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aus Heft 41/2013 Gesellschaft/Leben

Herz über Kopf

Seite 2: »Ich bin eine Meisterin der Selbstzerfleischung«

Fotos: Andreas Lux

Freiheit durch Familie: Anneke Kim Sarnau.

ANNEKE KIM SARNAU

Schauspielerin, 41, mit Charly Hübner im Team vom »Polizeiruf 110« Rostock

»Ich habe jetzt einen kleinen Sohn und endlich Ruhe vor mir selbst. Keine Zeit mehr für das eigene Ego, Pause. Ich bin wie befreit von der ständigen Auseinandersetzung mit mir. Als hätte es mich geerdet, ein Kind zu haben. Dabei habe ich früher nicht gewagt, von einer Familie zu träumen. Und jetzt das große Ganze. Denn eigentlich habe ich ein Talent dazu, alles schwerzunehmen, bin eine Meisterin der Selbstzerfleischung - wie viele andere sicherlich auch. Trotzdem. In meiner Jugend war ich sehr gefangen in meinen Mustern und auch meinen Selbstzweifeln ziemlich ausgeliefert. Um mich herum sah ich immer wieder Leute, die trotz Enttäuschung oder Verlust weitergemacht haben. Und ich? Habe mir bei jeder Gelegenheit - manchmal schon, wenn jemand was Falsches gesagt oder nicht angerufen hat - mein negatives Selbstbild bestätigen lassen. Es hat damals viel Kraft gekostet, mich von so etwas nicht runterziehen zu lassen. Doch heute geht das.«

JUDITH HOLOFERNES

Sängerin, 36, gründete die Band Wir sind Helden im Jahr 2000 im Popkurs Hamburg

»Als meine Band 2010 in die Pause ging, hatte ich keine Ahnung, was ich als Nächstes machen würde. Und genau das hatte ich mir gewünscht: die Freiheit, nichts zu wissen, nichts zu müssen, einfach stillzuhalten. Und so hängte ich eine imaginäre Hängematte in meinen imaginären Garten und übte mich im Schaukeln. Aber ach! Bei den ersten Versuchen wurde mir übel. Bei den darauffolgenden schlief ich ein und träumte wilde Hundeträume mit zuckenden Pfoten. Ich schreckte hoch, fiel, rappelte mich auf, stieg wieder ein. Er will geübt sein, der Müßiggang! Eine ungezähmte Hängematte kann dich abwerfen wie ein störrisches Pferd. Aber weil ich stur und ehrgeizig bin, schaukelte ich bald sanft und sicher - wenn ich träumte, schaukelte ich in den Wolken weiter. ›Ich mach heut’ nichts!‹, dachte ich beim Aufwachen zufrieden. ›Nichts! Nichts! Nichts!‹ Hmm. ›Nichts, was etwas nutzt, wobei man schwitzt oder lang sitzt.‹ Hmm. ›Ich bin Nichts! Nichts! Nichts! Nutz! Nutz! Nutz! Nichts was etwas nutzt, was unterstützt oder was putzt.‹ Und damit ging ich federnden Schrittes ins Haus, mein Notizbuch und meine Ukulele zu holen.«


MAGDALENA NEUNER

Ex-Biathletin, 26, gewann zwölfmal Gold bei den Biathlon-Weltmeisterschaften


»Als ich 2010 nach den Olympischen Spielen in Vancouver wieder in München ankam, hatte ich meinen Freund Sepp vier Wochen nicht gesehen. Ich freute mich unglaublich auf ihn. Doch als die Tür aufging und ich auf ihn zulaufen wollte, stürzte eine Horde Fotografen auf mich zu. Ich versuchte, mir den Weg freizumachen. Ein Sicherheitsbeauftragter zog mich wieder weg, schirmte mich ab, ich konnte nicht zum Sepp. In diesem Moment kam mir das erste Mal der Gedanke, mit dem Profisport aufzuhören. Ich hatte früher immer Spaß daran gehabt, aber zuletzt habe ich nur noch funktioniert, mein Alltag war fremdbestimmt, von den Medien, vom Training. Ich wollte mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Zuerst habe ich diesen Gedanken mit niemandem geteilt. Ich hatte Angst vor den Reaktionen meiner Familie, der Freunde, der Fans. Ich war ja erst 25, das ist jung, um sich aus dem Profisport zurückzuziehen. Ein Jahr hat es gedauert, bis ich bereit war, meinen Rücktritt öffentlich bekanntzugeben. Am 7. Dezember 2011 war die Pressekonferenz. Ich war noch nie so aufgeregt wie davor, auch noch nie so frei wie danach.«

KATRIN SASS


Schauspielerin, 56, hatte nach einer Karriere in der DDR ihr Comeback 2003 in »Good bye, Lenin!«

»Ich habe mich immer frei gefühlt - auch in der DDR. Ich konnte alles machen, hatte Freunde, meine Karriere lief gut. Ich habe das System nie hinterfragt. Erst als ich nach dem Fall der Mauer Einblick in meine Stasi-Akte hatte, wurde mir klar, wie massiv der Einfluss des Systems auf mein Leben war: Meine beste Freundin hatte mich jahrelang bespitzelt. Und ich hatte ihr alles erzählt: von Problemen mit Partnern, Stress bei der Arbeit, Streit in der Familie. An den vielen gemeinsamen Abenden habe ich dem ganzen Stasi-Apparat Einblick in meine Gefühlswelt gegeben. Aus meiner Akte ging auch hervor, dass die Stasi mir viele Aufträge nicht zugestanden hatte - aus Ost und West. Wer weiß, was für Rollen mir entgangen sind. Einladungen aus dem Ausland haben mich nicht erreicht. Im Nachhinein von Unfreiheit zu erfahren ist furchtbar. Nach der Wende stand ich da mit einer Biografie, die ich nicht selbst gewählt hatte, sondern die man für mich vorgesehen hatte. Im Sommer nach der Wende haben mein damaliger Mann Siegfried Kühn und ich uns als Erstes ein Wohnmobil gemietet. Jeden Sommer hatten wir beobachtet, wie die Westdeutschen in ihren Wohnmobilen durch den Osten fuhren. Das war Freiheit für uns. Wir fuhren einfach los. Erster Stop: Romy Schneiders Grab bei Paris. Abends dann landeten wir in einem kleinen Ort an der Atlantikküste und stellten unser Wohnmobil auf einen Parkplatz direkt am Strand.«
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