrale bauen lässt – Postadresse: Im Schleckerland –, der die drei Kilometer zu eben diesem Glaspalast mit einem Sportwagen zurücklegt, der in der Firmenzentrale nur seinen eigenen Aufzug benutzt, um bloß keine Angestellten zu treffen. Der Mann, der kein Korrektiv duldet. Der ein Milliarden-Unternehmen als Privatmann führte, keine Kredite aufnahm und keine Berater einstellte, damit er niemandem Rechenschaft ablegen muss. Der Mann, der mit seiner Besessenheit die größte Drogeriekette Deutschlands aufgebaut und wieder zugrunde gerichtet hat. Am 23. Januar 2012 meldet Anton Schlecker in Ulm Insolvenz an. Im Laufe des Jahres werden alle 7500 Filialen geschlossen, rund 27 000 Menschen verlieren ihre Arbeit.

Erzählt wurde danach vor allem die Geschichte eines gescheiterten Patriarchen und weniger die seiner Belegschaft. Fast alle, die infolge der Insolvenz ihre Arbeit verloren haben, waren Frauen. Frauen um die fünfzig, viele ungelernt, die meisten alleinerziehend, wirtschaftlich nicht besonders interessant, weil nicht gerade kaufkräftig. Eine Frauengeneration ohne Lobby. Schlecker-Mitarbeiterinnen schnörkellos in die Arbeitslosigkeit zu schicken schien einfach. Wurde um die drohende Opel-Insolvenz drei Jahre zuvor noch ein ganzer Wahlkampf geführt, tat sich bei der Hilfe für die Schlecker-Frauen kein Politiker hervor. Karl-Theodor zu Guttenberg war wegen Opel sogar in die USA gereist, hatte Gespräche mit Verantwortlichen von General Motors geführt und sich danach auf dem Times Square als Weltgestalter inszeniert. Engagement für die Schlecker-Frauen? Nix. Ursula von der Leyen dachte laut darüber nach, ob man für die Frauen nicht eine Weiterbildungsoffensive starten könne. Alle umschulen und ab in die Kleinkindbetreuung. Aber Wirtschaftsminister Philipp Rösler fand, die sollten sich selber eine »Anschlussverwendung« suchen. Am Ende statuierten er und die FDP an den Drogistinnen ein wirtschaftsliberales Exempel: keine Transfergesellschaft. Und die Frauen? Bei denen bleibt das Gefühl zurück: Mit uns kann man’s ja machen.

Dazu noch die Fotos von Anton Schlecker, wie er immer noch mit seinem Porsche Cayenne durch Ehingen heizt. Die Aufzählung all seiner Sportwagen in der Bild-Zeitung: Aston Martin, McLaren Mercedes, Porsche 997, alle auf ihn gemeldet. Zeitgleich wirbt der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz in der Bunten für mehr Mitgefühl für den Mann, bei dem er qua Berufsbezeichnung eigentlich möglichst viel Geld rausholen soll, um die Gläubiger auszuzahlen – und den Frauen ihre Überstunden von 2011. Die Schlecker-Frauen fühlen sich verarscht. Wie geohrfeigt, immer wieder.
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Lara Fritzsche weiß aus ihrer Zeit als Kassiererin bei Karstadt, dass man statt »Ich geh mal zur Toilette« nur »Ich geh mal 7-15« sagt.

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