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aus Heft 33/2013 Wirtschaft/Finanzen

Einsame Spitze

Lorenz Wagner  Foto: Andreas Nestl

»Man wird einsam da oben«, sagt Dieter Zetsche. Hinter ihm liegt sein bitterstes Jahr als Daimler-Chef: Letzten Sommer galt er noch als der fabelhafte Dr. Z, im Winter stand er vor dem Aus, jetzt kämpft er sich zurück. Wir haben Zetsche ein Jahr lang begleitet. Ein Lehrstück über Deutschlands Topmanager.

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Das Lächeln danach.
Vor wenigen Monaten trat einem noch ein anderer Dieter Zetsche entgegen: fahrig, einsilbig, genervt. Seinen Schnauzbart, sagt Zetsche, habe er, seit er denken kann.


Im Privatjet, kurz nach dem Start, unten leuchtet Istanbul. Dieter Zetsche hat den türkischen Wirtschaftsminister getroffen, es geht heim nach Stuttgart. Er sitzt in der Kabine links, der Sitz gegenüber leer, seine Beine brauchen Platz. Rechts, auf der anderen Seite des Gangs, drei Leute: zwei Mitarbeiter und der Leibwächter. Blicke raus, Geblätter in Zeitschriften.

Auf einmal die Stimme des Chefs: »Was ist das?«
Alle Köpfe drehen sich zu ihm. Zetsche blickt Richtung Mitarbeiter, in der Hand eine Zeitschrift.
»Was?«
»Na, das!« Er klopft auf das Magazin: eine Werbung für den Bambi. Mercedes ist Partner, verlost ein Auto.
Ratlose Blicke. Sie sind doch seit Jahren dort Sponsor.
»Wer zahlt das?«, fragt Zetsche.
Ah, das ist das Problem: Daimler hat Sorgen in diesem November 2012, muss sparen. Zetsche hat den Mitarbeitern eine Mail geschrieben: Jeder Euro zählt, kein Geld für Unwichtiges. Und eine Werbung, in der groß »Bambi« und klein »Mercedes« steht, ist unwichtig.
Sein Blick, eben noch in der Luft, trifft nun. »Zahlen WIR das? Zahlen wir deren Anzeigen?«
Stille.
»Und was kostet das?« Zetsche wartet.
»Also, ich kenn die Zahlen nicht«, hebt ein Mitarbeiter zur Widerrede an. Viele Argumente hätte er: dass es Verträge gibt, älter als der Sparplan. Dass da Stars in Mercedes-Limousinen vorfahren. Er holt Luft …
… und lässt es. Er dreht sich weg. Auch der zweite Mitarbeiter wendet sich ab. Und der Leibwächter schaut eh aus dem Fenster. Ein, zwei Sekunden sitzt Zetsche noch da, starr. Dann dreht auch er sich weg, das Gesicht blass, die Augen rot geädert, der Schnurrbart, der berühmte, hängt nach unten.

Die Motoren surren, es wird Nacht, die Stewardess bringt Salat. »Uh, sauer«, klagt Zetsche. Dann schweigt er. Der Chef nimmt frei. Er greift sich The Big Book of Killer Su Doku.

Dieter Zetsche lenkt eines der beiden Unternehmen in diesem Land, die mehr sind als Unternehmen. Da ist die Deutsche Bank, die Finanzstimme der Republik. Und da ist Daimler, Symbol deutscher Werte: Ingenieurskunst, Erfindergeist. Daimler hat das Automobil erfunden!

Doch in diesen Sekunden über Istanbul hat Zetsche gar nichts Mächtiges an sich. Er ist einfach nur ein schnurrbärtiges Sorgenbündel, allein auf seiner Flugzeug-Seite. Er durchlebt gerade das bitterste Jahr in seinem Berufsleben. Mittendrin ist er in diesen Novembertagen.

Im Sommer 2012, als das ganze Elend leise beginnt, ist Dieter Zetsche ein Mann, von dem die Menschen sagen, er habe es gut gemacht im Leben. Sein Leben, das ist Daimler. In jungen Jahren ist er zur Firma gekommen, als Student, und gleich schrieb er ein Programm, das Wagen besser durch Kurven führte – in einer Zeit, als Autos kaum Elektronik kannten. Von da an machte er Karriere, wurde Entwicklungschef, wurde Vorstand, und als Daimlers Tochter Chrysler einen Retter brauchte, wurde er Retter. »Sie erwarteten Adolf Hitler, und es kam Martin Luther«, schrieb David Cole, ein Auto-Experte in den USA. Vor sieben Jahren, als Daimler am Boden lag, ist Zetsche zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen. Und er führte Daimler zu Rekorden. Kein Vorgänger hat so viele Autos verkauft, keiner einen solchen Gewinn gemacht: neun Milliarden Euro vor Steuern. Der fabelhafte Dr. Z.

Und genau der ist er noch, als er Ende Juni 2012 in Portorož an der slowenischen Adria die nächste Erfolgshoffnung vorstellt: die neue A-Klasse. Am Mittag hat er eine Testfahrt gemacht, und gleich, am Abend, wird er eine Rede halten. Er tritt auf die Hotelterrasse, Lounge-Musik, Marmor, Sessel in der Farbe von Eierschalen. »Ich mag das Meer«, sagt er und deutet rüber zum kleinen Hafen. »Ich bin da vorgelaufen. Die Segelboote, das tut gleich was mit einem, das blaue Meer. Am liebsten wär ich reingesprungen.« Er hatte keine Zeit.

