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aus Heft 40/2013 Geschichte

Der letzte Fall

Malte Herwig  Illustrationen: Paula Bulling

Mit 100 Jahren ist Erich Priebke der älteste lebende NS-Kriegsverbrecher. Versteht er, was er getan hat? Empfindet er Reue? Wir haben ihn in Rom zur Rede gestellt.

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Die unscheinbare Wohnanlage im Westen Roms ist ein typischer Appartementblock: bleichgrauer Putz, eisernes Tor, Dutzende von Namen auf der Gegensprechanlage. Nur ein Klingelschild ist leer. Dort lebt der Mann, dessen Namen hier jedes Kind kennt, seit er vor 15 Jahren wegen seiner Beteiligung an einem der schlimmsten Kriegsverbrechen in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Erich Priebke ist im Juli 100 geworden. Aus Altersgründen hat die Justiz das Urteil in lebenslangen Hausarrest umgewandelt. Seit 1999 wohnt der ehemalige SS-Hauptsturmführer in einer kleinen Wohnung, die ihm sein Anwalt mietfrei zur Verfügung stellt. Er lebt allein, aber schwer bewacht. Tag und Nacht stehen zwei Soldaten in einem Militärjeep vor dem Haus, damit der Hundertjährige nicht aus dem Fenster steigt und verschwindet. Eine Haushaltshilfe geht ihm für 400 Euro pro Monat zur Hand, erledigt Einkäufe und geht mit ihm im Park spazieren. Selten besuchen ihn Verwandte. Die Söhne leben in Südamerika, seine Frau starb vor einigen Jahren.

Gehen Priebke und die Haushaltshilfe spazieren oder Kaffee trinken, folgen den beiden zwei Polizisten: ein dicker Großer, ein kleiner Dünner, beide in Jeans. »Alles Freunde«, sagt Priebke später, »wirklich nette Leute.« Was wird hier gespielt? Was ist das für eine Geschichte? Mit seinen 100 Jahren ist Priebke der älteste lebende NS-Kriegsverbrecher, ein Überlebender aus einer tödlichen Zeit, die längst nur noch den Geschichtsbüchern zu gehören scheint. Die letzte Gelegenheit, die mutmaßliche Banalität des Bösen am lebendigen Leib zu erkunden. Die Militärwache hat meinen Ausweis kontrolliert und mich passieren lassen. Im Treppenhaus suche ich das Appartement ohne Namen. Statt eines Klingelschilds hat Priebke einen handgeschriebenen Zettel über die Tür gehängt: »Vae Victis« – Wehe den Besiegten.

Klopfen, nichts regt sich. Der alte Mann ist harthörig. Energisches Pochen, das durch das alte Treppenhaus hallt. Schließlich ein Schlurfen hinter der Tür, die sich einen Spalt öffnet. Der Hundertjährige scheint überrascht, dass er Besuch bekommt. »Kommen Sie rein, um fünfe geh ich aber aus dem Haus.« Im Flur steht ein dunkler Eichenschrank, an der Wand hängt ein Porträt von Feldmarschall Erwin Rommel, daneben Leopardenfelle und Lanzen. Priebke schlurft an einem Ständer mit alten Musketen vorbei ins Wohnzimmer, lässt sich in einen schweren Holzsessel sinken und seufzt: »Wenn ich unter schlechteren Umständen hätte leben müssen, wäre ich vielleicht schon tot.«

Der Tod ist ein alter Bekannter von Priebke: 1913 in Hennigsdorf bei Berlin geboren, verlor er als Kind beide Eltern. Als junger SS-Offizier tötete er 1944 zusammen mit anderen SS-Leuten 335 italienische Geiseln vor den Toren Roms, er selbst hat nachweislich zwei Schüsse abgegeben. Wie denkt Priebke heute über die Gräuel, die als »Massaker in den Ardeatinischen Höhlen« in die Geschichte einging? Der alte Mann wirft die Hände in die Luft und blickt betroffen: »Leider Gottes, das ist schiefgelaufen.«

Ist sie das, die Banalität des Bösen? Eine Handbewegung als entschuldigende Geste für das Auslöschen von Hunderten unschuldiger Leben? Am 23. März 1944 waren in Rom 33 Angehörige eines deutschen Polizeiregiments bei einem Anschlag von Partisanen getötet worden. Noch am gleichen Tag beschloss die Militärführung, als Vergeltung für jeden deutschen Toten, zehn Italiener zu erschießen. SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler, Kommandeur der Sicherheitspolizei, des Sicherheitsdienstes des Reichsführers der SS (SD) in Rom und Priebkes Vorgesetzter, stellte eine Erschießungsliste mit den Namen von Häftlingen zusammen, die in Roms SS-Gefängnissen einsaßen. Kappler schrieb bereits zum Tode verurteilte Häftlinge darauf und Zivilisten, die eher zufällig verhaftet worden waren, weil sie bei einer der Razzien zur falschen Zeit am falschen Ort waren. »Er hat die ganze Nacht gesessen und Akte für Akte durchgesehen«, sagt Priebke. »Er hat versucht, möglichst keine Familienväter mit auf die Liste zu nehmen.«

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Nach dem Besuch bei Erich Priebke besichtigte Malte Herwig das ehemalige SS-Quartier in der Via Tasso, in dem sich Büros und Gefängniszellen der SS befanden. Als Herwig mit seiner Taschenlampe in eine der lichtlosen Zellen leuchtete, entdeckte er an der Wand die Inschrift eines Häftlings: »La morte è brutta per chi la teme« - Der Tod ist schrecklich nur für die, die ihn fürchten. Heute befindet sich dort das Museum des italienischen Widerstands.

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