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Literatur 19. September 2013

»Ich kann nicht anders: Ich muss nörgeln«

Seite 2: Von Langeweile bis Zwist

Alex Rühle (Zusammenstellung)  Fotos: dpa



Das Literarische Quartett im Jahr 1991: Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek, Ulrich Greiner und Marcel Reich-Ranicki (v.l.n.r.).

Langeweile
Das höchste ästhetische Kriterium! Es gibt kein höheres für mich! Für mich ist Der Zauberberg ein spannender Roman, deswegen ist er so gut und für mich ist dieses Finnegan's Wake kein interessantes Buch, obwohl es literarhistorisch eine hohe Bedeutung haben mag. (12.2.1990)

Liebe
Ich geb es zu, das mag ja gegen mich sprechen, aber ich interessiere mich für Liebes- geschichten von Intellektuellen. Die Liebesgeschichten von Bauern können vielleicht auch sehr aufregend sein, aber das ist nicht ganz mein Fach. (10.10.1991)

Literarisches Quartett

Uns wird von Zuschauern oft vorgeworfen, dass wir die Bücher nicht hinreichend loben. Wir sind nicht der verlängerte Arm der Werbeabteilungen deutscher Verlage. (12.12.1993)

Literaturgeschichte
Das haben wir doch alles im Expressionismus schon gehabt, wie böse die Bäume sind und die Straßen und die Wege. (19.11.1992)

Mann, Thomas
Die langjährige Freundin und Ehefrau von Philip Roth, Claire Bloom, hat jetzt in der englischen Presse Interviews erteilt, dass ihr Mann an einer sexuellen Obsession leidet. Dieser Informationswert ist ungefähr so, wie wenn meine Frau der Presse heimlich mitteilen würde, dass ich Thomas Mann schätze. Ist auch allmählich bekannt. (18.10.1996)

Nobelpreis

Den Nobelpreis sollte wohl erst Updike bekommen und dann Philip Roth, aber es werden beide ihn nicht bekommen, denn es wird sich ja sicher noch irgendjemand aus dem Sudan finden. Dass die nicht schreiben können, spielt gar keine Rolle. Eben weil sie nicht schreiben können im Kongo, muss man denen den Nobelpreis geben. (5.3.1992)

Nouveau Roman
Claude Simon war für mich immer der langweiligste und schlechteste Repräsentant des Nouveau Roman. Butor hat zwei, drei fabelhafte Bücher geschrieben, der Robbe-Grillet war schon schwächer, die Nathalie Sarraute sehr interessant und unmöglich war Claude Simon. Der hat dann vor elf Jahren ein Buch geschrieben, über das überall publiziert wurde: endlich ein gutes Buch von Claude Simon. Drei Jahre später hat er den Nobelpreis bekommen. Das wissen wir ja, dass den Nobelpreis immer zweitrangige Autoren bekommen. Hat ihn Strindberg bekommen? Nein, Selma Lagerlöf. Hat ihn Brecht bekommen? Nein, Hermann Hesse. In Stockholm lieben sie nicht sosehr die hervorragende Ware. Grass wird ihn deshalb schon noch kriegen. (14.1.1993)

Obsession

Ich komme auf mein Steckenpferd zurück, nicht zum ersten Mal im Literarischen Quartett : Ich glaube nicht an den großen, umfangreichen Gegenwartsroman in deutscher Sprache. Darauf antwortet man mir: aber die Buddenbrooks! Ja, es ist neunzig Jahre her. Heute können die Schriftsteller die Welt in einem Panoramaroman von sechs-, siebenhundert Seiten nicht mehr in den Griff bekommen. Ich bin von meiner These überzeugt. Sie ist so lange richtig, bis ein Roman entsteht, der sie widerlegt. (6.5.1991)

Postmoderne
Was ist ein postmoderner Roman? Bitte sagen Sie es mir! Ich weiß es nicht, ich möchte mal endlich belehrt werden, denn postmodern ist Blödsinn. Nicht in der Architektur, das ist nicht mein Gebiet. Da weiß ich nur: Es ist hässlich. Aber in der Literatur ist das der bare Blödsinn. (12.10.1989)

Qual
Der Alfred Andersch schrieb im Roman oft solche Sätze wie: Mir gelingt dieser Roman nicht, es fällt mir so schwer weiterzuschreiben, ich weiß nicht, wie ich das jetzt weiterschreiben soll. Ja, bitte, wenn's dir nicht gelingt, dann hör auf, den Roman zu schreiben und quäle uns nicht mit deinen misslungenen Werken. (12.2.1990)

