bedeckt München 26°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 45/2013 Gesellschaft/Leben

Keine Frage

Max Fellmann 

Wir brauchen dieses Satzzeichen.


Anzeige
Gibt’s doch gar nicht. Gibt’s doch gar nicht! Gibt’s doch gar nicht?  Hm. Gibt’s tatsächlich nicht. Ausgerechnet für diese Formulierung, meistens geäußert als Zwischending aus erstauntem Ausruf und ungläubiger Frage, fehlt ein Satzzeichen. Das »!« genügt nicht, das »?« auch nicht, es ist irgendwas dazwischen, zugleich Frage und Aufschrei. Nur – wie soll man das genau aufschreiben?

Im Englischen ist dieser spezielle Tonfall noch häufiger als im Deutschen, vor allem Amerikaner sprechen Sätze oft so aus, als seien sie Feststellung und Frage zugleich. This is my car, you know. / This is my car, you know? Dass da was fehlt, machte auch Martin K. Speckter nervös, deshalb erfand der Chef einer Werbeagentur 1962 das Interrobang: ein Ausrufe- und ein Fragezeichen übereinandergelegt. Der komische Name kommt daher, dass Speckter in einem Fachmagazin die Leser aufforderte, sich eine Bezeichnung auszudenken (im Rennen war auch der Name »Exclamaquest«). Interrobang setzt sich zusammen aus »interrogatio«, lateinisch für Frage, und »bang«, unter englischsprachigen Druckern ein Slang-Ausdruck für das Ausrufezeichen.

Die Idee war gut, aber die Welt nicht bereit. Durchgesetzt hat sich das Interrobang nie. Vielleicht lags am sperrigen Namen. In Deutschland wurde er nicht mal übersetzt (dabei hätte es, nur mal ein Vorschlag, das »Fragrufzeichen« möglicherweise in null Komma nichts in die Alltagssprache geschafft).

Immerhin, auf den berühmten Remington-Schreibmaschinen tauchte das Zeichen Ende der Sechzigerjahre für kurze Zeit auf, aber wirklich nur für kurze Zeit. Einzelne Computer-Schriftsätze enthalten das Interrobang aber bis heute (zum Beispiel Arial Unicode MS, Lucida Sans Unicode und Linux Libertine). Und wer es auf seiner selbst programmierten Homepage einsetzen möchte – bitte, in HTML ist das der Code  ‽

Man könnte das alles gut und gern als schräges Detail der Typografiegeschichte abtun – aber jetzt melden sich immer wieder Jäger des verlorenen Zeichens und fordern eine Renaissance des Interrobang. Bei der britischen Zeitung The Guardian deutete sich in den letzten Wochen sogar fast so etwas wie ein Kleinkrieg an: Erst empfahl ein Autor, das Zeichen offiziell in die Schrift einzuführen, nur eine gute Woche später schrieb ein Kollege an derselben Stelle, es sei »das hässlichste und blödeste Satzzeichen, das je erfunden wurde«.

Dabei könnten wir das Interrobang tatsächlich ganz gut brauchen. Denn der Tonfall, den es zum Ausdruck bringt, wird immer häufiger. Man könnte fast sagen, er ist so was wie der Sound der Gegenwart. Der Klang der Uneigentlichkeit. Seit Jahren ist alles von Ironie durchtränkt, jeder Small Talk, jede Abendessenunterhaltung. Es gilt als schick und vor allem total smart, die Dinge nicht immer ganz so zu meinen, wie man sie sagt (Christian Kracht hat daraus eine komplette Autorenexistenz gemacht). Sogar Typen wie Markus Lanz oder Lothar Matthäus versuchen mit demonstrativer Selbstironie eine gute Figur abzugeben. Alles ist immer zugleich Aussage und Parodie, nichts gilt wirklich. Eigentlich ganz unterhaltsam, ja. Aber um zu sehen, wie oft das schiefgeht, muss man sich nur mal die Kommentarstreitereien auf Facebook oder Youtube anschauen: Am Ende wird Ironie fast immer missverstanden, vorsichtige Fragen klingen wie wüste Vorwürfe (»Findet ihr das Video von XY wirklich so gut?«), launige Anmerkungen gelten sofort als brutal (»Klingt ja totaaal super, der Song«).

Ein Satzzeichen, das Aussage und Frage, These und Antithese zusammenschraubt, käme da gerade recht. Ein Ausruf des Staunens klingt schnell mal wie eine Fundamentalkritik, aber wenn da ein schönes Interrobang hinten dranhängt – alles halb so wild: Auf das Lied stehst du‽

Völlig aussichtslos ist das übrigens nicht. In den letzten Jahren haben gleich ein paar Zeichen eine überraschende späte Karriere hingelegt, sie lungerten jahrzehntelang auf Tastaturen herum, ohne wirkliche Funktion – und plötzlich wurde ihnen neues Leben eingehaucht. Zum Beispiel das @. Es wirkt heute wie das modernste Symbol überhaupt – dabei gab es das Zeichen lang vor dem Computer, ursprünglich wurde es im Englischen für Preise verwendet: 4 apples @ 30 cent – vier Äpfel zu je 30 Cent. Oder das #: auf jeder Tastatur zu finden, ewig nutzlos – aber seit Twitter das Zeichen für Hashtags eingeführt hat, also als Markierung für diskutierte Themen, gehts nicht mehr ohne.

Vielleicht hat das Fragrufzeichen ja Glück, vielleicht kommt irgendwann eine Firma und sucht ein Zeichen, das man zum Star machen könnte. Hätte das Interrobang doch verdient, oder‽
Anzeige

Max Fellmann hat Mitleid mit vernachlässigten Satzzeichen. Vielleicht weil er in der ersten Klasse lange der Einzige war, der seinen Namen nicht in Schreibschrift schreiben konnte - das geschnörkelte »x« lernen Kinder als letzten Buchstaben.

  • Gesellschaft/Leben

    Perspektive hinter Gittern

    Für die Reportage über einen mutmaßlichen Piraten ging unser Reporter ins Gefängnis – um dort den Somalier Farax Maxamed Salaax zu treffen. Am Anfang der Recherche stand eine Zeitungsmeldung, die unglaublich klang.

    Von Christoph Cadenbach
  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Einer trage ein bisschen von des anderen Last

    Sich zu wenig um andere zu kümmern, ist verpönt. Zu viel aber auch. Unsere Autorin sucht den goldenen Mittelweg.

  • Gesellschaft/Leben

    Knitterschutz

    Seit 15 Jahren macht Botox Millionen von Menschen auf der Welt faltenfrei – und Pharmakonzerne milliardenschwer. Doch der Erfolg wirft Fragen auf.

    Von Annabel Dillig