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aus Heft 32/2013 Gesellschaft/Leben

Tacheles

Tobias Haberl, Malte Herwig und Peter Münch (Interview) 

Jerusalem. Heilige Stadt, geschundene Stadt. Symbol und Schauplatz des ewigen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern. Während die Diplomaten nach drei Jahren Stillstand wieder über Grenzen und Machtverhältnisse verhandeln, sind wir nach Jerusalem gefahren, um mit den Menschen zu reden, für die es bei alldem um ihre Heimat geht. Ein Stadtgespräch.



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Es ist heiß, staubig und laut in Jerusalem. Trotzdem ziehen Tausende von Pilgern und Touristen durch die Gassen der Altstadt, wo ihnen Dornenkronen und Kippas angedreht werden. Das Thermometer zeigt 32 Grad. Ein paar Stunden in diesem Gewimmel, und man spürt: Jerusalem, die Heilige Stadt, ist ein Ort des Glaubens, der Geschichte und Mythen, aber auch der Gewalt und des Hasses. In Jerusalem leben rund 800 000 Menschen, 62 Prozent von ihnen sind Juden, 35 Prozent Moslems und zwei Prozent Christen. Es gibt 1200 Synagogen, 158 Kirchen und 73 Moscheen.

Hier stand der Tempel Salomos, hier wurde Jesus ans Kreuz geschlagen, von hier soll der Prophet Mohammed in den Himmel aufgefahren sein. Immer wieder wurde die Stadt erobert, zerstört, wieder aufgebaut, bis heute ist ihr politischer Status umstritten: Die Israelis beanspruchen Jerusalem als »ungeteilte Hauptstadt«, die Palästinenser fordern zumindest den Ost-Teil als Hauptstadt eines künftigen Palästinenserstaates und wehren sich seit dem Sechstagekrieg von 1967 gegen die »israelische Besatzung«. Jerusalem ist – wenn auch nicht offiziell – geteilt. Dazu kommt, dass weiter israelische Siedler in die besetzten Gebiete drängen: für die Palästinenser eine untragbare Provokation. Umso größer war die Überraschung, als bekannt wurde, dass die Friedensgespräche nach drei Jahren Stillstand wieder aufgenommen werden, in Washington kam es bereits zu einem gemeinsamen Abendessen der Unterhändler mit US-Außenminister Kerry – ein Signal der Hoffnung. Ziel der Verhandlungen, die in den nächsten Monaten beginnen sollen, ist ein unabhängiger Staat Palästina, der im Gegenzug Sicherheitsgarantien für Israel akzeptiert.

Es ist kurz vor 15 Uhr. Wir haben im Garten des »Österreichischen Hospizes«, einer Pilgerherberge in der Via Dolorosa, einen großen Tisch reserviert. Ein paar Oleander- und Feigenbäume spenden Schatten, vom Dach aus sieht man den Tempelberg mit der Al-Aqsa-Moschee, die Klagemauer, die Kuppeln der Grabeskirche, den Ölberg. Ab und zu ruft ein Muezzin, wir sind im muslimischen Viertel. Zu trinken gibt es Wasser, Kaffee und Gösser-Bier aus Österreich, zu essen Gulaschsuppe und Apfelstrudel aus dem Kaffeehaus des Hospizes. Als Erster kommt Munther Fahmi, Palästinenser, Buchhändler und ein bisschen auch Playboy.


Munther Fahmi: Guten Tag, oh, ich bin der Erste. Sie sind alle von der Zeitung, oder?
SZ-Magazin: Ja, vom Magazin der Süddeutschen Zeitung.
Fahmi: Kenne ich. Ist eine der größten Zeitungen Deutschlands, nicht wahr?
Kompliment, unser Fotograf hatte noch nie davon gehört.
Fahmi: Kommt er aus Israel?
Nein, aus den USA.
Fahmi:
Na, dann muss man sich nicht wundern.

Woher kommen Sie gerade?
Fahmi: Aus meinem Buchladen im »American Colony Hotel«, das ist ein Fünf-Sterne-Hotel im Ostteil der Stadt. Sehr alt, sehr traditionsreich. Unter anderem haben dort die Friedensgespräche begonnen, die zum Oslo-Vertrag von 1993 geführt haben. Bei uns haben schon Winston Churchill und Lawrence von Arabien übernachtet.
Ist Jerusalem ein guter Ort, um Bücher zu verkaufen?
Fahmi: Eigentlich ja, die Menschen lesen viel in dieser Stadt.
Lassen Sie uns raten: Der neue Roman von Dan Brown verkauft sich großartig.
Fahmi: Dan Brown? So einen Müll gibt es bei mir nicht. Religion, Geschichte, Politik, der Nahostkonflikt, das sind meine Themen. Aber wir führen auch Klassiker der Weltliteratur, Hans Fallada, Thomas Mann, Hermann Hesse, Günter Grass. Wir Palästinenser lieben Günter Grass.

