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aus Heft 42/2013 Musik

Saitenwechsel

Andrian Kreye  Fotos: Matthias Ziegler

David Garrett füllt mit Violinkonzerten zwischen Brahms und Bon Jovi ganze Stadien. Kritiker verachten ihn dafür. Dem Musiker ist das egal. Sein Ziel: Pop vom Korsett der Ironie zu befreien. Ein Jahr lang unterwegs mit einem Entertainer, der seinen Job sehr ernst nimmt.



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Die Schlüsselszene des Films Der Teufelsgeiger, in dem David Garrett den Virtuosen und Komponisten Niccolò Paganini spielt, wird an diesem Vormittag im Spätsommer 2012 in der Halle 12 der Bavaria Filmstudios gedreht. Während der letzten Wochen hat der Regisseur Bernard Rose drei Straßenzüge des alten London aufbauen lassen. In den Morgenstunden fluten die Bühnentechniker die Halle mit Kunstnebel. Gegen zehn Uhr steigt David Garrett vor der Kulisse eines Hoteleingangs zum ersten Mal in der Kluft des frühen 19. Jahrhunderts aus dem Schlag einer Kutsche. Er trägt eine dunkle Brille, hält sich ein weißes Tuch vor den Mund und hastet durch eine Menschenmenge aus Komparsen, die Schaulustige, Reporter und wütende Damen des Tugendbundes darstellen.

Die Szene erinnert an Michael Jackson, wie er sich in seinen letzten Jahren in Hotels, Einkaufszentren oder Gerichtsgebäuden vor zahllosen Schaulustigen in Sicherheit bringen musste. Tatsächlich handelt Der Teufelsgeiger von der Geburt der Boulevard- und Popkultur in den Konzerthallen Europas um das Jahr 1830. Paganini war so etwas wie der erste Superstar, weil er seine Karriere nicht von der Gunst eines Hofes abhängig machte, sondern die Massen begeisterte und sein Geld mit Gastspielen verdiente. Der Film, der Ende Oktober in den Kinos anläuft, erzählt auch David Garretts eigene Geschichte. Das sagt er in der Drehpause auf dem Werkhof vor der Halle, als die Bühnentechniker drinnen neuen Kunstnebel zwischen die Fassaden pumpen, die Pferdetrainer die Kutsche für die nächste Einstellung in die Anfangsposition zurückbringen, und sich Garrett unter das Sonnenzelt flüchtet, das dort aufgebaut ist. Bei Paganini und bei Garrett ist das die Geschichte vom Wunderkind, das vom Vater gequält, von der Musik verschlungen, später von den Massen gefeiert wird und doch nie die Anerkennung erfährt wie die anderen seines Fachs. Bei Paganini endete das in Pleiten, Einsamkeit und Siechtum. Garrett ist heute der einzige Geiger, der Sporthallen mit Brahms und Beethoven ausverkaufen und in den Pop-Charts Spitzenplätze mit Orchesterfassungen abgehangener Rocksongs belegen kann. 33 Jahre ist er alt, geboren in Aachen. Er war Wunderkind, Virtuose, Aussteiger und Model. Seit sechs, sieben Jahren ist er Popstar, Fernsehliebling und bis vor Kurzem war er Rekordhalter im Schnellspielen von Rimski-Korsakows Hummelflug.

Die Nähe zu Paganini geht für Garrett weiter als die biografischen Parallelen in der Kindheit und Jugend: »Paganini ist jemand, der auf der einen Seite Selbstzweifel hat. Das ist auch für mich immer der Motor für Kreativität. Durch dieses ewige Zusammengestauchtwerden, gerade wenn man jung ist, denkt man: Bin ich überhaupt gut? Und durch diese Frage arbeitet man härter als alle anderen. Andererseits spielst du dir Selbstbewusstsein vor, und man pflegt eine gewisse Arroganz gegenüber anderen, um halt nicht zu zeigen, dass man vielleicht gar nicht so überzeugt von sich ist. Denn da sind immer die Momente der Unsicherheit.«

In der Regel bemerkt man die nicht. Mit seinen 1,92 Metern nimmt David Garrett sowieso jeden Raum für sich ein, den er betritt. Seine verschlossene Art könnte als Ernsthaftigkeit durchgehen. Man braucht eine Weile, bis man versteht, dass er mit zehntausend Menschen viel besser umgehen kann als mit nur einem. Auf der Bühne aber funktioniert David Garretts Charisma nach dem Brad-Pitt-Muster. Im Ruhezustand wird sein Gesicht von seinem Lippenbogen und der Melancholie seiner Augenpartie bestimmt. Wenn er lächelt, löst sich die Melancholie in ein Strahlen auf, das Massen gewinnen kann. Auf den offiziellen Fotos verbirgt er sich allerdings wieder hinter Schutzmechanismen. Die Augenpartie ist dann mit einem Kajalstift nachgezogen, er winkelt den Kopf in die eine oder andere Richtung ab, lässt Strähnen ins Gesicht fallen und schürzt die Lippen.

