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aus Heft 39/2013 Musik

»Wenn man steht, kann man sich nicht so gut auf die Musik konzentrieren«

Thomas Bärnthaler (Interview)  Fotos: Jonas Unger

Ein Gespräch mit dem Pianisten und Entertainer Chilly Gonzales über die wahre Bedeutung des Klavierhockers.


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Ein Klaviergeschäft im Kölner Viertel Neustadt-Süd. Hier lässt Chilly Gonzales seine Klaviere stimmen, er selbst wohnt um die Ecke. Nach Jahren in Berlin und zuletzt Paris, nun also Köln. Der Liebe wegen. Der erste Eindruck: Er wirkt noch größer und wuchtiger als auf der Bühne. Auch seine Hände: keine zartgliedrigen Klavierfinger, sondern behaarte, kräftige Männerhände. Gleich zweimal tourte er in den vergangenen zwölf Monaten durch Deutschlands ehrwürdigste Konzertsäle, als Pianist, Rapper, Rampensau - begleitet von einem kleinen Kammerorchester. Hipster saßen neben Fliegeträgern. Alle Shows waren ausverkauft - und endeten im Triumph: stehende Ovationen, rhythmisches Füßetrommeln, das ganze Programm. Chilly Gonzales hat eine Replik des original Glenn-Gould-Stuhls mitgebracht. Fürs Interview allerdings fläzt er sich auf ein Sofa.


SZ-Magazin: Herr Gonzales, wie wichtig ist der Klavierstuhl für einen Pianisten?
Chilly Gonzales:
Sehr wichtig! Ein Klavier kann Macken haben, so lange es nicht totaler Schrott ist, wirst du einen Weg finden, darauf zu spielen. Keith Jarrett hätte sein berühmtes Köln-Konzert fast nicht angetreten, weil auf der Bühne ein Klavier stand, das er hasste. Er ließ sich ein neues bringen, dann wieder das erste. Er wollte hinschmeißen. Schließlich spielte er doch noch und gab eines der umwerfendsten Konzerte der Musikgeschichte. Eben weil er gegen das Klavier ankämpfen musste, sagte er hinterher. Gegen einen falschen Stuhl hingegen, könnte ich nicht anspielen. Ich kann Stunden damit verbringen, den richtigen für ein Konzert auszuwählen.

Warum soll der Stuhl wichtiger sein als das Instrument?
Der Stuhl ist deine Verbindung zum Boden, zur Erde. Er verbindet die physische Welt in Form deines Körpers mit der spirituellen Welt der Musik. Die Haltung hat einen enormen Einfluss auf das Spiel. Da zählt jeder Zentimeter. Je tiefer Pianisten sitzen, desto weicher spielen sie. Große, kräftige Pianisten sitzen meist hoch und spielen aggressiver. Von weiter oben schlägt man die Tasten automatisch stärker an.

Sie sind geschätzte 1,90 Meter, trotzdem sitzen Sie immer knapp über dem Boden, gebeugt wie Glenn Gould. Ist das nicht unbequem?
Je niedriger man sitzt, desto mehr Spielraum bleibt für Feinheiten, Nuancen. Man kann das sogar bei Komponisten hören: Maurice Ravel saß sehr niedrig. Ihm ging es nicht um Wirkung, eher um die Million Schattierungen zwischen hart und weich. So spiele ich auch am liebsten, vor allem bei Studioaufnahmen.

Auf Ihren Konzerten hingegen hauen Sie ganz schön in die Tasten.
Das liegt daran, dass ich als Erstes Schlagzeug gelernt habe. Das Perkussive in mir kriege ich nicht mehr weg. Trotzdem sitze ich lieber niedrig. Damit zeigt man auch den Respekt gegenüber dem Instrument und seiner Macht. Die Demut vor dieser wundersamen Maschine.

Es geht beim Klavierspielen auch um Macht?
Ja, natürlich. Ich denke, jeder, der hoch sitzt, maßt sich an, das Instrument zu beherrschen, zu besiegen. Man sollte nie versuchen, das Klavier zu besiegen, weil das Klavier immer gewinnt. Du bist immer der Sklave, nie der Meister. Wer denkt, er müsse über dem Klavier sitzen, der hat vermutlich ein Problem mit Autorität im Allgemeinen.

Es gibt Musiker, die spielen im Stehen Klavier.
Richtig, Jerry Lee Lewis zum Beispiel, aber bei ihm ging es auch nicht um Nuancen. Er war Rock ’n’ Roll. Ich spiele auch manchmal im Stehen, aber nur bei Zugaben. Das Problem: Man erreicht die Pedale schlecht. Die Pedale sind der eigentliche Grund, warum man beim Klavierspielen sitzt. Wenn es die nicht gäbe, würden wahrscheinlich mehr Klavierspieler stehen.

Sie sitzen manchmal auch auf dem Klavier oder stehen auf den Tasten bei Ihren Auftritten.
Ich war auch schon in einem Klavier, während ich spielte. Ich habe alles ausprobiert. Das Bad in der Menge, Tanzen auf dem Flügel, aber seit ich einmal mit dem Kopf auf eine Stuhllehne gekracht bin, mache ich das nicht mehr. Die ultimative Unterwerfung ist es, unter dem Klavier zu spielen, ohne die Tasten und die Noten zu sehen. Aber das mache ich nicht mehr: Mein Nacken spielt da nicht mehr mit.
Dinge zu betrachten wie jemand aus der entfernten Zukunft.

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Chilly Gonzales legte Thomas Bärnthaler nach dem Interview noch Restoration Ruin von Keith Jarrett ans Herz, ein relativ unbekanntes Folkalbum des Jazzpianisten aus dem Jahre 1968, auf dem dieser alle Instrumente spielt und singe »wie Bob Dylan«. Erste Kontrolle ergab: nicht wie Dylan, eher wie ein Klaviervirtuose, der auf dem falschen Stuhl sitzt.

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