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aus Heft 41/2013 Internet

Auf der guten Seite

Christoph Cadenbach (Interview)  Foto: Victoria Will

Wikipedia ist die letzte große Website, die kein Geld verdienen will. Chefin Sue Gardner hat sie vom Nerdprojekt zur beliebtesten Enzyklopädie der Welt gemacht. Jetzt will sie noch mehr: das Internet befreien.

Sue Gardner folgt ihren moralischen Werten statt dem großen Geld. Gut möglich, dass sie diese Werte von ihrem Vater, einem Pfarrer, übernommen hat.


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Nur fünf Websites werden weltweit häufiger besucht als die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die damit knapp hinter Google und Facebook liegt, aber deutlich vor eBay und Tumblr. Der Unterschied zu diesen Milliardenunternehmen: Wikipedia macht keinen Gewinn, strebt ihn noch nicht einmal an. Es ist ein spendenfinanziertes Projekt. Und  es wird von einer Frau geleitet – auch das ein Unterschied zu der von Männern dominierten Internetbranche: Sue Gardner steht an der Spitze der Wikimedia Foundation, einer Stiftung, die unter anderem die Wikipedia-Websites betreibt. Im Frühjahr hat sie überraschend angekündigt, diesen Job aufzugeben.


SZ-Magazin: Frau Gardner, um zu verstehen, was Sie bei Wikimedia erreicht haben: Wie sah die Organisation aus, als Sie vor sechs Jahren dort begonnen haben?
Sue Gardner: Damals arbeiteten sieben Leute für die Stiftung in einem kleinen Büro in St. Petersburg in Florida, das wir uns mit Steuerberatern und Immobilienmaklern geteilt haben. Über mein Einstellungsgespräch müssen wir heute noch lachen: Zwei Mitglieder des Stiftungsrats hatten mich in ein Café eingeladen. Die eine war eine Jurastudentin aus den USA, der andere machte irgendwas mit Technik und kam aus Holland. Der Stiftungsrat wird von den Wikipedia-Nutzern gewählt. Wir unterhielten uns eine Weile, und irgendwann meinten die beiden, ich sollte mal eine Runde um den Block gehen. Als ich wiederkam, sagten sie, dass sie mich mögen und ich den Job haben kann. Heute läuft das nicht mehr so ab, wir haben eine Personalabteilung und insgesamt 180 Mitarbeiter.

Sie sind mit der Stiftung nach San Francisco gezogen, also in die Nähe des Silicon Valley. Wie sieht es jetzt bei Ihnen aus?

Auf der einen Seite wie in einer typischen, jungen Technologiefirma: Alle sind superlässig angezogen, es gibt keine festen Arbeitsplätze, in der Küche stehen Essen und Getränke, die sich jeder umsonst nehmen kann. Abends veranstalten wir öfter Partys, mit Karaoke oder Filmvorführungen. Auf der anderen Seite sind wir aber auch wie eine typische gemeinnützige Organisation. Wir sind radikal transparent, wir veröffentlichen alle unsere Finanzen. Die Mitarbeiter stellen sich regelmäßig online den Fragen der Wikipedia-Autoren und Spender. Manche Konferenzen streamen wir live im Internet.

Zum Verständnis: Die Mitarbeiter der Wikimedia Foundation kümmern sich um die Technik, die Server zum Beispiel, auch um Öffentlichkeitsarbeit und um rechtliche Fragen. Die Artikel selbst werden jedoch von denen geschrieben und korrigiert, die Lust darauf haben, im Endeffekt kann das jeder Mensch mit einem Internetzugang sein, Geld bekommt dafür niemand. Dennoch gibt es Wikipedia in mehr als 280 Sprachen und allein die deutsche Version hat etwa 1,6 Millionen Einträge. Warum wollen Sie dieses einzigartige Projekt nun verlassen?
Ich möchte mich stärker für ein freies und offenes Internet engagieren. Ich habe mir das Netz immer als eine Stadt vorgestellt. Und natürlich sollte es in dieser Stadt Kinos geben und Banken und Schuhgeschäfte und Plakatwände für Werbung, aber eben auch Büchereien und Schulen und öffentliche Parks. Unter den 50 meistbesuchten Websites der Welt ist Wikipedia aber im Moment die einzige, die nicht am Profit orientiert ist, sondern nur am öffentlichen Wohl.

Sie sind umzingelt von Google, Amazon und eBay. Wird das Internet zur Shopping Mall?
Ich denke schon. Ich habe nichts gegen diese Seiten, ich nutze sie selber, aber ihr vordringliches Ziel ist es nun mal, Geld zu verdienen. Dass sie den Menschen helfen, ist zweitranging. Ihre Dominanz hat in meinen Augen dazu geführt, dass das Ökosystem des Internets aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und noch eine andere Entwicklung, die damit zusammenhängt, stört mich: Das Großartige am Internet war doch mal, dass es den Leuten die grenzenlose Möglichkeit gibt, selber Inhalte zu produzieren, Blogs sind dafür nur ein Beispiel. Heute nutzen die Leute jedoch am liebsten Seiten, die ihre Ausdrucksmöglichkeiten beschneiden. In den USA verbringen die Menschen zehn Minuten von jeder Stunde, die sie online sind, auf Facebook. Dort können sie den »Gefällt mir«-Button klicken oder Inhalte verlinken, aber kaum noch eigene kreieren.

Drückt sich diese Tendenz der verringerten Möglichkeiten nicht auch in den neuen Geräten aus, mit denen wir das Internet betreten, den Tablets zum Beispiel?
Tablets wie das iPad sind Geräte ohne Tastatur, man kann mit ihnen wunderbar Videos gucken, aber nur schwer längere Texte schreiben. Sie sind für das Konsumieren optimiert, nicht für das Produzieren. Natürlich haben sie trotzdem ihre Berechtigung, nur wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir die Möglichkeiten, die uns das Internet gibt. Die Geschichte der Medien hat sich bisher immer wiederholt, Tim Wu, ein amerikanischer Autor und Medienanalytiker, hat darauf in seinem großartigen Buch The Master Switch hingewiesen: Auch das Radio und das Fernsehen wurden in ihren Anfangstagen gefeiert, weil sie als Medien die Menschen verbinden und den
Informationsfluss befeuern. Völlig zu Recht. Ich habe mir alte Radioprogrammpläne durchgesehen: Da haben Uniprofessoren ihre Hörer in Mathematik unterrichtet. Heute sind Radio und Fernsehen zumindest in den USA Kommerzwüsten und werden von einigen wenigen Konzernen kontrolliert.

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Christoph Cadenbach hat Sue Gardner auch gefragt, welche Wikipedia-Version weltweit die beste ist. Die deutsche Sprachversion, meinte Gardner, die sei umfangreich und dabei auch noch sehr akkurat.

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