Dieter Zetsche hat nie Zeit. Wartet man auf ihn, machen Mitarbeiter einen startklar: »Ziehen Sie die Jacke an und halten Sie die Tasche bereit. Wenn er hier ist, laufen Sie los. Das Auto wartet.« Vor Kurzem, in Berlin, bei einem Forum am Pariser Platz, ließ er eine blonde Talkmasterin, die nicht nachkam, einfach stehen. »Herr Zetsche, Herr Zetsche«, rief sie hinterher. Er aber eilte die Treppe hinauf, mit wehendem Mantel, kein Blick zurück. Oh wie sie ihre Absätze zerstampfte! Und heute früh, bei der Testfahrt, überfuhr er fast einen Hasen – wobei der Hase auch nicht nach links schaute. Dann zog Zetsche mit keckem Überholschwung davon. Eine halbe Stunde später der Anruf: Wo bleiben Sie? Was, wo sind Sie? Dann wird das nichts. Interview geplatzt. Verdammt!

Eine Geschichte über Dieter Zetsche ist auch eine über die Topmanager dieser Welt, diesen kleinen, elitären Zirkel mit seinen eigenen Regeln. Und eine der Grundregeln heißt: Leute wie Zetsche haben keine Zeit, sie kriegen sie gestohlen. Sie wird klassifiziert, so knapp ist sie. »Sie haben dreißig Minuten Quality Time«, sagt ein Mitarbeiter vor dem Gespräch. Dreißig Minuten Zetsche alleine. So viel kriegt der nicht für sich selbst an einem Arbeitstag.

Zwei Sekretärinnen und eine Stabsfrau herrschen über seinen Kalender. Jeden Januar legen sie ihm eine Tortengrafik vor: wie viel Prozent seiner Zeit hat er mit wem verbracht? Wie lässt sich das optimieren? »Sie können sagen: Ich bin fremdbestimmt«, sagt Zetsche. »Ich komme morgens ins Büro und sage: Wie heiße ich, was habe ich zu tun? Und ich lauf los und irgendwann ist Abend, wunderbar, ich kann ins Bett gehen.« Firmenchefs sind Getriebene. Und sie sind Treiber. In ihrer Welt gilt die ewige Gleichung: Bauch + Erfahrung / Beratung = schnelle Entscheidung. Nur so können sie überleben. Aber wehe, es geht zu schnell. Wehe, sie nehmen ihre Leute nicht mit. Dann wird ihre Gabe – das Tempo – zur Gefahr.

Auf der Terrasse in Portorož Ansage von der Seite: vier Minuten bis zur Rede zur neuen A-Klasse. »Was man hier empfindet«, sagt Zetsche, »ist wie die Geburt eines Kindes nach vier Jahren Schwangerschaft.« Er selbst hat sich mit in die Design-Abteilung gestellt. Die A-Klasse galt als Opa-Auto. Nun hat sie Lüftungsdüsen, die wie Turbinen aussehen, und einen Diamantgrill, der das Sonnenlicht bricht. »How cool is that?«, ruft Zetsche am Ende der Rede. Ja, glaubt er, das wird ein gutes Jahr. Ein Unheil, so sagen wir, bricht herein über uns, als falle es vom Himmel und wir trügen keine Schuld. Und trifft es uns, erscheint das Leben uns hart und ungerecht. Meist aber gibt es Zeichen, gerade in der Wirtschaft, wo ein Unheil Intrige heißt oder Putsch. Bitter, wenn ein Chef die Zeichen nicht ernst nimmt.

Schon im Herbst 2012 haben Vertraute Zetsche gewarnt: Da machen einige Stimmung gegen dich – ein Betriebsrat, ein leitender Angestellter, ein alter Feind. Leute, deren Karriere er im Weg stand. Die sich an seiner Sparwut stoßen. Und an seiner Ruppigkeit. Dieter Zetsche, glauben viele, die ihn vom Foto kennen, sei ja mal ein netter Manager. Allein der Schnauzbart! Man muss sehen, wenn er bei PR-Terminen eine Schule oder ein Kinderparlament besucht: Die Kleinen rennen auf ihn zu, greifen seine Hände, ziehen an seinem Mantel. Und auf Betriebsfesten stellt sich der Dieter an den Grill oder zapft Bier und trinkt eins mit. Es ist keine Verstellung, sagen Freund und Feind.

Im Geschäft wandelt sich Zetsche. Diese Welt ist auf Wettbewerb ausgerichtet, auf Kampf. Offen stellt er sich 2004 in der entscheidenden Sitzung gegen seinen Vorgänger, der weiter Geld in Mitsubishi stecken wollte – Jürgen Schrempps Anfang vom Ende. Und kaum im Amt, fuhr Zetsche zu Angela Merkel, um ihr zu sagen, Daimler werde seine Anteile an Europas Luftfahrtprojekt EADS verringern. Und wenn sie Nein sagt?, habe Merkel gefragt. »Machen wir es trotzdem.«

Laut kann Zetsche werden, zu hohen Betriebsräten oder Managern. E-Mails schreibt er gern grußlos: »Sollte geklärt werden. DZ.« Versagern antwortet er erst gar nicht. »Er ist eben Ingenieur, dem fehlt da eine Lötstelle«, sagt ein Mercedes-Manager. »Mit ihm kumpelig einen Wein trinken? Undenkbar.« Nicht seine Seilschaften haben Zetsche auf den Chefposten gebracht. Es waren die Erfolge.
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Lorenz Wagner war sich lange nicht sicher, wann dieses Porträt erscheinen würde. Immer wieder platzten Interviews mit Dieter Zetsche auf absurde Weise: Einmal konnte er nicht in Zetsches Auto einsteigen, einfach, weil der ihm davongefahren war, ein andermal wollte Zetsche lieber Sudoku lösen als reden.

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