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aus Heft 38/2013 Geschichte

Ein Mann mit Vergangenheit

Lars Reichardt  Illustration: Paul X. Johnson

Vor Opa Erwin, dem übellaunigen Kerl, hatten die Enkel fast ein bisschen Angst. Erst viele Jahre später wurde klar: Im Dritten Reich war er ein Held. Er sprach nur nie drüber.

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Mein Opa Erwin war ein verschrobener Griesgram. Er war nicht mein echter Opa, meine Mutter war seine Stieftochter. Sie und wir, die beiden angeheirateten Enkelkinder, interessierten ihn nicht im Geringsten. Wenn wir meine Oma Irmgard und ihn in der badischen Kleinstadt Bruchsal besuchten, verschanzte er sich im ersten Stock im Arbeitszimmmer mit seiner Zigarre hinter dem Schreibtisch. Meine Mutter wollte nicht hoch, meine kleine Schwester konnte noch kaum laufen, also musste ich zu ihm, um guten Tag zu wünschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er aufgestanden wäre aus seinem Ledersessel, um mich zu begrüßen. Ich ließ eine Hand auf der Klinke hängen, die andere am Türstock, näher wagte ich mich nie heran. Ich grüßte, er blickte auf und nickte mir hinter der Rauchschwade zu, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen.

Das ist die einzige Szene, an die ich mich erinnern kann; er starb, als ich fünf war. Meine Großmutter hat mir etwas mehr von ihm erzählt, aber das machte ihn nur unwesentlich sympathischer. Es waren immer die gleichen drei Geschichten, die Oma wiederholte; ich kam nie auf die Idee, Fragen zu stellen. Ich weiß bis heute nicht, wie sich die beiden kennenlernten. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass meine Oma und der falsche Opa sich tatsächlich richtig geliebt hätten. Schon gar nicht, dass ihre Liebe selbst Auschwitz überlebte.

Omas erste Geschichte: Erwin, geboren 1883, wird 1907 als junger Assistenzarzt in Berlin dazu abkommandiert, Kaiser Wilhelm II. auf dem Schiff nach China zu begleiten. Der Kaiser traut sich vor Hongkong aus Angst vor Krankheit kein einziges Mal von Bord und bekommt dennoch die Ruhr. Erwin heilt den Kaiser und bekommt zum Dank eine goldene Uhr, die mir meine Oma achtzig Jahre später kurz vor ihrem Tod schenkt. Ich fand allerding nie einen Beleg für so eine Reise des Kaisers, auf der Uhr stand auch keine Widmung. Sie ist mir irgendwann gestohlen worden oder vielleicht habe ich sie auch selbst irgendwo verlegt. Gott sei Dank war Oma da schon tot, die Uhr war ihr heiligstes Familienerbstück.

Omas zweite Geschichte: Erwin hängt während des Dritten Reiches an Hitlers Geburtstag die Reichsflagge des Kaisers aus dem Fenster und wird zur Strafe eine kurze Zeit zum Zwangsdienst als Arzt ins KZ Auschwitz versetzt. Wie lange genau, erzählte Oma nie.

Die dritte Geschichte: Erwin versteckt im KZ ein Kind unter seinem Bett, »er konnte den Jungen gut als Assistenten gebrauchen«, sagte Oma. Es hörte sich so an, als ob Erwin nur einen pragmatischen Grund für seine gute Tat gehabt hätte. Nach dem Krieg erhält er dafür jedenfalls das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Bei der Verleihung durch den Bundespräsidenten stürzt Opa betrunken vom Podest.

Meine Mutter kannte auch eine Geschichte: Er hat ihr als Kind öfter eine runtergehauen und sie in den Kohlenkeller geschickt, wenn er sie bestrafen wollte. Auch später, als Stiefvater eines pubertierenden Teenagers, war er völlig überfordert.

Erwin war sehr viel älter als meine Großmutter, zwanzig Jahre, er hatte - so weit wir wissen - keine eigenen Kinder. Oma hatte ihn erst nach dem Krieg geheiratet, als er schon Anfang sechzig war. Mit ihren ersten beiden Ehemännern hatte sie Pech: Der erste war ein kleiner Nazi, der für seine Partei viel unterwegs war. Sie verließ ihn und wurde Nummerngirl im Varieté, in Berlin, nehme ich an. Dort lernte sie Hans kennen, meinen leiblichen Großvater. Der war ein Weiberheld und Trinker, in dieser Reihenfolge. Was sie mir nicht erzählte: Oma heiratete Hans zweimal. Nachdem er sie verlassen hatte, nahm sie ihn noch einmal auf, und ließ sich abermals scheiden, weil sich nichts verändert hatte. Nicht mal meine Mutter wusste von der Doppelhochzeit ihrer leiblichen Eltern, so peinlich muss die meiner Großmutter gewesen sein.

Meine Mutter, meine Schwester und ich glaubten lang, dass Oma nach diesem Debakel den alten Erwin wahrscheinlich nur geheiratet hatte, weil sie im Alter finanziell abgesichert sein wollte und Liebe ihr nicht mehr so wichtig war. Oma nannte ihren dritten Mann »Vatl« und sprach nach dessen Tod oft davon, wie gut er sie mit seiner Pension versorgt hätte. Ihre Ehe war eine leidenschaftslose Zweckgemeinschaft, da waren wir uns alle sicher.

Von Opa Erwin blieb uns außer seiner goldenen Uhr nur das Foto von Omas Nachttisch: ein Schwarz-Weiß-Porträt, auf dem er lächelt. Ich habe ihn nie lächeln sehen. Er war in meiner Erinnerung der verschrobene, unnahbare Monarchist, kauzig auch in seinen Hobbys: Er züchtete Rosen und Bullterrier; einer schubste mich einmal in den Gartenteich. Seine Hunde waren genauso unfreundlich wie er. Er ist 86 Jahre alt geworden. Ich habe nicht geweint, als ich von seinem Tod gehört hatte. Fast hätte ich ihn vergessen.
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Lars Reichardt hat die Namen der von Erwin Valentin erwähnten Aufseher vergeblich in Ernst Klees Lexikon der »Auschwitz-Täter« (Fischer-Verlag) gesucht, Klee konnte »nur« 5000 Nazis dokumentieren. Außerdem empfiehlt Reichardt Devin Pendas Buch »Der Auschwitz-Prozess«, der im Dezember vor fünfzig Jahren in Frankfurt begann.

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