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bedeckt München
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aus Heft 38/2013 Gesellschaft/Leben

Alles auf Anfang

Johannes Waechter und Karoline Amon (Protokolle)  Fotos: Gianni Occhipinti

Große Freiheit oder große Leere? Nach einem Jahr im Ruhestand ist nichts mehr, wie es war. Zwölf Rentner und Pensionäre erzählen.



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Bernd Kunze, 66, war Leiter der Großküche eines Erfurter Klinikums

»Ich wollte so richtig loslegen: den Dachboden isolieren, die Garage aufräumen. Und dann saß ich zu Hause und eine große Leere überkam mich. Der Winter kündigte sich an, das Wetter war mies, und ich konnte mich zu nichts aufraffen. Ich denke, ich hatte einfach noch nicht begriffen, dass ich nichts mehr bestimmen, für nichts mehr geradestehen muss. Meine Rettung war, dass ich noch ein paar Monate weiterarbeiten konnte, als Berater der Großküche an der Uni Greifswald. So habe ich den Ruhestand etwas hinausgezögert. Aber jetzt werde ich einen zweiten Anlauf nehmen, es hilft ja nichts. Für meine Arbeit habe ich mein Privatleben immer zurückgestellt, nun muss ich es völlig neu aufbauen. Mich mit Haus und Garten beschäftigen, wieder Kontakt zu alten Freunden aufnehmen oder mit meiner Frau ins Gewandhaus zu einem Konzert fahren. Ich glaube zwar nicht, dass mich das so zufrieden macht wie früher der Beruf. Aber ich will es zumindest versuchen.«
Was haben Sie Neues gelernt?
»Auch mal zurückzustecken.«

Bodo Franz, 61, war stellvertretender Leiter des LKA Hamburg
»Wenn man Polizeibeamter war, legt man seinen Beruf nicht ohne Weiteres ab. Bei jedem Martinshorn frage ich mich: Was könnte da los sein? Nur leider erfahre ich in den meisten Fällen nicht, was geschehen ist. Das ist ein großer Kontrast zu der ungeheuren Menge an Informationen, die ich als Kriminalbeamter verarbeitet habe, und für mich bis heute unbefriedigend. Ich hoffe, das wächst sich irgendwann raus. Mein Ersatz sind jetzt die Familie, wir haben einen kleinen Enkel, und unsere Zwergpapageien. Momentan halten wir 35 Tiere in mehreren Volieren, jetzt habe ich endlich die Muße, mir die Tiere in Ruhe anzugucken und nach dem Rechten zu sehen. Es kommt immer wieder vor, dass ein Küken nicht gefüttert wird oder eine Fehlbildung hat. Da liegt dann auf einmal ein totes Würmchen im Nest. Früher habe ich das manchmal nicht bemerkt und das tote Küken erst spät rausgenommen. So etwas passiert mir jetzt nicht mehr.«
Was haben Sie Neues gelernt?
»In Ruhe die Dinge zu pflegen, die während des Berufslebens zu kurz gekommen sind.«

Friedel Frechen, 65, war Pressesprecher der Stadt Bonn
»Die ersten Wochen waren wie eine Entziehungskur. Ich habe die Lokalzeitungen abbestellt und, wenn es ging, auch keine Nachrichten mehr gehört. Das war nötig, weil ich ja meine biologischen und intellektuellen Reaktionsmuster kenne: Wenn ich etwas gesehen hätte, auf was ich in meiner früheren Funktion als Pressesprecher hätte reagieren müssen, dann wäre bestimmt wieder das volle Programm abgelaufen – ich hätte überlegt, was nun zu tun ist, Strategien entwickelt, Schlagzeilen und Statements formuliert - und mich vielleicht ziemlich aufgeregt. Viele hatten mir ja prophezeit, ich würde nie loslassen können, aber durch diese radikalen Maßnahmen ist mir der Cut gelungen. Er musste aber auch gelingen, mein Job war oft sehr belastend und ihn komplett hinter mir zu lassen eine Frage des Selbstschutzes. Ich stehe immer noch um 5.30 Uhr auf und sitze um acht gestriegelt und gebügelt am Frühstückstisch, lese inzwischen aber eine überregionale Tageszeitung. Lokale Nachrichten nehme ich nur noch selektiv zur Kenntnis.«
Was haben Sie Neues gelernt?
»Ich habe das Genießen wiederentdeckt.«
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Aus ihren Gesprächen mit Rentnern haben Karoline Amon und Johannes Waechter einiges gelernt. Nun müssen sie die Erkenntnisse nur noch im Langzeitgedächtnis abspeichern, liegt der Renteneintritt bei beiden doch weit über 20 Jahre in der Zukunft.

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