Erwähnt man David Garretts Namen bei kulturell gebildeten Deutschen, verdrehen sie die Augen. Das hat vor allem damit zu tun, dass er Pop und Klassik spielt und sich dabei auf beiden Seiten den Konventionen verweigert – im Pop dem Diktat des Cool und in der Klassik dem Reinheitsgebot der Interpretation. Er weiß das. »Polarisieren ist ja nicht schlimm«, sagt er. »Das heißt ja nur, dass man irgendwas richtig gemacht hat, weil es Leute gibt, die einen anhimmeln und Leute, die einem sagen: So einen Mist habe ich noch nie erlebt! Wie sagt man so schön: Neid muss man sich erarbeiten. Auch Paganini hat von vielen Leuten eine reingewürgt bekommen. Das ist aber ganz normal. Das war selbst bei Jascha Heifetz so, und heute gilt er als einer der präzisesten Virtuosen.«

Wenige Wochen nach dem Dreh ist David Garrett wieder auf einer seiner Crossover-Tourneen. Begleitet wird er von einer klassischen Rockband mit zwei Gitarristen sowie den Musikern von der Neuen Philharmonie Frankfurt, einem Orchester aus Offenbach, das sonst Hintergrundarrangements für Deep Purple, DJ Bobo und Udo Lindenberg spielt. In München ist die Olympiahalle mit ihren zwölfeinhalbtausend Sitzplätzen seit Monaten ausverkauft.

In Klassikkreisen ist Crossover ein Schimpfwort. Für Garrett ist es vor allem ein Mittel: »Ich sage das bei den Konzerten ganz offen, dass ich Crossover benutze, um klassische Musik einem neuen Publikum näherzubringen. Am Anfang hat man gesagt, das funktioniert nicht. Doch jeder, der zu einem meiner klassischen Konzerte kommt, sieht, da sind viele Kinder, viele Jugendliche. Sicherlich auch ältere Leute, aber es sind wirklich drei Generationen. Aber klassische Musik war immer mein Zuhause. Und ich habe mit dem Beethoven-Violinkonzert den Platin-Status erreicht. Ein Violinkonzert verkauft sich normalerweise zwischen zwei- und fünftausend Mal.«

Das Konzert beginnt mit Lichtschlangen auf einer zehn Meter hohen Leinwand und Hardrockakkorden, unter die die Streicher schnelle Muster legen, wie man sie in Action-filmen zu Verfolgungsjagdgen einspielt. In der Bühnenmitte wird David Garrett in Jeans, Sakko und einem Paar offener Schaftstiefel auf einer Stahlsäule hoch- und wieder heruntergefahren, während er zum Gitarren- und Orchesterdonner die Finger der linken Hand auf dem Griffbrett seiner elektrisch verstärkten Geige auf- und abrutschen lässt, bis man die Melodie von Welcome to the Jungle von Guns N Roses erkennt. Später im Song weht dann noch Trockeneisnebel über die Bühne, auf den Podesten hinter den Musikern tauchen Tänzerinnen in sehr kurzen Hosen auf, die ihre Köpfe im Takt hin- und herschleudern, und zum Schlussakkord schießen am Bühnenrand vier Feuersäulen in die Luft.

Es folgen: Yesterday von den Beatles, der Gassenhauer Funiculi, Funicula, die Titelmelodie von Pirates of the Caribbean, Michael Jacksons Human Nature und das Scherzo aus Beethovens 9. Sinfonie. Weil das alles im einheitlichen Rock-Symphonie-Stil arrangiert ist, der Schlagzeug, Band und Orchester in Mustern voller Pathos und Drama übereinanderschichtet, erkennt man keinen Song sofort, aber alle doch recht bald. Dazwischen erzählt David Garrett Anekdoten mit Slapstickpointen wie die Geschichte von seinem Auftritt in der Fernsehsendung von Helene Fischer, als er sich die Noten auf den Boden legte, die dann bei der Aufnahme im Trockeneisnebel verschwanden. Da lacht die Halle. Dann strahlt er, bevor er wieder die Geige an die Wange und den Bogen an die Seiten hebt.

Man tut sich schwer mit der Show, wenn man mit dem Diktat des Cool aufgewachsen ist, wenn man erwartet, dass eine Rockband leidenschaftlich groovt, und wenn man in seiner Jugend gelernt hat, dass Instrumentalversionen berühmter Rocksongs in der Regel für die Beschallung von Einzelhandelsketten eingesetzt werden. Und das bedeutet nach dem Diktat des Cool eben nicht, dass ein Song zum Allgemeingut und somit zum Pop in seiner ursprünglichen Bedeutung geworden ist, sondern dass man sich damit nicht mehr abgrenzen kann in diesem ewigen Kalten Krieg des Cool gegen Uncool.
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Andrian Kreye, Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, wuchs als Sohn eines Konzertagenten für klassische Musik auf. Mit acht Jahren begann er, Geige zu spielen. Ein Wunderkindschicksal blieb ihm mangels Talent erspart. Mit 13 sattelte er auf Saxofon um.

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