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aus Heft 30/2013 Design & Wohnen

Glück im Spiel

Seite 2: »Das muffige Tier kann man doch Kindern nicht in die Hand geben! «

Susann Winkel und Johannes Waechter (Interview)  Fotos: Andreas Lux


Renate Müller Spielzeug-Designerin
1945 geboren, wuchs Renate Müller »auf der Arbeitsplatte« der elterlichen Spielzeugfirma im thüringischen Sonneberg auf, der 1912 gegründeten H. J. Leven KG. Sie studierte an der Sonneberger Fachschule für Spielzeug und machte sich ab 1967 einen Namen mit therapeutischen Spieltieren, 1972 jedoch, nach der Verstaatlichung der elterlichen Firma, wurde sie aus dem Betrieb gedrängt. Bis zum Ende der DDR arbeitete sie als freischaffende Künstlerin. Seit der Wende stellt sie in ihrer eigenen Werkstatt wieder Spieltiere her, inzwischen assistiert von ihrer Tochter Bettina. Spät bekam sie ein bisschen was vom Weltruhm ab, ihre Tiere wurden im Museum of Modern Art in New York gezeigt.
Was geschah mit Ihren Rupfentieren?
Die wurden vom Kombinat Sonni bis zur Wende weiterproduziert – oft in minderer Qualität. Fast alle DDR-Kindergärten hatten irgendwann Tiere von mir, es ging aber auch viel in den Westen; die Etiketten »Made in GDR« wurden einfach abgetrennt. Schon Ende der Siebziger hat uns mein Cousin aus Hamburg ein Foto gezeigt: Da war das Nashorn in einer Illustrierten zu sehen, zum Preis von 499 Westmark!

Haben Sie in der Wendezeit gleich den Entschluss gefasst, wieder mit dem Spielzeugmachen anzufangen?
Von einem Tag zum anderen wurden alle staatlichen Aufträge storniert, die ich für Kindergärten und Behinderteneinrichtungen hatte. Plötzlich stand ich vor dem Nichts. Was lag näher, als sich zu fragen: Mensch, das Kombinat Sonni macht dicht, was wird denn aus deinen Schnitten? Über die Treuhand in Suhl habe ich den Betrieb meiner Eltern dann rückübereignet bekommen. Inklusive unserer Original-Maschinen und meiner Original-Schnitte. Mit denen arbeite ich heute noch.

Dann müssten Sie eigentlich gut gerüstet gewesen sein für die neuen Zeiten: im Osten verwurzelt, im Westen beliebt.
Kein Mensch wollte etwas von mir! Im Osten haben sich alle Plaste-Spielzeug aus dem Westen geholt. Und im Westen kannte man vielleicht meine Tiere, aber nicht mich als Designerin. Die Wende kam 1992 bei der Nürnberger Spielwarenmesse. Plötzlich stand ein Japaner, Herr Tadashi Tsujii, vor meinem Stand, der gesagt hat, dass er seit zehn Jahren in einer Behinderteneinrichtung mit meinen Tieren arbeiten würde. Sein Händler in Westdeutschland habe ihm aber nie verraten, wo die Sachen hergestellt werden! Herr Tsujii war bis 2009 mein Hauptabnehmer. Der hat die Viecher voll in meinem Sinne an den Mann gebracht: In erster Linie hat er Kindergärten und Behinderteneinrichtungen beliefert, zu einem moderaten Preis.

Inzwischen werden für alte Renate-Müller-Originale mehrere Tausend Euro gezahlt.
Ich muss ehrlich sagen: Das entzieht sich meiner Logik. Ich restauriere viele alte Tiere, zum Beispiel wenn jemand möchte, dass ich ein Familienerbstück aufarbeite, okay. Aber wenn Leute für tausend Euro bei Ebay so ein altes Ding kaufen und es mir dann zum Restaurieren schicken wollen, sage ich oft: Das muffige Tier kann man doch Kindern nicht in die Hand geben!

Sie sind jetzt 67. Wie lange wollen Sie weitermachen?
Solange ich kann. Und solange mein Material noch reicht. Der Rupfen, den ich hier habe, stammt noch aus der DDR-Weberei in Weida. Das VEB Kombinat Sonni hatte kurz vor der Wende zum Glück noch mal eine große Charge weben lassen, die ich kaufen konnte. Diesen Stoff in derselben Qualität zu bekommen ist heute völlig unmöglich.

Hat die Tatsache, dass Sie in der DDR lebten, auf irgendeine Art Ihr Design beeinflusst?
Heute betrachte ich es im gewissen Sinne als Vorteil, dass wir so abgeschnitten lebten, weil wir gezwungen waren, unseren eigenen Weg zu finden. Wenn mal einer heimlich einen Spielzeug-Katalog eingeschleust hatte, haben wir uns darauf gestürzt – aber in der Regel festgestellt, dass die Designer im Westen auch nur mit Wasser kochen.

Was macht gutes Design aus?
Für mich muss Design eine Funktion haben. Wenn Sie meine Tiere anschauen, werden Sie sehen, dass es kein Zufall ist, wo die Lederelemente sitzen: an den Stellen, wo die höchste Belastung ist. Oder da, wo das Kind hingreifen soll. Ich kann gar nicht funktionsfrei denken.

Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, als Sonneberg ein Zentrum der Spielwarenindustrie war. Jetzt gehören Sie zu den Letzten, die hier noch Spielzeug machen.
Ja, das finde ich sehr traurig. Ich brenne für unsere Spielzeugtradition. Aber die ist schon fast verloren gegangen.

Warum sind gerade Sie übrig geblieben?
Schwer zu sagen. Es hängt wohl damit zusammen, dass ich mich für dieses Material und die Art der Gestaltung im Innersten entflammt habe. Für mich gibt es weiterhin nichts Schöneres, als morgens die Tür zu meiner Werkstatt aufzuschließen.
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Nach dem Besuch bei Renate Müller fiel Susann Winkel und Johannes Waechter auf, wie hässlich ihr Lieblingsspielzeug aus Kindertagen in Wahrheit war: Winkel möblierte ihr Barbie-Traumhaus, Waechter pflegte eine große Schlumpfsammlung.

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