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aus Heft 31/2013 Literatur

Dein Buch liest dich

Lara Fritzsche  Illustration: Daniel Frost

Die Geheimdienste kontrollieren unsere Mails, unsere Telefonate. Und wenn wir ein E-Book lesen, geht die Überwachung weiter - das könnte die Literatur für immer verändern.

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Besonders schön ist der Satz nicht und inhaltlich auch eher schwach: »Manchmal passieren den Menschen Dinge, für die sie nicht gewappnet sind.« Trotzdem, das ist der momentan beliebteste Fetzen Literatur. Fast 30 000 Leser haben ihn sich markiert. Er steht in dem Buch Die Tribute von Panem. Und noch mehr weiß man über die Leser dieser Roman-Trilogie: Sobald sie Buch eins zu Ende gelesen haben, besorgen sie schon Band zwei. Das dritte und letzte Buch der Reihe lesen sie im Durchschnitt in nur sieben Stunden komplett durch. 57 Seiten schaffen sie dann pro Stunde. Pro Minute macht das 0,95 Seiten.
 
Für Verlage und Autoren sind das neue Informationen. Bis heute hatten sie keinen Einblick ins Leseverhalten der Käufer. Sie wussten nicht, ob die das Buch gleich nach dem Kauf zu lesen beginnen oder erst mal liegen lassen, ob sie es verschlingen oder womöglich nach der Einleitung schon wieder ins Regal stellen. Seit es E-Books gibt, erhalten sie Einblick ins Leseverhalten der Käufer. Der Leser wird gläsern. Alles was er mit dem digitalen Buch macht, wird gespeichert – und Eigentum von großen E-Book-Verlagen wie Amazon, Google oder Apple. In den Nutzungsbedingungen muss man dem zustimmen, bevor man ein Buch runterladen kann. Auch in Deutschland.


So wissen die Verlage etwa, um wie viel Uhr der Leser seinen E-Book-Reader in die Hand nimmt und zu lesen beginnt. Wie lange er im Durchschnitt liest. An welchen Stellen er verweilt. Wo er aus dem Buch aussteigt. Und auch: Welche Sätze oder Passagen ihm besonders viel bedeuten, also was er in welchem Buch markiert oder gar kommentiert.

Früher war Lesen etwas Intimes, was zwischen dem Leser und dem Buch stattfand und wovon es kein Protokoll gab. Was zurückblieb, waren Markierungen im Text, Notizen am Rand, gewelltes Papier an den Stellen, auf die Tränen getropft waren, und eingeknickte Ecken auf den Seiten, an denen man Lesepause gemacht hatte. Aber diese Zeugnisse verschwanden mit dem Buch im Regal. Nur der bekam sie zu sehen, dem man das Buch lieh – oder man selbst, Jahre später, wenn man sich entschloss, das Buch noch einmal zu lesen. Sonst niemand.


In der Vergangenheit war der Leser ein Rätsel. Über andere Medienkonsumenten weiß man schon lang alles. Über den Fernsehzuschauer, in welcher Sekunde er umschaltet, und vom Radiohörer, wann er zum nächsten Sender wechselt. Bevor ein Film ins Kino kommt, wird er Fokusgruppen gezeigt, also sechs bis acht Menschen, die zur Zielgruppe gehören. Wenn er denen nicht gefällt, kann es sogar vorkommen, dass die Handlung noch mal verändert wird. Zeitschriften erscheinen nur, wenn sie vor solchen Fokusgruppen bestanden haben.


Aber Bücher, die werden geschrieben und kommen auf den Markt. Ob sie laufen oder nicht, alles basiert allein auf den Erfahrungswerten von Literaturagenten und Lektoren. Aber die verschätzen sich auch mal. Ein Buch ablehnen, und dann wird es ein Bestseller – das ist der Stoff, aus dem Lektoren-Albträume gemacht sind. Ein deutsches Beispiel ist Feuchtgebiete von Charlotte Roche. Es wurde nicht nur oft gekauft, sondern auch heftig diskutiert. Ein Buch also, das jeder Verlag gerne im Programm hätte. Dem Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag hatte Roche ihr Werk angeboten, die haben abgelehnt. Es erschien dann im DuMont Verlag.


