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aus Heft 43/2013 Essen & Trinken

Die Peking-Ente

Kai Strittmatter   Illustration: Jörn Kaspuhl

Oft wird gesagt, Chinesen löffelten das Hirn lebender Affen. Ist wohl Unsinn. Aber woher kommt der Mythos?

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Man findet es beschrieben in der Literatur. In den Memoiren von Cao Guanlong, dem Sohn eines Großgrundbesitzers aus Shanghai, zum Beispiel, Lange Schatten heißt das Buch auf Deutsch. Da ist der Tisch, der sich in zwei Teile aufklappen lässt. In der Mitte ein Loch. Ein Affe. Drumherum sitzen die Gäste, frisch aus dem Bad geklettert, wo sie sich in mit Jasminblüten versetztem Wasser gewaschen hatten. Schalen und Stäbchen sind aus reinem Silber. Denn: »Nur mit klarem Geist, nur mit purem Silber kann das Herz den Geist des Affen aufnehmen.« Der Affe lebt, wenn der Tisch um seinen Hals herum zugeklappt wird. Er kann atmen, den Kopf aber nicht zurückziehen. Unter der Tischplatte ist er festgebunden.

Eine Kelle mit heißem Öl wird gereicht. Langsam träufelt das Öl auf den Kopf des Affen, so lassen sich die Haare lösen, der Schädel freilegen. Dann ein silberner Hammer. Der Schlag auf den Schädel darf weder zu sanft noch zu heftig ausfallen. Ist der Schädel aufgebrochen, entfernt der Meister etwaige Splitter mit einer silbernen Pinzette. Da liegt sie frei: die »weiße Jade«, das pulsierende Hirn. Dann eine delikate Aufgabe: Die Hirnhaut muss abgezogen werden. Das Gericht ist ruiniert, wenn dabei aus Versehen das Hirn beschädigt wird. Das »himmlische Sekret« darf nicht auslaufen, jetzt noch nicht.

»An dem Punkt ist der Affe noch bei Bewusstsein«, schreibt Cao Guanlong. »Seine glitzernden Augen blicken von Gast zu Gast. Diese dagegen haben die Augen in Meditation geschlossen und warten auf den heiligsten Moment.« Das »Brechen der Jade«. Die höchste Ehre, die für gewöhnlich dem ältesten Gast zufiel. »Ein winziges Löffelchen nur, nicht größer als eine Erdnussschale, allerdings mit einem Stil doppelt so lange wie normal, ein leichter Schlag – und das Hirn sickert heraus.« Das Mahl beginnt. Noch immer lebt der Affe.

Jeder, der auch nur entfernt mit China zu tun hat, kennt die Geschichte vom Affen, dem bei lebendigem Leibe das Hirn ausgelöffelt wird. Seit Jahrzehnten wird sie in Reportagen und in Reiseführern kolportiert. Ich stolperte darüber erstmals 1986, als ich zum Studium nach China aufbrach, im Lonely Planet, der Bibel aller Chinareisenden, wo sie zusammen referiert wurde mit dem ähnlich legendären Rezept der »Drei Quietscher«: in Sojasoße getunkte lebende Mäusebabys. Es ist eine beliebte Anekdote, mit der sich Ausländer auf Abendgesellschaften in ganz Asien einen wohligen Grusel verschaffen. Meist zappelt und schreit der Affe in diesen Geschichten, Blut und Hirnflüssigkeit spritzen. Variationen des Schauspiels finden sich ebenso in billigen italienischen Horrorschockern (Il paese del sesso selvaggio, 1972) wie im zweiten Indiana-Jones-Film (Tempel des Todes, 1984, hier wird das Hirn allerdings schon ausgelöst und eisgekühlt als Dessert serviert). Im Internet kursieren Petitionen gegen die Praxis (»China erlaubt den Verzehr von Affenhirn, während der Affe noch lebt!«).

