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aus Heft 44/2013 Gesellschaft/Leben

Zucht und Ordnung

Christoph Cadenbach  Illustrationen: Oliver Kugler

Vom Schmuggel zur Schattenindustrie: In Deutschland wird mehr Cannabis produziert als importiert. Die Geschichte eines Wachstumsmarktes.


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Der Cannabiszüchter fährt durch Berlin, er will eine neue Plantage aufbauen. Es geht langsam voran, Berufsverkehr. Ein Montagmittag im Oktober.

In seinem Auto sieht es aufgeräumt aus, der Aschenbecher ist leer, die Ledersitze sind sauber. Der Cannabiszüchter trägt ein beigefarbenes Oberhemd und eine Stoffhose mit Bügelfalte. Er ist Anfang dreißig, schlank, glattrasiert. »Ich will möglichst spießig wirken«, sagt er. Eine Sicherheitsmaßnahme, falls ihn die Polizei anhält.

Er ist vorsichtig, verständlicherweise. Das Auto ist auf einen Bekannten angemeldet, der nichts von seinen Geschäften weiß. Und dass er überhaupt mit einem Journalisten spricht, liegt daran, dass wir einen gemeinsamen Freund haben. Natürlich lautete die Bedingung, seinen Namen zu ändern. In diesem Text heißt er Tim.

Noch ein anderer Bekannter von ihm sitzt mit uns im Auto. Dieser Freund hat in seiner WG eine unbenutzte Abstellkammer. Darin will er nun Gras anbauen, darum sind wir unterwegs. »Ich versorge ihn mit der Technik und den Pflanzen«, sagt Tim. »Dafür bekomme ich fünfzig Prozent des Ertrags. Ich nenne das mein Franchisesystem.«

Draußen ziehen die mit Graffiti besprühten Altbauten von Kreuzberg vorbei. In vielen Bars hier bekommt man keinen Ärger, wenn man sich einen Joint anzündet. Berlin ist eine Kiffer-freundliche Stadt. In manchen Parks wird das Gras so offen wie Eiscreme angeboten, jeder Kiosk verkauft die langen Blättchen, mit denen man Joints drehen kann. In einer Studie über den Drogenkonsum in Berlin heißt es, zehn Prozent der Bevölkerung hätten in den vergangenen zwölf Monaten gekifft – rund 350 000 Menschen. Und diese Studie ist von 2006, die Stadt hat sich seitdem verändert.

»Die Nachfrage ist gerade in den vergangenen fünf Jahren explodiert«, sagt Tim, während er sein Auto Richtung Friedrichshain steuert, vorbei am »Kater Holzig«, einem der Clubs, die das liberale Image der Stadt in die Welt getragen haben. »Die Touristen und die Zugezogenen, die Spanier, Franzosen und Amerikaner, das sind alles Kiffer.« Für Tim, den Cannabiszüchter, ist es gerade eine goldene Zeit.

Die Berliner Polizei ist sich sicher, dass vor allem Leute wie er die explodierende Nachfrage decken. Zwar gebe es immer noch Einfuhrschmuggel, das meiste Gras werde aber nicht mehr importiert, sondern in der Stadt produziert. Es hat ein Wirtschaftswandel stattgefunden: weg von globalen Handelsstrukturen hin zu einer Regionalisierung, wie bei Gemüse aus dem Bioladen. Das gilt für die gesamte Bundesrepublik. Auch das Bundeskriminalamt beschreibt in seinem Lagebericht 2012 den »umfangreichen Cannabisanbau«, den es inzwischen in Deutschland gibt. Wurden 2010 noch 394 Plantagen von der Polizei entdeckt, waren es 2012 bereits 809. In den allermeisten Fällen handelt es sich um sogenannte Indoor-Plantagen, also Cannabis, das nicht unter freiem Himmel wächst, sondern in Kellern, Fabrikhallen oder eben in Berliner WGs.

Tim parkt vor einem Baumarkt am Ostbahnhof, die erste Station. Er kauft sechs Holzlatten, eine dunkelgrüne Plastikmülltonne, ein Stück Regenrinne, zwei Quadratmeter Teichfolie, ein automatisches Bewässerungssystem von Gardena. Man fragt sich unweigerlich, was die anderen Leute wohl denken, wofür wir diese merkwürdige Produktkombination brauchen. Zuletzt packt er noch zwei Kanister destilliertes Wasser auf den Einkaufswagen. »Für die Blattdüngung«, erklärt er. In Leitungswasser sei zu viel Kalk, um damit Pflanzen zu besprühen. Außerdem habe er Probleme mit Spinnmilben und wolle ein Schutzmittel ausbringen. »Das ist der härteste Scheiß, den du dir einfangen kannst«, sagt er. »Die Viecher saugen das Chlorophyll aus den Blättern und spinnen die Blüten zu.« Tim ist kein Amateur mehr.

Vor zehn Jahren hat er seine erste Plantage aufgebaut, damals war er gerade zum Studium nach Berlin gezogen. Aufgewachsen ist er in einer Stadt in Norddeutschland. Seine Eltern sind Akademiker, gut bürgerliches Milieu. Er ist aufs Gymnasium gegangen und hat wie viele seiner Freunde mit 14 angefangen zu kiffen. Hip-Hop, Graffiti, Gras, das war die Zeit damals.

In seiner ersten Berliner Wohnung gab es einen verschwenderisch langen Flur, der in einer Sackgasse endete. Tim stellte einen deckenhohen Schrank in diesen Flur, sodass dahinter noch etwa zwei Quadratmeter Platz blieben. In die Rückwand des Schranks sägte er ein Loch, durch das er die geheime Kammer betreten konnte. Dort pflanzte er sein erstes Gras an; wie das geht, hatte er in Internetforen gelesen.

Etwa zur gleichen Zeit kursierten immer häufiger Horrorgeschichten von gestrecktem Marihuana. Dealer bestreuten ihr Gras mit Maismehl oder Talkum, wie es Gewichtheber für ihre Hände benutzen. Das waren noch die harmloseren Methoden. Andere besprühten es mit Brix, einer Mixtur aus Zucker und flüssigem Kunststoff. Sogar Blei soll manchmal untergemischt worden sein. »Meine Freunde hatten keinen Bock mehr auf dieses Scheißgras«, sagt Tim. Also kauften sie bei ihm ein. Bald musste er expandieren.

Die Idee mit dem Franchisesystem sollte sein Risiko minimieren. Zeitweise betrieb er sieben Plantagen in sieben Wohnungen von Freunden. Wenn eine davon entdeckt werden sollte, würde er immer noch mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, so seine Rechnung.
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