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aus Heft 35/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man nach dem Tod von Amy Winehouse noch lauthals ihren Song Rehab singen, in dem es um den Versuch geht, sie in eine Entzugsklinik einzuweisen?

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»Ist es moralisch vertretbar, lauthals den Song Rehab von Amy Winehouse mitzusingen, der von dem vergeblichen Versuch handelt, sie in eine Entzugsklinik einzuweisen, wo doch die Sängerin an ihrem exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum starb? Oder geht man dadurch zu unbekümmert mit dem Tod eines Menschen um?«  Malte F., Köln




Im Grunde muss es jedem Menschen als freiem autonomen Wesen in weitem Umfang überlassen bleiben, wie er sein Leben führen will, auch wenn er sich schädigt oder Gefahren aussetzt. Insofern sollte man Amy Winehouse' Entscheidung, sich nicht in eine Entzugsklinik zu begeben, respektieren. Ebenso, wie sie sich damit künstlerisch auseinandersetzt. Das Problem dabei ist jedoch, dass Alkoholkranke dem Alkohol nicht mit freiem Willen gegenüberstehen, sondern abhängig sind.

Hätte also Amy Winehouse ein Lied geschrieben, in dem sie, gefangen in ihrer Sucht, hämisch über die Versuche singt, sich einem Entzug zu unterziehen, könnte es tatsächlich makaber und deshalb moralisch bedenklich sein, lauthals mitzusingen, nachdem Amy Winehouse 27-jährig mit 4,16 Promille an Alkoholvergiftung gestorben ist.

Allerdings täte man damit ihr und ihrem Song unrecht, worauf mich ein befreundeter Psychologe, der zugleich DJ ist, hingewiesen hat. Neben höhnisch trotzig klingenden Stellen wie der Refrainzeile »They tried to make me go to rehab, I said, ›No, no, no‹« gibt es in Rehab auch sehr traurige, verzweifelte Stellen wie »I dont ever wanna drink again / I just, ooh, I just need a friend« - »Ich will nie wieder trinken / ich brauche nur einen Freund« - typische Aspekte der Abhängigkeit. Der Text des Songs berichtet also durchaus bitter von der Problematik des Alkoholismus. Das jedoch steht in starkem Kontrast zur durchgehend fröhlichen Melodie, und dieser Kontrast stellt eine selbstkritische, sarkastische, fast makabre Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrer Krankheit dar.

Den Song einfach so lauthals mitzusingen wäre also tatsächlich bedenklich, auch weil man ihn missversteht und damit der Künstlerin unrecht tut. Macht man sich dabei jedoch die zweite Ebene bewusst, folgt man dem Anliegen der Künstlerin, und das halte ich für legitim und sogar respektvoll.

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