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aus Heft 43/2013 Tiere/Pflanzen

Herrscher wider Willen

Karin Steinberger  Illustration: Jörn Kaspuhl

Seit seiner Geburt beobachten Wissenschaftler in Westafrika jeden seiner Schritte: die Geschichte des Schimpansen Kuba, der nie Anführer werden wollte - und nun doch einer sein muss.


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Er liegt auf dem Waldboden, Füße in den Händen, den Arm an einen Baum gelehnt, sehr lässig, sehr männlich. So verbringt er die Tage, der starke Mann im Dschungel von Taï. Fast ein bisschen lächerlich, wenn man bedenkt, was für ein Softie er eigentlich ist.

Weiß der Himmel, wie er zum Herrn des Waldes werden konnte, ausgerechnet er, der lieber mit Kindern spielt, als sich um die geschwollenen Hinterteile der empfängnisbereiten Weibchen zu kümmern; er, der voller Hingabe Fruchtknödel auf seinen Lippen balanciert, aber nur widerwillig große Äste durch den Dschungel schleppt, um die anderen Jungs zu beeindrucken. Kuba: der schlechteste Nestbauer des Regenwaldes, der schon mal mitten in der Nacht durch die Dunkelheit fällt, weil ihm sein lausig zusammengebogenes Ästebett unter dem Hintern wegbricht.

Seit fast zwei Jahren ist er das Alphamännchen, der Chef in diesem Teil des Waldes. Ein Herrscher ohne Lust aufs Herrschen. Ein Schimpanse, so groß, dass alle kuschen, so jung, dass ihn die Alten verprügeln würden, wenn es sie noch gäbe. Aber es gibt keine Alten mehr.

Sein Vater Zyon war 31 Jahre alt, als er das Alphatier wurde. Keiner wusste besser als er, wann eine Kopulation Sinn macht. Keiner wachte wie Zyon über die Frauen, keiner lenkte die Konkurrenz so gekonnt ab. Der nette Zyon, der seinen Vorgänger eher aus Versehen so geschlagen hatte, dass der kurz nach dem Kampf verendet war. Zyon schwängerte alle, auch Kabisha, die am 23. Juni 1996 ein Kind gebar, dem die Forscher den Namen einer fernen Insel gaben: Kuba.

Vom Vater hat Kuba das Gesicht, die eingefallenen Backen. Und die Ohren. Ein bisschen zerrupft, wie gefaltet, als hätte sie jemand gegen den Strich gebügelt. Ohren mit Knick. Nach der Tragödie bekam Kubas linkes Ohr auch noch einen Riss. Aber das kam später.

Manchmal sitzt Kuba mit seinem zerrissenen Ohr im Wald, die Arme auf die Beine gestützt – wie Rodins Denker, nur behaart. Um ihn herum der Radau des Dschungels: die erbärmlichen Schreie der Baumschliefer, die Rufe der Weißnasenmeerkatzen, das Geknarze der Zikaden, die Flügelschläge des Hornbills. Es gibt nicht viel, was ihn aus der Ruhe bringt. Solange man ihn nicht beim Essen stört.

Als Kubas Welt noch weich und behütet war und nach der Mutter roch, war er schreckhaft. Kabisha ließ ihren Sohn nicht los, drückte ihn an ihren haarigen Bauch. Er hing an ihr wie ein Stofffetzen, klapperdürr, kein Gramm Fett, ein Spirulli, dem der linke Daumen wegstand wie ein falsch angeschraubtes Ersatzteil.

So fing Kubas Leben an, kopfüber an der Mutter hängend, bei 97 Prozent Luftfeuchtigkeit, umringt von 5360 Quadratkilometer Wald, dem größten zusammenhängenden Stück Regenwald, das es in Westafrika noch gibt. Der jämmerliche Rest dessen, was sich einst zwischen Senegal und Togo ausgedehnt hat, weit im Westen der Elfenbeinküste, fast an der Grenze zu Liberia.

Es war von Anfang an ein Leben unter Beobachtung: Vom ersten Tag an folgten ihm die Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, die hier seit mehr als dreißig Jahren arbeiten. Der Kleine sah den Dschungelboden an sich vorbeirauschen und spürte die schwieligen Finger seiner großen Schwester, die an ihm herumtastete. Und sah die Menschen, die hinter ihm durch den Wald stolperten. Für ihn gehören sie dazu.

Die Mutter kam in der Rangordnung so weit hinten, dass die halbstarken Männchen erst an ihr die Grenzen austesteten. Mit der Milch aus ihren hängenden Brüsten sog Kuba die Angst auf. Die Angst vor den Halbstarken, den zänkischen Weibchen, den Rivalen im Osten, den Leoparden, die durch den Dschungel streifen, tödlich leise. Und vor den Menschen, die die Mutter Jahre später auf dem Markt verkauften: in Stückchen zerlegt, Buschfleisch.

Es gibt Gesetze im Wald, eines davon lautet: Ein Alphamännchen, das wegrennt, ist nicht mehr lange Alphamännchen. Kuba rennt nicht weg. Er rennt aber auch nicht unbedingt hin, wenn etwas los ist. Er schaut erst mal.

Schimpansen lernen das Überleben, indem sie zuschauen und nachahmen. Wenn Kuba sich einen großen Stein sucht und damit die harten Pandanüsse aufschlägt, suchen sich die Kleinen auch einen großen Stein und schlagen sich die Zehen damit wund. Wenn er mit einem Stock in einen Haufen Treiberameisen bohrt und sie vom Stecken leckt, versuchen es die Winzlinge mit einem viel zu kurzen Stecken und rennen dann schreiend davon, wenn sie von Hunderten aggressiven Ameisen überrannt werden. Wenn er sich ein Weibchen packt, versuchen die kleinen Jungs das auch. Der ganze Affe so groß wie der geschwollene Hintern der Schimpansin.

Die Kleinen sehen zu, wie die Alten sich gegenseitig beißen und ankläffen, wie sie Leoparden zielgenau mit Steinen bewerfen. Sie sehen, wie sie sich wild küssen, sich gegenseitig Finger in den Mund stecken, sich umarmen und das Fell pflegen. Wilde Diplomaten, wie der Affenforscher Frans de Waal sie nennt. Sie sehen die schamlosen Betteleien der Mütter, die sich neben jeden hocken, der etwas erlegt hat, wie sie sich an alle ranmachen, grenzenlos unterwürfig, bis ein Knochen für sie abfällt.

Es ist so einfach: Ein Männchen, das teilt, hat es leichter bei den Frauen.

Als Kuba klein war, beobachtete er die beeindruckenden Machtdemonstrationen seines Vaters: wie Zyon sich auf die Hinterbeine stellte, die Haare gesträubt, wie er Bäume schüttelte und gewaltige Äste durch den Dschungel schleppte mit einem unglaublichen Getöse. Er sah uralte Schimpansen, die herumtollten wie Kleinkinder, und große Angeber, die bei Gefahr immer noch zur Mutter rannten.
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Karin Steinberger hat seit ihrem Besuch im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste eine sehr große Hochachtung vor Primatologen. Man muss das mögen. Aufstehen um fünf Uhr morgens, Regenwasserdusche, labbrige Brote, die stinkenden, feuchten Kleider vom Vortag anziehen, stundenlang durch den Regenwald gehen, warten, bis die Schimpansen ihr Nest verlassen. Dann hinterherrennen.

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