Abgesehen davon, dass China das natürlich nicht erlaubt und dass die chinesischen Behörden heute selbst gegen den Verzehr von toten Affen vorgehen, ist das Interessante an der Geschichte: Es gibt nicht einen einzigen sicheren Beleg dafür, dass sie wahr wäre. Beim Sichten der zeitgenössischen Berichte darüber fielen dem Blogger D.E. Franks (maxent.org) schon vor mehr als zehn Jahren zwei Dinge auf: Die anekdotischen Belege sind in all ihrer Vielfalt nach eben jenem Muster gestrickt, nach dem sich urbane Legenden seit jeher verbreiten: Der Freund meines Freundes hat erzählt. Der Cousin meines Vaters hat gesehen. Der Geschäftspartner meines Kollegen war dabei. Und es sind stets die anderen, die das tun: Die Indonesier wollen den Brauch in Taiwan entdeckt haben. Die Taiwaner sagen, in Hongkong gebe es das. Die Hongkonger sind fest davon überzeugt, dass es sich um eine chinesische Spezialität von jenseits der Grenze handelt. Und die Nordchinesen sagen, man müsse nur in Südchina suchen.

Glauben die Chinesen die Geschichte wirklich selbst? Ich machte eine Umfrage unter Freunden und Bekannten in Peking, und die Antwort kam jedes Mal überraschend prompt und überzeugt. Ein Malerfreund zum Beispiel: »Lebendes Affenhirn? Klar gibt’s das hier.« Eine Pekinger Lehrerin: »Mit dem Loch im Tisch? Sicher. Bei uns werden doch auch Shrimps und Fische lebend gegessen. Gruselig.« Auf mein Zögern und Nachbohren reagierten sie eher überrascht. Prominente Experten waren keine Ausnahme. »Ich bin überzeugt, dass das bei uns gegessen wird«, sagte Wang Xuetai, pensioniertes Mitglied der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften und Autor einer Geschichte von Chinas Esskultur: »Es gibt schließlich nichts, was die Chinesen nicht essen.« Professor Zhao Rongguang aus Hangzhou, ein Essenshistoriker, sieht das genauso: »Klar existiert das.« Aber nicht nur hat keiner der Befragten je den Akt selbst gesehen, es hat auch von den Historikern keiner je einen Beleg dafür in der Hand gehabt. Es gibt keine Fotos, keine Videos oder verlässliche Berichte aus erster Hand, auch nicht in der alten Literatur. »Dass man keine Beweise dafür findet, ist doch natürlich«, findet Professor Zhao. »Das ist ein Geheimnis wie so viele Dinge hier, die tabu oder verboten sind, die aber in irgendwelchen privaten Clubs weiter getrieben werden.«

Manchmal wird auf historische Aufzeichnungen verwiesen, aber auch diese entpuppen sich schnell als Hörensagen: Jede Schachtel, die man öffnet, enthält eine kleinere Schachtel. »Ich habe es nie mit eigenen Augen gesehen«, so leitet etwa Cao Guanlong, der Autor aus Shanghai, seine oben zitierte Schilderung ein. Er verdanke die Details einem »modrigen antiquarischen Rezeptbuch vom Bücherflohmarkt beim Konfuziustempel«. Frühere Autoren hielten das kaum anders. Eine interessante Legende ist die vom General Wu Sangui, der seine Soldaten 1644 in eine Schlacht gegen die Soldaten der untergehenden Ming-Dynastie führte. Angeblich ließ Wu die Soldaten mit einem Hammer die Schädel lebender Affen aufschlagen und dann deren Hirn auslöffeln. Affen gelten als mutig in China, die Soldaten sollten sich also Mut einflößen. Vielleicht wichtiger noch: Weil der Affe im chinesischen Buddhismus als einer der Beschützer der Lehre gilt, galt das Töten von Affen als große Sünde. Die Soldaten waren Buddhisten – der Legende zufolge befahl der General ihnen den Tabubruch mit Kalkül: Sie sollten ihre Bande zum alten Leben kappen, also nichts mehr zu verlieren haben und sich todesmutig gegen den Feind stürzen.

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Kai Strittmatter, SZ-Korrespondent in China, hält die chinesische Küche für die beste der Welt. Schuppentieren und Leopardenföten geht er dabei ebenso aus dem Weg, wie dies die überwältigende Mehrheit der Chinesen tut. Affenhirn hingegen hat er schon oft gegessen, allerdings die vegetarische Variante: ein in China häufig verwendeter Pilz trägt diesen Namen.

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