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aus Heft 45/2013 Musik

»Die Mami war die Hauptperson. Ich habe die Koffer getragen«

Susanne Schneider (Interview)  Foto: Robert Brembeck

Die Hellwigs waren das bekannteste Volksmusikduo Deutschlands. Dann starb Maria. Ein Gespräch mit Margot.

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Perlenkette. Schwarzer Rolli. Kein Dirndl. Vor allem kein Dirndl. Das ist Margot Hellwig privat.


SZ-Magazin: Frau Hellwig, Sie widersprechen dem Bild, das man von Ihnen hat: Automatisch denkt man, Sie leben auf einem Bergbauernhof in Reit im Winkl. Dabei wohnen Sie in einem Reihenhaus in München-Ramersdorf. Oder leben Sie zwei Leben?

Margot Hellwig: Ich bin in Reit im Winkl geboren und aufgewachsen, später hatten wir dort im Haus meiner Eltern eine Ferienwohnung, und natürlich bin ich mindestens einmal die Woche hingefahren für gemeinsame Auftritte mit meiner Mutter, die ja immer dort lebte. 1961, mit 19, habe ich geheiratet und seither wohne ich in München. Und dieses Häuschen hier ist meine Heimat. Speziell, weil seit dem Tod meiner Mutter vor drei Jahren von meiner Verwandtschaft außer einer Tante niemand mehr in Reit im Winkl lebt.

Sie tragen auch gar kein Dirndl, sondern Rock und Rollkragenpullover.
Dirndl trage ich grundsätzlich zu Auftritten. Privat mag ich sie auch gern, aber mehr als Festtagsgewand zu Weihnachten und Geburtstagen. Es ist halt was Besonderes.

Wie viele Dirndl besitzen Sie?
Zurzeit habe ich etwa vierzig in Gebrauch. Im Frühjahr und im Herbst kaufe ich jeweils zwei.

Und wie viele Dirndl haben Sie im Lauf Ihres Lebens getragen?
Tausend werden nicht reichen. Schon als ich ein kleines Kind war, hat mir meine Großmutter welche genäht. Jedes Mädchen in Reit im Winkl hat ein Dirndlgwand getragen, das war nichts Besonderes.

Auf allen Fotos, die Sie mit Ihrer Mutter Maria zeigen, tragen Sie Dirndl, die aufeinander abgestimmt sind. War das Ihr Markenzeichen?
Es ist jedenfalls dazu geworden. Wir haben immer Berchtesgadener Dirndl gekauft, von der Stange, und haben darauf geachtet, dass sie farbversetzt sind oder verschiedene Schürzen haben.

Sie sagen, Sie lassen Ihre Karriere nun langsam ausklingen. Warum?
Ich bin 72, mein Mann ist 87. Ich möchte die paar Jahre, die uns hoffentlich noch bleiben, vor allem mit ihm verbringen. Ich habe Enkelkinder, die ich öfter sehen möchte. Aber ab und zu fahre ich schon noch zu Auftritten.

Seit wann singen Sie vor Publikum?
Meine Großeltern haben in Reit im Winkl das Bauerntheater gegründet. Da bin ich mit fünf Jahren zum ersten Mal mit der Mami aufgetreten. Und zum letzten Mal im September 2010, zwei Monate vor ihrem Tod. Wir haben also fast 63 Jahre miteinander gesungen.

Wenn man das Duo Maria und Margot Hellwig gesehen hat, hatte man immer den Eindruck, Ihre Mutter bestimmt, wo es langgeht. War der Eindruck richtig?
Ja. Sie war die Hauptperson, die Solistin. Ich habe die Koffer getragen und sie frisiert, geschminkt, alles gebügelt, das war mein Job. Ich hab immer nachgegeben. Bei Proben zum Beispiel haben wir ausgemacht, wohin wir gehen, wo wir uns drehen, wo wir stehen bleiben. Aber dann beim Auftritt habe ich oft gemerkt: Heute dreht mein Mütterlein wieder auf, sie hält sich kaum an eine Verabredung. Drum habe ich auf der Bühne immer so von unten aus den Augenwinkeln geschaut, um zu sehen, was sie gerade macht, damit ich das auch schnell machen kann. Das hat mir natürlich so was Porzellanhaftes, Starres gegeben. Ich war eben die zweite Person, ich musste schauen, dass ich mitkomme. Sie war, wie man heute sagen würde, eine Rampensau.

Rampensäue haben oft dunkle Momente. Ihre Mutter auch?
Oh ja. Nach einem Auftritt ist sie oft in ein tiefes Loch gefallen, als ob die Welt unterginge. Aber kaum ist sie am nächsten Tag in den Tourneebus eingestiegen und Leute waren um sie herum, ging es ihr wieder gut.

Haben Sie unter Ihrer starken Mutter gelitten?

