Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 17°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 39/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Menschen mit der seltenen Blutgruppe 0 negativ können nur Blut der eigenen Blutgruppe als Spende empfangen - während ihr Blut überall einsetzbar ist. Haben sie mit diesem Wissen eine größere moralische Verpflichtung selbst zu spenden?



Anzeige
»Ich habe die äußerst seltene Blutgruppe 0 negativ. Für die Transfusionsmedizin ist mein Blut wertvoll, da es als Spenderblut universell eingesetzt werden kann. Ich kann jedoch nur Blut meiner eigenen Blutgruppe empfangen. Habe ich deshalb eine größere moralische Verpflichtung, Blut zu spenden?« Philipp H., München


In seinen Büchern Eine Theorie der Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Fairness geht der amerikanische Philosoph John Rawls davon aus, dass niemand seine natürlichen Gaben oder Fähigkeiten (moralisch) verdient hat - worin man ihm zustimmen muss. Rawls folgert daraus, dass man die Verteilung der angeborenen Begabungen als »Gemeinschaftssache« oder »gemeinschaftliches Guthaben« betrachten und die Vorteile aufteilen sollte. Er meint damit ausdrücklich nicht, dass die Anlagen selbst Eigentum der Gesellschaft seien - das ginge schon wegen der Unversehrtheit der Person nicht -, sondern vielmehr die »Verteilung, d. h. die Unterschiede zwischen den Personen«: »Diese Vielfalt kann deshalb als ein gemeinschaftliches Guthaben angesehen werden, weil sie zahlreiche Ergänzungsmöglichkeiten der verschiedenen Talente ermöglicht, wenn diese in angemessener Weise organisiert sind, um jene Unterschiede nutzbar zu machen.« Ich gebe zu, es ist kühn - schließlich meinte Rawls mit »Anlagen« Begabungen, die dem Träger selbst Vorteile bringen, und nicht Blutgruppen und hat seine Überlegungen nur für die Gestaltung von gesellschaftlichen Institutionen und nicht für persönliche Pflichten angestellt. Dennoch möchte ich seine Grundgedanken hierher übertragen: Man kann den Blutspendedienst als gesellschaftliche Institution begreifen und die sollte so organisiert werden - ebenso eine Rawls'sche Forderung -, dass sie für alle und vor allem auch für die, die am wenigsten Blutgruppen vertragen, Vorteile bringt. Das ist der Fall, wenn diejenigen, deren Blut besser als Spenderblut geeignet ist, mehr spenden. Zumal der Vorteil aus den Unterschieden verteilt werden sollte. Und da Sie Teil der Gesellschaft sind, sollten Sie, wie auch alle anderen, Ihren Teil gemäß Ihren Fähigkeiten dazu beitragen, in diesem Fall durch Ihre Blutspende.

-----------
Literatur:

John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1975, besonders § 17 Die Tendenz zur Gleichheit, S. 121ff.

John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, besonders § 21 Veranlagung als gemeinschaftliches Guthaben ansehen, S. 123ff.

Otfried Höffe (Hrsg.): John Rawls. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Aus der Reihe Klassiker Auslegen, Akademie Verlag, Berlin 2. Auflage 2006

Thomas W. Pogge: John Rawls, Verlag C.H. Beck, München 1994


Anzeige


Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger gewissensfrage@sz-magazin.de