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aus Heft 34/2013 Gesellschaft/Leben

Schau links, schau rechts, schau geradeaus

Rainer Stadler  Fotos: Peter Neusser; Illustrationen: Elsa Jenna

... und trotzdem landest du im Krankenhaus: Jeden Tag gibt es auf Deutschlands Straßen zehn Tote und tausend Verletzte. Deshalb versuchen Verkehrsplaner, die Kreuzungen der großen Städte sicherer zu machen. Mit Ampeln. Mit Schildern. Mit Tricks. Und dennoch bauen die Autofahrer einen Unfall nach dem anderen.


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Wer mit Jochen Schledz durch Berlin fährt, wundert sich bald, dass dort immer noch 3,5 Millionen Menschen am Leben sind. An jeder Ecke lauern Gefahren, die Stadt – ein einziges Unfallrisiko. Beispiel Katzbach-/Ecke Kreuzbergstraße: »hier hatten wir schon Radfahrerunfälle«, sagt Schledz. Er biegt in die Yorckstraße ein und deutet auf einen Rohbau: »Da kommt ein Baumarkt hin«, sagt er und schüttelt den Kopf. »Und was, wenn die Kunden von der Gegenfahrbahn links reinbiegen wollen?« Weiter auf die Pallasstraße, wo vor einigen Jahren »unter großem Tamtam« endlich Tempo 30 eingeführt wurde, mit Rücksicht auf einige Schulen und Kitas in der Nähe. Wenig später hat er sein Ziel erreicht: die Kreuzung Bundesallee, Hohenzollerndamm, Na-chodstraße im Stadtteil Wilmersdorf. Ein fußballfeldgroßer Verkehrsknoten, den tagsüber 50 000 Autos und 3500 Fahrräder queren. Die Bilanz: mehr als 1300 Unfälle in zwanzig Jahren.

Kreuzungen sind die Königsdisziplin für Menschen wie Schledz, die sich mit der Sicherheit im Straßenverkehr beschäftigen. Dort ballen sich die Konflikte, weil gleich mehrere »bedingt verträgliche Verkehrsströme« aufeinandertreffen, wie es in der Fachsprache heißt – Autos, Lastwagen, Motorräder, Fahrräder, Fußgänger, Jung und Alt, schnell und langsam. Jeder zweite Unfall in Städten passiert an einer Kreuzung. Schledz steigt aus seinem alten Honda aus, an dieser Stelle muss er etwas ausholen.

Seit acht Jahren leitet er die städtische Unfallkommission. Sein Job besteht darin, die sogenannten Unfallhäufungsstellen in Berlin zu entschärfen. Das sind Straßenabschnitte und Kreuzungen, auf denen es binnen drei Jahren drei Kollisionen mit Schwerverletzten oder fünf mit Leichtverletzten gab. Schledz betont, dass Berlin die sicherste Hauptstadt Europa ist, was den Straßenverkehr angeht. Trotzdem schreibt er fortwährend Berichte und analysiert Gefahrenstellen; er mahnt und warnt, nur um eines muss er sich keine Sorgen machen – dass ihm die Arbeit ausgeht: In Berlin gibt es 500 Unfallhäufungsstellen, vergangenes Jahr verunglückten auf den Straßen der Hauptstadt 17 000 Menschen, 42 davon tödlich. Deutschlandweit waren es 3600 Tote und fast 400 000 Verletzte, was bedeutet: Beinahe jeder Zweite wird im Laufe seines Lebens bei einem Verkehrsunfall verletzt. Die persönliche Betroffenheit so vieler steht im Widerspruch zum allgemeinen Interesse am Thema Verkehrssicherheit, das meist nach Aushändigung des Führerscheins erlischt.

Es gab Zeiten, da knallten zur besten Sendezeit Autos verkehrspädagogisch wertvoll ineinander. Seit der Absetzung der ARD-Sendung Der 7. Sinn vor acht Jahren beackern nur noch Experten und Bürokraten das Feld, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei hätten sie viel zu erzählen über das schwierige Unterfangen, die Straßen sicherer zu machen, das ständig neue Erkenntnisse hervorbringt und oft genug mit dem irrationalen Verhalten der Verkehrsteilnehmer und kurzsichtigen Kosten-Nutzen-Überlegungen der Verkehrspolitiker kollidiert.