Nein. Wir haben zusammengehalten, vom Anfang bis zum Schluss. Das hat auch zu unserem Erfolg beigetragen, weil viele Leute sich wünschen, so eine Einheit zu sein, wie wir es waren. Außerdem hat ja jede ihr Leben gelebt: sie in Reit im Winkl mit ihrem Mann, meinem zweiten Vater, ich mit meinem Mann und den beiden Kindern in München. Und keine hat der anderen in ihr Leben reingeredet. Und zu den Auftritten haben wir uns getroffen, da war dann meine Rolle klar.

Maria und Margot Hellwig waren jahrzehntelang das bekannteste Volksmusikduo Deutschlands. Hat die Musik Sie vermögend gemacht?
Vermögend nicht, aber wohlsituiert. Das Gute war, dass wir beide unabhängig waren von den Einkünften aus der Musik: Mein Mann war Gymnasiallehrer, die Mami hatte in Reit im Winkl ein gut gehendes Lokal, den »Kuhstall«. Aber wissen Sie, ich hatte immer das Gefühl, dass es mir gut geht. Schon als Kind, obwohl wir da wirklich arm waren. Wir hatten ein Plumpsklo und schliefen zu dritt in einem Zimmer, meine Mutter, meine Großmutter und ich. Aber ringsrum ging es allen so. Dafür konnte ich aus dem Haus rennen und war ein freier Vogel.

Wenn Sie auf die 66 Jahre zurückschauen, in denen Sie auf der Bühne stehen, was hat sich bei der Volksmusik am meisten verändert?
Ach, vieles. Heute wird das meiste mit Synthesizer aufgenommen, keiner spielt mehr richtige Instrumente im Studio oder auf der Bühne. Dabei gibt es immer noch fantastische Musiker, aber die haben kaum noch Jobs. Da geht ein ganzer Berufszweig verloren. Und wenn es doch mal Aufträge gibt, dann nimmt man Leute aus der Ukraine oder Polen, weil die auch für ein Butterbrot spielen. Außerdem haben früher die Leute Schallplatten oder CDs gekauft, nun ist der Markt zusammengebrochen. Wir von der volkstümlichen Musik merken es noch nicht mal so sehr wie andere, da unser Publikum meist älter ist und sich keine Musik runterlädt. Aber dass genau die älteren Leute kein Geld mehr haben, kann ich nach jedem Auftritt feststellen.

Woran merken Sie das?
Weil die Mami und ich früher nach jedem Auftritt leicht hundert CDs verkauft haben und immer 300 Mark Wechselgeld im Geldbeutel hatten. Viele Leute haben nämlich mit einem 50- oder 100-Mark-Schein gezahlt. Heute verkaufe ich kaum mehr als vier oder fünf CDs nach einem Auftritt, und Wechselgeld brauche ich auch keines mehr, denn einen größeren Schein als 20 Euro hat sowieso keiner.

Wo verdienen Sie dann heute das Geld? Im Fernsehen beim Musikantenstadl oder bei Florian Silbereisen?

Die Zeiten, in denen man im Fernsehen gut verdient hat, sind längst vorbei. Heute ist jeder froh, der eine kleine Gage und Catering hinter der Bühne kriegt und dem vielleicht noch die Übernachtung bezahlt wird. Wenn man auch das Fahrgeld erstattet bekommt, schätzt man sich glücklich. Trotzdem würden die meisten sogar ohne Gage auftreten, denn alle wissen: Wenn du im Fernsehen bist, kriegst du anschließend die Auftritte bei den Galas und in den Festzelten.

Wann waren die goldenen Zeiten der Volksmusik?
In den Siebziger- und Achtzigerjahren. Aber eigentlich muss es ja volkstümliche Musik heißen, im Unterschied zur Volksmusik, das wird alles in einen Topf geworfen.

Wo liegt der Unterschied?
Echte Volkslieder sind wegen des Dialekts oft unverständlich außerhalb der Gegend, in der sie entstanden sind. In Norddeutschland würde mich keiner verstehen, wenn ich ein Lied aus meiner Kindheit singen würde wie Heija, mei Dirnei, i wiagat di (Heija, mein Mädchen, ich würde dich wiegen). Außerdem verwaschen die Grenzen zum Schlager immer stärker.

Aber die Welt der volkstümlichen Musik ist immer heil.
Oh nein. Wir haben auch schreckliche Sachen gesungen, zum Beispiel Das Edelweiß am Felsengrab oder Der Schmuggler liebt Gefahr, furchtbar.

Warum haben Sie es dann gesungen, wenn es so furchtbar war?
Wir hatten einen Schallplattenvertrag. Da hat man nicht rumgezickt. Aber wir haben auch schöne Lieder gesungen.
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Susanne Schneider , immer stolz auf ihr Bairisch, musste bei Margot Hellwigs Kinderlied passen: Bei Heija, mei Dirnei, i wiagat di verstand sie: »Mein Mädchen, ich würge dich.« Stattdessen heißt es aber: »Ich würde dich wiegen.«

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