Sie meinen wegen des Israel-kritischen Gedichts, das er letztes Jahr veröffentlicht hat?
Fahmi:
Natürlich. Ich war damals gerade in Berlin und dachte nur: »Yeah, Günter, go!« Ich finde es mutig von ihm, Israel zu kritisieren, immerhin benimmt sich dieser Staat seit knapp fünfzig Jahren daneben. Natürlich spricht die jüdische Lobby sofort von Antisemitismus, wenn einer den Finger hebt, aber das ist Bullshit, kultureller Terrorismus ist das.

15.20 Uhr. Munther Fahmi ist gerade so richtig in Rage, als Anat Hoffman in den Garten kommt, Vorsitzende von »Women of the Wall«, einer jüdischen Aktivistengruppe, die sich für mehr Frauenrechte an der Klagemauer einsetzt. Sie hat ihren Freund mitgebracht. Die beiden setzen sich, halten Händchen, hören zu.

Der israelische Schriftsteller Nir Baram sagt: »In Jerusalem lesen sie Proust, in Tel Aviv kaufen sie Zeitschriften.«

Fahmi: Er hat recht. Jerusalem und Tel Aviv sind zwei total verschiedene Orte. Die Menschen sind anders, die Mentalität ist anders. In Tel Aviv ist das Leben moderner und leichter, in Jerusalem, besonders hier in der Altstadt, spürt man die Bürde von Religion und Geschichte. Als mein Vater starb, haben wir seinen Leichnam von der Al-Aqsa-Moschee zum Friedhof vor die Stadt getragen. Ich werde nie vergessen, wie jenseits der Stadtmauern diese sonderbare Schwere von mir abgefallen ist. Trotzdem könnte ich nie in Tel Aviv leben.
Hoffman: Warum nicht?
Fahmi: Weil diese Stadt eine kulturelle Wüste ist. Okay, es gibt das Meer, aber an den Strand gehe ich nur mit Kopfhörern. Ich will kein Hebräisch hören. Das erinnert mich nur daran, dass die Israelis kein Recht auf Palästina haben.
Hoffman: In Jerusalem hören Sie doch auch jeden Tag Hebräisch.
Fahmi: Nicht im »American Colony Hotel«, das ist mein Königreich und ich bin der König. Ich hatte mal eine jüdische Freundin, die hat sich sogar geweigert, mit dem Auto durch Deutschland zu fahren.

Haben Sie jüdische Freunde?

Fahmi: Wir gehen mit dem Wort Freundschaft sehr sorgfältig um, nicht wie in Amerika, wo jeder 200 Freunde hat. Ich habe einen jüdischen Freund, Miko Peled, der Sohn von Matti Peled. Kennen Sie ihn? Im Sechstagekrieg von 1967 war er einer der höchstdekorierten Generäle. Miko und ich streiten nie, weil wir uns einig sind: Die Zionisten sind eine Bande von Dieben.

Können Sie sich vorstellen, mit einem ultraorthodoxen Juden befreundet zu sein?
Fahmi:
Vielleicht zum Spaß. Ach, es ist kompliziert. Ein Palästinenser kann nicht einfach zu einem Juden sagen: Komm heute Abend rüber, und wir essen eine Kleinigkeit. Und wenn doch, darf man auf keinen Fall über Politik sprechen. In Jerusalem hat Politik schon viele Freundschaften zerstört.
Hoffman: Sie haben recht. Ich rede mit meinen palästinensischen Freunden auch nie über Politik. Wissen Sie, was uns und euch fehlt? Ein religiöser Führer, eine charismatische Persönlichkeit wie Nelson Mandela.

Was ist mit Nir Barkat, dem Bürgermeister von Jerusalem?
Hoffman: Ein Technokrat und Rassist. Man muss sich nur West- und Ost-Jerusalem anschauen, die Unterschiede in der Lebens- und Versorgungsqualität. Die Palästinenser, die in Ost-Jerusalem leben, sind Bürger zweiter Klasse.
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Am Tag nach dem Gespräch spazierten Tobias Haberl und Malte Herwig durch das ultraorthodoxe Viertel Me’a Sche’arim - natürlich mit Kopfbedeckung: Haberl trug eine Kippa, Herwig einen Panamahut. Der SZ-Korrespondent Peter Münch musste leider nach Tel Aviv - zum Arbeiten, nicht zum Strand.

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