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aus Heft 31/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man sich freuen, wenn die eigene Freundin ihren Urlaub wegen Regen abbrechen muss - und man sie daher schneller wieder sehen kann?

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»Meine Freundin macht mit einer Bekannten Urlaub in Kroatien. Sie sind mit dem Zelt unterwegs und machen die Dauer ihres Aufenthalts vom Wetter abhängig. Als die Vorhersage für Kroatien Regen meldete, habe ich mich spontan gefreut. Ist das fies von mir? Oder doch okay, weil ich mich ja nur freue, dass sie dann wieder früher bei mir ist?« Oliver B., Hagen


Wer könnte etwas gegen den Wunsch vorbringen, die Geliebte möglichst schnell wieder in die Arme zu schließen? Die Antwort lautet: ich. Aber nicht, weil ich der Liebe Grenzen setzen will, sondern im Gegenteil, weil ich genau das vermeiden möchte.

»Nihil enim aliud est amare, quam propter se ipsam rem aliquam appetere.« Denn zu lieben ist nichts anderes, als eine Sache um ihrer selbst willen zu begehren. Mit dieser Definition der Liebe durch den Kirchen-lehrer Augustinus begann die Philosophin Hannah Arendt den ersten Teil ihrer Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus. Man kann diesen Satz, speziell »propter se ipsam« – um ihrer selbst willen – auf zweierlei Arten deuten. Einmal so, wie es Arendt in ihrer Dissertation tut, nämlich dass die begehrte Sache das Endziel des Begehrens ist und nicht als Mittel für eine andere Sache dient. Dies erinnert an Aristoteles’ Definition des vollkommen Guten als Endziel, das er in der Glückseligkeit sieht, und auch Arendt nennt die begehrte Sache ein »bonum«, etwas Gutes.

Ich würde jedoch »propter se ipsam appetere« – um ihrer selbst willen begehren – im Zusammenhang mit der Liebe gern anders deuten: Liebe zu einem Menschen begehrt diesen Menschen zwar, aber nicht im Sinne des Habenwollens, Besitzenwollens, denn dann wäre das eigentliche Endziel nicht der oder die andere, sondern das eigene Glück des Besitzens, man selbst. Wahre Liebe bedeutet, nicht in erster Linie zu wollen, dass man den geliebten Menschen besitzt, sodass man selbst glücklich ist, sondern ihn oder sie in der Verbindung mit einem selbst glücklich zu wissen.

Übertragen auf Ihren Fall müssten also Ihre eigenen Wünsche, Ihre Freundin bei sich zu haben, zurücktreten gegenüber dem Wunsch, dass es ihr gut geht. Ist es nun verwerflich, wenn das bei Ihnen nicht der Fall ist? Ich glaube nicht, denn es geschieht trotz allem aus Liebe. Schöner wäre es dennoch anders.

Literatur:
 
Hannah Arendt, Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation. Dissertation Heidelberg 1928. Neu herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Ludger Lütkehaus, Philo Verlag Berlin, Wien, 2. Auflage 2005

Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1. Buch 5. 1097 a 25ff. Gute Übersetzungen gibt es von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und Ursula Wolf im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006



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