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aus Heft 37/2013 Kino/Film/Theater

»Man sollte einen Film machen, der nie endet«

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Julian Baumann

Mit seiner Heimat-Trilogie schuf der Regisseur Edgar Reitz ein Jahrhundertepos. Jetzt kommt die Fortsetzung in die Kinos - und dreht die Zeit zurück ins 19. Jahrhundert. Ein Gespräch über das gebrochene Verhältnis der Deutschen zu ihren Landschaften und die ewige Unmöglichkeit, eine Heimat zu finden.

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Ein Mann und seine Natur Edgar Reitz im Englischen Garten in München, durch den er gern radelt - wenn er nicht gerade filmt, was er eigentlich immer tut.


SZ-Magazin: Herr Reitz, seit mehr als dreißig Jahren filmen Sie im Hunsrück, Was fasziniert Sie so an den Menschen dort?
Edgar Reitz:
Ich habe immer gefunden, die sind wie alle anderen, aber ich kenne sie besser.

Dabei sind Sie mit 18 von dort weg und leben seit Jahrzehnten in München.
Das ist ja die Geschichte. Ich hab doppelt so lange dort gefilmt wie gelebt.

Haben Sie den Hunsrück so für sich noch mal neu erschaffen?
So sehen die das dort jedenfalls. Ich bin Ehrenbürger in der Kreisstadt und verhindere mit Müh und Not, dass sie auch die Straßen nach mir benennen.

2004, als der dritte Teil von Heimat in der Gegenwart angekommen war, sagten Sie, Ihr Werk sei nun abgeschlossen. Wann wurde Ihnen klar, es kann so nicht enden?

Es geht ja nicht weiter. Es geht rückwärts. Allerdings: Niemand von uns kann wirklich in die Vergangenheit zurückkehren, auch nicht im Film. So genau man auch vorgeht, so perfekt Kostüme und Ausstattung auch sein mögen, es ist immer eine Spiegelung der Vergangenheit an der Gegenwart.

Ihr neuer Film spielt in »Schabbach« um 1840. Worin besteht die Spiegelung für Sie?
Ich hätte den Film nicht gemacht, wenn ich nicht aus dieser Geschichte einen Blick auf unser heutiges Leben gewinnen und die Gegenwart mit anderen Augen betrachten könnte: Wenn ich sehe, mit wie wenig Mitteln, mit welchem Ernst Menschen damals auskommen konnten, wird mir klar, in welch haarsträubendem Luxus wir leben.

Warum haben Sie gerade diese Zeit gewählt?
Damals sind Hunderttausende aus Deutschland, Italien, Skandinavien und Irland Richtung Amerika ausgewandert. Viele aus dem Hunsrück nach Brasilien, wie in meinem Film. Diese Sehnsucht hat mich interessiert. Zwanzig, dreißig Jahre später war in Deutschland alles anders, es kam das preußisch-deutsche Kaiserreich, die Gründerjahre der großen Konzerne, der Wohlstand. Da gab es dann keine Stimmung mehr zum Auswandern.

Für den Film ließen Sie ein ganzes Dorf minutiös in jene Zeit zurückbauen. Wie haben Sie die Dorfbewohner dazu gebracht, da mitzumachen?
Und darin dann ein halbes Jahr zu leben! Schlösser überdauern Generationen, aber die einfachen Häuser von Armen eben nicht. Daher mussten wir das rekonstruieren, was es nirgends mehr gab. Die meisten Bewohner zogen mit und waren sehr kooperativ. Auch weil sie mich eben kannten. Alle haben eine Aufwandsentschädigung bekommen. Und alle Häuser sind hinterher renoviert worden.

Sie haben sogar altes Getreide anbauen lassen.

Für die Szene, in der zwei Mädchen in mannshohem Korn Versteck spielen, brauchte ich es, das wird nicht mehr angebaut. Auch Flachs habe ich anbauen lassen.

Ist das noch Perfektionismus oder schon Besessenheit?

Perfektionismus, das klingt so kalt. Ich mache nichts um seiner selbst willen. Ich möchte es so schön wie möglich machen. Und so verständlich wie möglich.

Welche Schönheit meinen Sie?
Schönheit ist nicht neutral. Sie ist eine aus einem starken Gefühl geborene Wahrnehmung. Das haben die Künste über Jahrtausende weiterentwickelt. Ohne Liebe zum Sujet kann man nichts Schönes machen. Dabei kann natürlich was rauskommen, was nicht jeder schön findet. Oder etwas, was erst hundert Jahre später als schön empfunden wird.

Was ist schön für Sie?
Irgendwie weiß das jeder. Das hat nicht mal mit Bildung zu tun. Schönheit zu empfinden ist eine Gabe der Seele. Es gibt die Schönheit aller Lebensalter, eines Gesichts, einer Gestalt, die Schönheit der Natur.

Die Natur spielt eine große Rolle in Ihren Filmen, als Seelenlandschaft. Ist das etwas typisch Deutsches?

Im Gegenteil! Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Landschaft ist gebrochen. Einerseits wurde sie heroisiert, Riefenstahl, die Berge. Andererseits verteufelt. Ich vermute, das ist auch ein Erbe des Protestantismus, der die Heimat des Menschen nicht in der Landschaft, sondern im Glauben gesehen hat. Und alles, was an Naturgeister, an heilige Orte erinnert, wurde als heidnisch empfunden. Der klassische deutsche Film wurde fast komplett im Studio gedreht. Die Protestanten haben sich immer für ihre Landschaft geschämt. Ganz anders die Italiener, die ihr Land, ihre Provinz lieben.

Sind Sie Katholik?

Ja, ich komme aus einer katholischen Ecke. Ich liebe die Landschaft, vor allem die des Hunsrück. Man findet sie ja kaum mehr. Überall Windräder. Wir mussten wochenlang Motive suchen, die unberührt schienen.

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Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell trafen Edgar Reitz in seinem Büro inklusive Vorführraum in der Münchner Rottmannstraße. Hierhin war er gezogen, nachdem er vor Jahren aus seinem alten Büro in der Agnesstraße ausziehen musste – ein neuer Eigentümer hatte die Miete deftig erhöht. Der neue Eigentümer hieß: Bernd Eichinger.

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