Jochen Schledz steht an der Bundesallee, wenige Meter vor der großen Kreuzung. Mit seinen kurzen grauen Stoppelhaaren und seiner kleinen Brille erinnert er an den Fernsehmoderator Peter Lustig. »Hier haben wir zwei Probleme: Rotlichtverstöße und die Rechtsabbieger zusammen mit den Radfahrern«, doziert er. Die Rotlichtverstöße gehen auf das Konto von Autofahrern, die vom Hohenzollerndamm kommend links abbiegen (siehe Bild rechts). Dazwischen liegen zwei Ampeln, die zweite davon wird regelmäßig übersehen. Folge: 15 Unfälle durch Rotlichtmissachtung in einem Jahr, laut Unfallbericht der Berliner Polizei ein Rekordwert. Zur Abhilfe hat Schledz neue Ampeln mit leuchtstarker LED-Technik und größerem Rotlicht empfohlen. Nicht alle Konflikte lassen sich so leicht lösen.
Gefährliche Linksabbieger Statistisch gesehen stirbt in Deutschland jeden zweiten Tag ein Mensch infolge eines Linksabbiege-Manövers. Eigene Grünphasen für die Abbieger könnten viele Unfälle verhindern. Zudem sanken an Kreuzungen, an denen solche Grünphasen eingeführt wurden, die Kosten durch Unfallschäden um fünfzig Prozent

Radfahrer gehören auf die Straße

Neben der Bundesallee ist ein breiter Fuß- und Radweg, aber für Autofahrer, die rechts in den Hohenzollerndamm biegen, sind die Radfahrer kaum zu sehen. Bäume behindern die Sicht, ebenso ein Abstellplatz für Fahrräder. Am sichersten wäre es, wenn solche Flächen großflächig eingeebnet würden. Das Problem: Die Städte wären dann noch etwas grauer.

Zu ihrem Schutz bekommen Fußgänger und Radfahrer heute an Kreuzungen oft ein, zwei Sekunden Vorsprung. Ihre Ampel springt etwas früher auf Grün und sie befinden sich schon mitten auf der Straße, wenn die Autos losfahren. Davon profitieren aber nicht die Radfahrer, die in voller Fahrt die Kreuzung queren, wenn die Ampel längst grün ist. Statistiken zufolge ist ihr Risiko, von einem Rechtsabbieger übersehen zu werden, viermal so hoch wie das jener Radfahrer, die an der Kreuzung auf Grün warten.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Versicherer, sähe die Radfahrer deshalb am liebsten ganz auf der Straße, also immer im Sichtfeld der Autofahrer. Radwege sind ein Relikt der Siebzigerjahre, als die Verkehrsplaner noch von der autogerechten Stadt träumten. »Und sie vermitteln ein falsches Gefühl der Sicherheit«, bemängelt Brockmann. Wer als Radfahrer die Straße benutzt, gerät an Kreuzungen – auch ohne eigene, rot markierte Spur – wesentlich seltener mit Rechtsabbiegern in Konflikt.

Leider nehmen Radfahrer die Situation genau umgekehrt wahr: In jeder Stadt gibt es einige Radwege, die mit einem blauen Schild markiert sind, in der Mitte ein weißes Fahrrad. Es bedeutet: Die Benutzung ist Pflicht. Überall sonst dürften Radfahrer auf die Straße ausweichen. Die wenigsten wissen das, noch weniger machen davon Gebrauch: Eine Studie ergab, dass Radfahrer im Rentenalter sogar zu 99 Prozent auf dem Radweg bleiben – weil sie sich dort sicherer fühlen. Eine andere Studie ergab übrigens, dass sich weibliche Radfahrer auch auf dem Gehweg sehr wohl fühlen.

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Besonders beeindruckend fand Rainer Stadler die Forschungsberichte des Bundesverkehrsministeriums und der Bundesanstalt für Straßenwesen. Titel wie Untersuchungen zur Entdeckung der Drogenfahrt in Deutschland oder Vermeidung der durch den Straßenverkehr bedingten Verluste von Fischottern trugen dazu bei, dass er seinen Arbeitsweg nun mit anderen Augen sieht.

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