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aus Heft 46/2013 Kunst

»Bemerkenswert an mir ist nur meine Normalität«

Tobas Haberl (Interview)  Fotos: Ola Rindal

Derzeit wird David Shrigley auf der ganzen Welt für das gefeiert, wofür er zuvor kritisiert worden ist: Der britische Künstler malt und denkt wie ein Kind. Gnadenlos ehrlich, böse und vor allem - komisch.



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David Shrigley ist für den Turner-Preis nominiert worden und kann sich vor Anfragen kaum noch retten: Museen, Sammler, Unternehmen, alle wollen was von ihm. Im September haben wir den Künstler in Glasgow besucht. »Ich bin ein ekelhafter Mensch mit Humor«, hat David Shrigley mal gesagt. Das mit dem Humor können wir bestätigen.


SZ-Magazin: Müssen wir uns Sorgen machen?

David Shrigley: Nein, warum?

Die Arbeiten, die Sie für uns gemacht haben, wirken, als würden Sie leiden.
Ich leide nicht mehr als jeder andere. Eher weniger. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich glücklich.

Es gibt auch Menschen, die nur glücklich sind, wenn sie leiden
.
So einer bin ich nicht. Ich kann zeichnen, meine Arbeiten werden gekauft, ich kann wieder zeichnen. Abgesehen von Rückenschmerzen ist mein Leben ein Traum.

Aber warum sind die Bilder so düster, so deprimierend?

Empfinden Sie das so? Okay, manche sind wirklich ein bisschen böse, aber doch nicht alle. Manche tragen durchaus einen Schimmer der Hoffnung in sich.

Eine öde Landschaft. Ein Mann, der von einer Spinne aufgefressen wird. Roboter, die die Menschen überflüssig machen. Überall lauern Eintönigkeit, Fremdbestimmung und Erniedrigung.
Das sind wirklich keine schönen Dinge, da haben Sie recht, aber irgendwie finde ich sie auch komisch. Wenn ein Kind in der U-Bahn auf einen Mann zeigt und sagt: »Mama, der Mann sieht aber doof aus«, dann ist das nicht sehr schmeichelhaft für den Mann. Aber irgendwie ist es auch lustig, finden Sie nicht? Und glauben Sie mir, ich bin nicht depressiv, im Gegenteil, wenn ich genug geschlafen habe und der Hund nicht auf meiner Decke gelegen hat, geht es mir richtig gut.

Wer zeichnet Ihre Bilder: David Shrigley, der zusammen mit seiner Frau und seinem Hund auf drei Stockwerken in Glasgow lebt, oder ein abgespaltener Teil Ihrer Persönlichkeit, der Spaß an Gewalt hat?
Ich zeichne sie, trotzdem will ich nicht, dass die Dinge, die ich zeichne, wirklich eintreten. Ich möchte nicht, dass ein Mann von einer Spinne aufgefressen wird. Ich bin ein sehr friedlicher Mensch, wahrscheinlich ist meine Normalität das Bemerkenswerteste an mir.

Was soll das sein, ein normaler Mensch?
Jemand, der eine Funktion innerhalb eines sozialen Gefüges einnimmt. Jemand, der nicht verhaltensauffällig ist. Jemand, der seine Steuern zahlt. Ich glaube, meine Bilder stellen eine Art Katharsis von meinen Ängsten dar.

Das müssen Sie erklären.
Na ja, anstatt jemandem den Kopf abzuschlagen, male ich jemanden, der einem anderen den Kopf abschlägt. Damit ich es nicht selbst machen muss. Verstehen Sie? Gleichzeitig bin ich mir hundertprozentig sicher, dass ich, egal wie wütend ich bin, nie jemandem den Kopf abschlagen würde.

Weil es nicht erlaubt ist oder weil Sie sich nicht trauen?
Weil ich es nicht will. Ich würde schon einen Weg finden, es zu tun, ohne die rechtlichen Konsequenzen tragen zu müssen, aber ich will es einfach nicht. Und sollte es doch passieren, aus Versehen oder so, ich könnte nie wieder fröhlich sein.

Ein Kritiker hat mal Mutmaßungen über Ihre Persönlichkeit angestellt: Diese Zeichnungen, so die These, stammen entweder von einem Philosophen auf Drogen, einem Nihilisten mit Sinn für Romantik oder einem sehr weisen Menschen mit ziemlich schlechter Laune. Was trifft es am besten?

Tut mir leid, ich kann nicht so tun, als würde ich von außen auf meine Arbeiten schauen, ich habe sie nun mal gemacht. Ich zeichne, weil ich Abgabetermine habe, weil immer irgendeine Ausstellung oder ein Buch fertig werden muss. Früher kam ich aus dem Kindergarten und habe gezeichnet, bis es Abendessen gab, heute mache ich es genauso, nur ohne Kindergarten. Und schon damals habe ich fast nur perverses Zeug gemalt, vor allem Monster, die Menschen auffressen, die sich darüber in Sprechblasen beschweren.

Haben Sie gezeichnet, um sich auszudrücken oder um die Zeit totzuschlagen?
Ich wollte meine Haltung gegenüber dem Leben ausdrücken, darum geht es doch in der Kunst.
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Nach dem Interview wurde Tobias Haberl von David Shrigley erst auf eine Portion Haggis (Schafsmagen gefüllt mit Herz, Leber und Lunge) und anschließend in einen Pub eingeladen: zum Biertrinken und Fußballschauen (ManU gegen Chelsea, 0:0).

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