Inzwischen können Verlage den Geschmack ihrer Leser besser vorhersagen. Die Datenmengen für solche Einschätzungen sind längst umfassend genug. Denn E-Book-Reader wie Kindle oder andere Tablets werden immer beliebter. In den USA haben E-Books die anlogen Bücher schon eingeholt: Im ersten Quartal 2012 haben Verlage mit E-Books 282 Millionen Dollar verdient, mit Büchern nur 230 Millionen Dollar. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 13,2 Millionen E-Books abgesetzt, 2011 waren es nur 4,3 Millionen, noch ein Jahr zuvor nur 1,9 Millionen. Der Umsatz der E-Books am gesamten Buchmarkt hat sich 2012 gegenüber dem Vorjahr verdreifacht, sagt das GfK Verbraucherpanel.


Einige Verlage haben auf der Basis der Nutzerdaten schon Strukturelles verändert: Der größte amerikanische Buchhändler Barnes & Noble etwa hat nun, da er weiß, dass Leser von Sachbüchern dazu neigen, nur den Anfang und das Ende jedes Kapitels zu lesen, eine neue digitale Sachbuchreihe aufgelegt: Hier wird nicht mehr ausgiebig ein Thema pro Buch behandelt, sondern mehrere völlig unterschiedliche – von den neuesten Ergebnissen der Diät-Forschung bis zur Occupy-Bewegung oder fernöstlichen Religionen. So langweilt sich der Leser nicht so schnell.


Andere Verlage bemühen sich verstärkt um die Rechte an Mehrteilern, seit klar ist, das Fortsetzungsromane wie Harry Potter, die Twilight-Saga und eben auch Die Tribute von Panem gelesen werden wie einzelnes Buch; nahtlos, schnell und fast immer zu Ende. Anspruchsvolle Romane werden viel öfter nicht zu Ende gelesen, oft parallel zu anderen Büchern und über Monate. Einziger Klassiker, der von den E-Book-Lesern genauso intensiv kommentiert und markiert wird wie die biederen Teenager-Sagas, ist Jane Austens Stolz und Vorurteil.


Aber es geht noch mehr. Auch am Reißbrett geplante Romane sind denkbar. Ähnlich dem Empfehlungsprinzip von Amazon könnten auf Basis der Leserdaten ganze Romansujets entstehen. Etwa so: Kunden, die alle schmerzhaften Selbstbefriedigungsszenen aus Feuchtgebiete markiert haben, würden sicher auch eine ganze Sadomaso-Trilogie kaufen. Zeit für Fifty Shades of Grey.

Vorreiter ist der kleine Verlag Coliloquy mit Sitz in Palo Alto. Hier werden die Leserdaten nämlich auch inhaltlich analysiert. Wen mögen die Leser, wessen Zitate markieren sie besonders häufig, welche Eigenschaften schätzen sie an Protagonisten? Die wichtigsten Erkenntnisse geben die Verleger an die angestellten
Autoren weiter, und die schreiben dann Geschichten im Sinne der Leser. Was rauskommt? Heldinnen, die sowohl stark als auch sensibel sind, langhaarig und langbeinig, und männliche Protagonisten, die groß sind, dunkel, grünäugig und moderat behaart auf der Brust.

Die beste Literatur entsteht so freilich nicht. In den USA diskutieren Autoren und Verlage schon darüber, ob Leserdaten und ihre Auswertung das Ende für große Literatur bedeuten oder einfach nur der nächste legitime Schritt sind auf dem Weg zur Vollindividualisierung. Jeder bekommt das Buch, das er sich wünscht – mit einem Protagonisten wie erträumt.


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Lara Fritzsche hat im Urlaub versucht, ihren Freund für Florian Illies’ Buch 1913 zu begeistern, indem sie ihm die besten Absätze vorgelesen hat. Klappte nicht. Zumindest nicht bei ihm. Aber die Frau von der Nachbarliege wollte es am zweiten Tag ausleihen.

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