Rezeptionsästhetik

Ich erwarte, dass ich nicht gelangweilt werde. Das ist mein Hauptverhältnis zur Literatur. (30.9.1988)

Schreibblockade

Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen. (15.12.1994)
 
Sexualität
Es gibt ja Leute, die sagen, dass das ab und zu Spaß macht. (10.3.1989)

Tod
Wenn in einem Buch Liebe und Tod ganz stark vorkommen, wenn's ein schlechter Autor ist, dann gleitet er bei diesen Themen in den Keller und es ist nur Kitsch. Wenn's aber ein guter Autor ist, dann geht's sofort in die Höhe und ein Buch wird in dem Augenblick aufregend und interessant. (25.3.1999)

Unseld, Siegfried

Er traf mich, nahm mich in die Ecke eines Zimmers und sagte: "Ich muss dir etwas Vertrauliches sagen, nur dir sage ich es. Ich bringe im Herbst ein Buch. Das ist ein Meisterwerk, das ist ein Genie, ein Jahrhundertbuch. Und bitte denk daran, dass es ein richtiger Kritiker beurteilt. Weißt du, ich dachte an..." Und dann hatte er schon einen Namen genannt, wer vielleicht das Buch besprechen könnte. Unseld sprach mit so einer ungeheuerlichen Suggestivität auf mich ein, dass ich schon zu denken begann, das könnte ja ein interessantes Buch sein. Ich bin häufig darauf reingefallen, weil er so suggestiv sprach und mit einer solchen Kraft das Buch empfohlen hat. Wenn ich das Buch nachher gelesen habe und ihn gefragt habe: "Sag mal, unter uns, was hast du mir da angedreht? Das ist ein ganz schwaches, missratenes Buch." Kein Wort mehr, er hat schon wieder vom nächsten Buch geredet. Glücklich der Autor, der einen solchen Verleger hat! (26.12.1988)

Updike, John
Also, man lernt hier das Amerika von heute kennen. Mich interessiert das überhaupt nicht! Mich interessiert nicht, wie Amerika so aussieht! Der Mann interessiert mich als Typ überhaupt nicht, so'n kleiner Autohändler mit seinen Ambitionen, ist doch abscheulich. (8.10.1992)

Verleger
Freunde, was ist denn ein guter Verleger? Ein guter Verleger ist jemand, der ein schlechtes Buch gut verkaufen kann. (26.12.1988)

Vögeln
Also, das ist doch die Schilderung der Sexualität, wie wir sie so in der Weltliteratur noch nicht hatten. Hauptmotiv ist ein Wort, ich muss es hier aussprechen. Es gibt Kapitel, wo man unentwegt lesen muss: Wir werden ficken, wir haben gefickt, wir wollen ficken, wir wollen noch mal ficken. Das ist alles, mehr hat Updike nicht zu bieten. Manchmal kommt "vögeln". Das ist eine Abwechslung und das sieht man dann mit Freude. (24.8.1995)

Völkerkunde
Die Verleger wissen nicht mehr, was sie drucken sollen: Engländer, Amerikaner, Franzosen, Italiener reichen nicht. Jetzt kommen alle, Holländer, Dänen - und das ist gut so, dass die kleinen Völker nun auch auf dem deutschen Markt sind. (31.3.1994)

Walser, Martin

Der schreibt seit 25 Jahren einen Roman nach dem anderen. Die meisten werden von der Kritik überwiegend negativ beurteilt, viele sind total vergessen. Und zu Recht. Dennoch: Er stolpert von einer Niederlage zur nächsten und ist unaufhörlich ein bekannter, ein eigentlich immer berühmter werdender Schriftsteller. Das hat Gründe. Und einer der Gründe ist gerade das, was ihm sehr verübelt wird: dass er nicht aufhört, regelmäßig Bücher zu publizieren. (30.9.1988)

Wiederholung
Seit Jahren wiederhole ich das und ich erkläre hiermit zum 95. Mal: Jeder Roman - bitte nicht Zauberberg oder Buddenbrooks! - der mehr als 500 Seiten umfasst, ist schlecht. Bis zum Gegenbeweis werde ich das wiederholen. Kommt ein Roman von mehr als 500 Seiten und er wird gut sein, bin ich bereit, vor laufender Kamera auf die Knie zu fallen. (14.1.1993)

Zwang
Ich nörgele über die meisten Bücher, die gelesen werden. Ich kann nicht anders: Ich muss nörgeln. (9.12.1991)

Zwist
Wir werden uns nicht einigen und wir sollen und müssen uns nicht einigen. Freunde, wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. (25.4.1997)

Dieses Alphabet erschien erstmals im SZ-Magazin vom 2. Juni 2000.

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