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aus Heft 39/2013 Gesellschaft/Leben

Rührt Euch!

Till Raether 

Manche Forscher behaupten, Sitzen sei eine »tödliche Aktivität«. Klingt bescheuert, oder? Aber es gibt gute Gründe für die neue Gesundheitshysterie.


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(Foto: dpa)


Hat man eine schlechte Nachricht zu überbringen, fällt oft der Satz: Setz dich erst mal hin. In diesem Fall aber muss es heißen: Steh erst mal auf. Denn die schlechte Nachricht ist: Sitzen ist nicht gut für uns. Es gibt Forscher, die sagen: Sitzen bringt uns um. Und zwar nicht im Sinne von: »Boah, ist der Stuhl unbequem, mein Rücken bringt mich um.« Sondern im Sinne von: Katastrophale Auswirkungen auf den Stoffwechsel, drastisch erhöhtes Krankheitsrisiko, verkürzte Lebenserwartung. Und plötzlich klingt banalstes Alltagsverhalten wie selbstzerstörerischer Irrsinn. Willkommen in der Welt der Sitzforschung.

An der Universität Leicester in England sind gerade 18 große Sitz-Studien mit insgesamt fast 800 000 Teilnehmern ausgewertet worden. Demnach haben Menschen, die viel sitzen, ein doppelt so hohes Risiko für Diabetes und Herzkrankheiten, und ein stark erhöhtes Risiko, deutlich vor ihrer statistischen Lebenserwartung zu sterben: Wer täglich mehr als sechs Stunden am Stück sitzt, hat ein um 40 Prozent höheres Risiko, in den nächsten 15 Jahren zu sterben, als Menschen, die weniger als drei Stunden am Tag sitzen. Die Studienleiterin Emma Wilmot sagt, dass der durchschnittliche Erwachsene 50 bis 70 Prozent seiner Zeit im Sitzen verbringt. Und sie hofft: »Wenn wir die Zeit begrenzen, die wir mit Sitzen verbringen, können wir vielleicht das Risiko für Diabetes, Herzleiden und vorzeitigen Tod verringern.« Ach ja, und für alle Fitnessfreaks, die dies mit leicht überlegenem Lächeln zur Kenntnis nehmen, weil sie jeden Tag vor oder nach der Arbeit laufen gehen oder an die Geräte: Das bringt nichts. Sport ist nicht geeignet, die negativen Effekte langen Sitzens auszugleichen. Das Einzige, was gegen langes Sitzen hilft: nicht lange sitzen.

Emma Wilmots Untersuchung gehört zum relativ jungen Wissenschaftszweig der »sedentary behaviour research«, also der »Inaktivitätsforschung«, und viele ihrer Kollegen aus diesem Feld bedienen sich einer noch viel drastischeren Rhetorik. Der Mitverfasser einer australischen Studie nennt Sitzen kurzerhand »eine tödliche Aktivität«, in amerikanischen Wissenschaftsblogs kursiert die Redewendung »Sitzen ist das neue Rauchen«, englische Forscher sprechen von der »Sitzkrankheit«, und das Netzwerk internationaler Inaktivitätsforscher hat sich ein geradezu aufrührerisches Logo für seine Öffentlichkeitsarbeit gegeben: ein brennendes Sofa.

Wie immer, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse mit brachialer Rhetorik einhergehen und dem widersprechen, was wir zu wissen glauben, möchte man gleich sagen: Geht’s noch, was sind denn das für Spinner? Denn, ganz ehrlich: Sitzen fühlt sich erst mal gut an. Dieses von Herzen kommende Seufzen, mit dem wir uns auf einen Stuhl oder in einen Sessel sinken lassen, und das ab Ende dreißig immer tiefer und länger wird – das ist kein resigniertes Seufzen, sondern freudig und erwartungsvoll, wir seufzen nicht als dem Tode Geweihte, sondern vergnügt: endlich angekommen. Endlich sitzen. Unser Instinkt ist, uns zu setzen. Wer im Bus oder im Wartezimmer stehen muss, hat eine Niederlage erlitten. Wenn etwas gut ist und stimmt, dann sagen wir, es sitzt, und wenn einer was geleistet hat, sagen wir anerkennend, er habe Sitzfleisch bewiesen. Und das soll jetzt alles schlecht gewesen sein?

