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aus Heft 30/2013 Design & Wohnen Noch keine Kommentare

Glück im Spiel

In der DDR bastelte Renate Müller Puppen für Kindergärten, nach der Wende wollte keiner mehr etwas von ihr wissen. Heute werden ihre Tiere weltweit in Galerien ausgestellt. Wieso? Das erklärt sie am besten mal selbst.

Von Susann Winkel und Johannes Waechter (Interview)  Fotos: Andreas Lux



SZ-Magazin: Frau Müller, seit fast fünfzig Jahren entwerfen Sie im thüringischen Städtchen Sonneberg Spielzeug, nun werden Sie seit einigen Jahren von einer New Yorker Galerie vertreten. Wie kam es dazu?
Renate Müller: Das kam aus heiterem Himmel. Die beiden Chefs der Galerie hatten bei einem Händler in Köln alte Tiere von mir gesehen, wussten aber nicht, wo die herkamen. Ein Jahr lang haben sie nach mir gesucht, 2009 haben sie mich schließlich in Sonneberg besucht und gesagt, dass sie meine Viecher gern in ihrer R 20th Century Gallery ausstellen wollen, die auf zeitgenössisches Design spezialisiert ist.

Und wie haben Sie reagiert?
Oh Gott, habe ich gedacht! Dass ich als kleines DDR-Kind mal in New York ausstelle, hätte ich mir nie träumen lassen.

Hat´s Ihnen dann trotzdem Spaß gemacht?
Das war Wahnsinn. Bei der Eröffnung im Herbst 2010 war die Galerie krachvoll. Da kamen so viele interessierte Leute – also, ich bin gar nicht wieder geworden. Im kommenden Frühjahr habe ich die nächste Ausstellung in der New Yorker Galerie. Ungefähr vierzig zum großen Teil neu gestaltete Spielobjekte sollen da gezeigt werden, außerdem wird es einen Bereich geben, wo Kinder spielen können. Meine Tochter Bettina und ich sind jetzt schon schwer dabei, wir machen ja alles von Hand. Gerade haben wir verschiedene Schildkröten in Arbeit; bevor Sie gekommen sind, haben wir Stoff aufgesteppt und Leder gestanzt.

Im vergangenen Herbst waren Sie sogar Teil der Ausstellung »Century of the Child« im New Yorker Museum of Modern Art. Was wurde dort von Ihnen gezeigt?
Neben einem Vintage-Nilpferd vor allem ein baukastenähnliches Sitz- und Spielelementesystem, das ich 1985 für das Pionierhaus in Oberhof gemacht habe. Als Auszeichnung habe ich damals das »Bienchen« vom Pionierhaus Oberhof bekommen. Und jetzt war’s im MoMA.

Was hat sich durch New York für Sie verändert?
Meine Tiere sind nicht mehr nur normales Spielzeug, sie gelten jetzt als Design-Objekte. Früher standen die Nashörner und Nilpferde in den Behinderteneinrichtungen der DDR, jetzt stehen viele als Design-Liebhaberstücke bei wohlhabenden Amerikanern im Wohnzimmer.

Von Anfang an haben Sie für Ihr Spielzeug dieselben Materialien verwendet: Rupfen, also ein haltbares Jutegewebe, und Leder. Wie sind Sie auf diese Kombination gekommen?
Über Helene Haeusler, meine Lehrerin an der Fachschule für Spielzeug in Sonneberg. Sie war vom Bauhaus beeinflusst, einfache Formgebung und Naturmaterialien waren ihr Ideal. Sie hatte ihren Studentinnen schon Ende der Fünfziger Zuckersäcke mitgebracht, aus denen die ersten mit Holzwolle gestopften Rupfentiere entstanden. In Sonneberg, wo sich alles ums Plüschtier drehte, war dieses Material eine Provokation. Als ich 1964 mein Studium begonnen habe, hat es mir gleich zugesagt.

Schon Ihren Eltern gehörte eine Spielzeugfabrik. Was wurde dort hergestellt?
Hauptsächlich Puppen und Plüschtiere. Aber mein Vater hat erkannt, dass man auch mal neue Wege gehen muss. Er hat zugestimmt, als uns Frau Haeusler den Ankauf von drei Studentenarbeiten vorschlug, um sie in Kleinserie aufzulegen. Diese Muster – das Nashorn, die Ente und den kleinen Würfel – habe ich zur Produktionsreife gebracht, auf der Leipziger Herbstmesse 1967 haben wir die ersten beiden Nashörner gezeigt. Da kamen gleich mehrere Ärzte an und bemerkten, dass sich diese Tiere gut für die Arbeit in der Kinderpsychiatrie oder Kinderorthopädie eignen würden. Das war der Anfang.

Worin liegt der therapeutische Wert Ihres Spielzeugs?
Materialkontraste, also unterschiedliche Oberflächen, die ertastet werden wollen, Anregungen zum Greifen und Turnen, Möglichkeiten zum Aufrichten, Belastbarkeit. Meine Entwürfe sind jeweils für ein halbes Jahr in drei verschiedenen Kinderkliniken und therapeutischen Einrichtungen erprobt worden, unter Beobachtung von Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten. Erst danach wurde das Zertifikat »Therapeutisch wert-voll« erteilt.

Haben Sie sich ganz auf therapeutisches Spielzeug spezialisiert?

Nein. Bis 1972 habe ich jedes Jahr etwa zwanzig Exponate für unsere Plüschtierkollektion entworfen, aber eben auch zwei bis drei neue Rupfentiere. Da entstanden Nilpferd, Krokodil, Schaukelwal, Schildkröte und viele andere Modelle, die bis heute gefragt sind. 1972 wurde unsere Firma allerdings verstaatlicht, auf einmal hießen wir VEB Therapeutisches Spielzeug Sonneberg.

Wie geht man damit um, wenn einem der Betrieb weggenommen wird?
Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen und sich nicht mehr davon erholt.

Und Sie? Wie haben Sie reagiert?
Was sollte ich machen? Ich war jung, hatte zwei kleine Kinder. Anfangs konnte ich meine Sachen weitermachen, 1976 wurden allerdings die ganzen kleinen Spielzeugbetriebe zum Kombinat Sonni zusammengefasst und man hat mir untersagt, meine Kollektion weiterzuentwickeln.

Was mussten Sie stattdessen tun?
Zum Beispiel Tabellen mit internationalen Sicherheitsbestimmungen erstellen. Dass ich kein Spielzeug mehr entwerfen durfte, hat mich schon gewurmt. Deshalb habe ich die Mitgliedschaft im Künstlerverband der DDR beantragt. Als ich dort aufgenommen wurde, konnte ich beim VEB Sonni aufhören und in die Selbstständigkeit gehen. Bis zum Ende der DDR habe ich 17 Spielplätze entworfen und eigenhändig gebaut, das hat mir auch viel Spaß gemacht.
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