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aus Heft 36/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ist es zynisch, der Kassiererin beim Discounter einen schönen Tag zu wünschen, wenn man davon ausgeht, dass ihr Tag das gar nicht ist?

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»Bei meinem Discounter wünschen mir die Frauen an der Kasse: ›Noch einen schönen Tag.‹ Meist antworte ich: ›Ich wünsche auch Ihnen einen schönen Tag.‹ Die Kassiererin könnte dies durchaus als Zynismus verstehen, da sie an diesem Tag für einen Hungerlohn bis 21 Uhr hart arbeiten muss. Sollte ich also besser einfach nur ›Danke‹ sagen?«  Sabine F., Kiel



Wenn ich »Noch einen schönen Tag« höre, fühle ich mich immer ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits ist es zweifellos etwas Positives, einem anderen Menschen zu wünschen, dass sein Tag schön verlaufen möge. Andererseits dürfte es in vielen Geschäften nicht viel mehr als eine leere Floskel sein, zu der die Angestellten verpflichtet sind. Eine Sitte oder Unsitte, die aus den USA zu uns gekommen ist, wo Have a nice day zum Standardrepertoire der Verabschiedung von Kunden gehört.

Wie darauf antworten? Zwei Aspekte stören mich daran, aus Rücksicht nicht »Ihnen auch!« zu sagen. Zum einen liegt dieser Zurückhaltung die Idee zugrunde, dass eine Kassiererin keinen schönen Tag haben könne. Und das beinhaltet neben allem Mitgefühl auch eine gewisse Überheblichkeit gegenüber diesem Beruf. So schwer und undankbar ein Job im Einzelnen auch sein mag, schließt das nicht aus, dass man dennoch einen schönen Tag haben kann.

Wenn Sie wirklich davon überzeugt sind, dass das für jemanden, der an der Kasse in Ihrem Discounter arbeitet, unmöglich ist, dürfen Sie dort nicht einkaufen, sondern müssen vor dem Laden gegen diese Arbeitsbedingungen protestieren. Zum anderen bedeutet ein »schöner Tag« nicht zwangsläufig, dass man in Zeitlupe über eine Blumenwiese in den Sonnenuntergang läuft. Das werden vermutlich auch Sie nicht tun, sondern Ihre Einkäufe nach Hause tragen; ebenfalls kaum jemandes Lieblingsbeschäftigung. Dass das, was immer man auch tun wird, gut laufen möge, das wünscht man meines Erachtens mit der Wendung.

Zudem ist, von Kunden nicht nur als Maschine, sondern als Person wahrgenommen zu werden, etwas, was einem Mitarbeiter in einem Geschäft den Tag tatsächlich schöner machen kann. Dazu gehört auch, diesen schönen Tag gewünscht zu bekommen. Wenn es denn mehr als eine Floskel ist.

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Literatur:
 
Anna Sam: Die Leiden einer jungen Kassiererin, Goldmann Taschenbuch Verlag, München 2010.

Ulrike Sterblich: Tüte oder so was: Wie man als Kunde nervt, ohne es zu merken, Goldmann Taschenbuch Verlag, München 2010.

Paul Fussell: Class: A Guide Through the American Status System, Touchstone, New York 1983.

In diesem Buch, einem launigen Führer durch das amerikanische System von Status und Klassen, empfiehlt der amerikanische Kulturhistoriker Paul Fussell zunächst dem Kassierer in der Bank „You too“ zu antworten, während er „Mind your own business“ als zu unhöflich ablehnt. Am Ende aber meint er, die beste Antwort sei „Thank you, but I have other plans“ mit einer sehr herablassenden Begründung: „Perfekt höflich, aber dennoch lässt es keinen Zweifel, dass Sie nicht in der sozialen Klasse dieses Menschen sind“.

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger gewissensfrage@sz-magazin.de