Der Arzt und Professor James A. Levine von der Mayo Clinic in Scottsdale, US-Bundesstaat Arizona, ist so was wie der Papst der Anti-Sitz-Bewegung. Es heißt, er würde seit Jahren praktisch nicht mehr sitzen, und wenn, dann fotografieren ihn gleich seine Kollegen, um das Bild zu bestaunen. Levine hat folgende Erklärung dafür, dass Sitzen schlecht für uns ist: »Evolutionär sind wir darauf ausgerichtet zu jagen und zu sammeln, zu säen und zu ernten, also darauf, den ganzen Tag in Bewegung zu sein und Tausende von Kalorien zu verbrennen. Und nicht darauf, wie verrückt eine halbe Stunde auf dem Laufband zu rennen und anschließend 15 Stunden zu sitzen.« Levine fand schon 1999 heraus, dass es für unseren Stoffwechsel (und fürs Abnehmen) am besten ist, sich den ganzen Tag über ein bisschen zu bewegen statt ein paar Mal die Woche viel. Wie viele seiner Kollegen hat er ein gehöriges Sendungsbewusstsein: Sein Traum ist, dass alle Amerikaner eines Tages während der Büroarbeit auf dem Laufband gehen.

Die Sportwissenschaftlerin Birgit Sperlich von der Deutschen Sporthochschule in Köln teilt diese Sichtweise grundsätzlich, gibt aber zu bedenken, dass wir darüber, was im Körper bei Inaktivität passiert, noch sehr viel weniger wissen als über die Physiologie der Bewegung. Im Gegensatz zu den etablierten Aktivitätsempfehlungen gäbe es derzeit noch keine wissenschaftlich zuverlässigen Empfehlungen dafür, wie oft man beispielsweise eine sitzende Tätigkeit für wie lange unterbrechen sollte. Sperlich erklärt, dass sich bei körperlicher Inaktivität wie Sitzen unser Stoffwechsel verlangsamt. »Die Empfehlung, die man geben kann, lautet: Sitzen Sie so wenig wie möglich.« Nicht nur wegen des Stoffwechsels und des erhöhten Sterberisikos, sondern durchaus auch wegen des Wohlbefindens. Sperlich und ihre Kollegen haben hierzu gerade eine Studie gemacht: »Dabei haben wir eine Gruppe acht Stunden im Sitzen arbeiten lassen, und eine andere Gruppe wurde jede Stunde kurz unterbrochen und sollte dann zum Beispiel die Treppe rauf- und runtergehen und dann weiterarbeiten. Anschließend haben wir auch die subjektive körperliche Verfassung abgefragt. Die zweite Gruppe hat sich sehr viel besser und sehr viel wohler gefühlt.« Sie sagt, dass viele von uns trotzdem gewissermaßen im Sitzen leben: »Wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt, dann sitzend im Auto nach Hause fährt, sich danach an den Abendbrottisch setzt und schließlich mit dem Partner aufs Sofa – das kann’s nicht sein.«

Nun muss man natürlich anerkennen, dass es genau das eben doch ist, und zwar für einen großen Teil der Menschheit: lauter Leute, die im Sitzen Erstaunliches leisten, mitunter die Welt verbessern und durchaus nicht alle mit Anfang fünfzig von Zivilisationskrankheiten dahinge-rafft werden. Der Normalfall ist der Mensch, der sitzt, und nicht schlecht dabei lebt. Aber wenn man die Warnungen der Wissenschaftler ernst nimmt und den sitzenden Menschen als einen sieht, der auf die Dauer ein ganz schönes Risiko eingeht: Könnte man das mit dem Sitzen überhaupt ändern? Durch die Wohnung laufen oder im Wohnzimmer stehen, statt abends auf dem Sofa zu sitzen? Ja, das ginge, würde aber vom Partner vermutlich als Zeichen einer sich anbahnenden Krise missdeutet werden. Beim Abendbrot, nun, man bräuchte einen Stehtisch, das wäre vielleicht sogar ganz lustig und würde diesem häuslichen Ritual etwas urban Imbissartiges verleihen. Aber die Kinder sind oft zu klein, um sich leicht mit ihnen auf eine Stehtischhöhe zu einigen. Außerdem sitzen die, die sitzen, überwiegend im Büro. Fangen wir da also an: Was geht da?

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Natürlich wollte Till Raether selbst einen Laufbandschreibtisch, wie er in den USA gerade gefeiert wird, ausprobieren. Im Laden für Fitnessgeräte stieß er allerdings auf Unverständnis. Ein Verkäufer beschied ihm schnippisch: »Nee, und wir haben auch keine Laufbänder mit Einbauküche.«