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aus Heft 46/2013 Kunst

»Ich kann mich in kein System einfügen«

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Ingo Pertramer

Als Kind zerschnitt sich der Wiener Maler Gottfried Helnwein die Hände mit Rasierklingen. Durch Donald Duck entdeckte er die Kunst. Heute sind seine Horrorvisionen längst Kunstgeschichte. Ein Gespräch über die Abgründe eines ungewöhnlichen Lebens.

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Wegschauen geht nicht: In Helnweins bekanntem Werk Epiphany I umringen Nazi-Offiziere Aria und ihren Sohn Adolf
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SZ-Magazin: Herr Helnwein, was wollten Sie werden, als Sie 14, 15 Jahre alt waren?

Gottfried Helnwein: Kinderarzt oder Revolutionär. Mein Hass auf die graue, enge Welt der Erwachsenen war gigantisch. Ich sehnte mich nach Umsturz, Ekstase und Rundumschlag. In meinen Tagträumen habe ich die Schule in die Luft gesprengt und die korrupte Gesellschaft niedergerissen. Wir biederen, eingeschüchterten Nachkriegskinder hätten gern Haare gehabt wie die Rolling Stones, aber mit unserem Hitlerjugend-Haarschnitt und den roten Ohren standen wir da wie Ministranten. Als wir uns die Haare auch etwas länger wachsen ließen, wurden auf der Straße Steine nach uns geworfen, und man schrie: »Ihr Gsindel ghört weggeräumt und vergast. Der Hitler ghört wieder her!« Wenn im Stadtpark einer mit einem Afro saß, ließen manche gern ein brennendes Zündholz hineinfallen.

In einem gerade erschienenen Buch* wird behauptet, Sie hätten lange an Alexithymie gelitten, der Unfähigkeit, Gefühle zu haben.
Solche Pathologisierungen sind schwachsinnig. Ich fand, dass ich in ein Straflager hineingeboren war, und wollte da raus. In der Schule habe ich angefangen, mir mit Rasierklingen die Hände aufzuschneiden, als Protest gegen das System, das ich ablehnte. Wenn ich blutüberströmt war, musste ich nur die Hand heben, und alles stand still. Es war plötzlich ein freier Raum um mich herum. Ich empfand das als Befreiungsschlag und eine Demonstration der Selbstbestimmung, auch über meinen Körper. Es war ein sinnliches Erlebnis, denn Blut hat ja eine magische, mystische Dimension, besonders im Christentum.

Wurde der kleine Gottfried angehalten, an Gott zu glauben?
Mein Vater war wirklicher Amtsrat in der Wiener Postdirektion und streng katholisch. Ich habe den Großteil meiner Kindheit in kalten Kirchenschiffen verbracht. Meine Bilder waren bluttriefende, verzückt gen Himmel blickende Märtyrer, heilige Wundmale, das Blut Christi im Kelch und das blutende, von Schwertern durchbohrte Herz Marias von den sieben Schmerzen. Wir sangen: »Jesu, drücke Deine Schmerzen tief in aller Christen Herzen.« Es war eine Erlösung, wenn mich die schöne Sekretärin des Direktors liebevoll verbunden hat, und ich meinen Knabenkopf auf ihren wohlgeformten Busen legen konnte.

Ihr Erlöser war der Disney-Zeichner Carl Barks. Die Begegnung mit seinen Figuren beschreiben Sie als »Epiphanie« und »Eintritt in ein neues Universum«.
Wien war nach dem Zweiten Weltkrieg ein dunkler Ort ohne Farben und Töne. Der Geruch des Todes hing immer noch in der Luft. Ich erinnere mich an leere Straßen, die Ruinen ausgebombter Häuser, Schutt und Asche. Die Erwachsenen erschienen mir grantig und gebrochen. Gott sei Dank hatten einige PR-Offiziere der amerikanischen Besatzungstruppen die Idee, uns Nazi-Kindern die amerikanische Kultur durch Micky-Maus-Comics zu vermitteln. Bei der Suche nach einer Übersetzerin sind sie zu unserem großen Glück auf Erika Fuchs gestoßen, eine äußerst gebildete Kunsthistorikerin, die gerade einen Job brauchte. In ihrer Unvertrautheit mit Comics übersetzte sie den Text in ihr wunderbares Bildungsdeutsch und wuchs mit ihren Wortschöpfungen über sich hinaus. Sie wurde zu einem weiblichen Goethe. Als ich Entenhausener Boden betrat, war ich der Vorhölle der Wiener Nachkriegszeit entronnen. Ich nahm zum ersten Mal Farben wahr, und das Leben bekam einen Sinn. Ich traf jenen Mann, der mein Leben verändern sollte: Donald Duck. Von ihm habe ich mehr gelernt als in allen Schulen, in denen ich war. Der Umgang mit Leuten wie Schmu Schubiak, Kasimir Keiler, dem Haarigen Harry oder Sebastian Sandig, genannt der Wüstenwastel, schärfte mein Auge für die Einschätzung meiner Mitmenschen. Seit ein paar Jahren habe ich mein eigenes Entenhausen: 35 Enten aller Schattierungen und zwei Gänse, Franz Gans und Gustav Gans.

Der Futurist Filippo Tommaso Marinetti meinte, ein Rennwagen sei schöner als die Nike von Samothrake, Sie meinen, Donald Duck sei bedeutsamer als die Mona Lisa.
Obwohl er eher wie eine Ente als wie ein Mensch aussieht, verkörpert Donald Duck das Menschliche mehr als alle Werke der bildenden Kunst vor ihm. Die Mona Lisa hat bei aller malerischen Qualität wenig mit einem wirklichen Menschen zu tun. Es ist erstaunlich, dass dieser kleine, künstliche Erpel ein so viel besserer Spiegel der menschlichen Seele ist. An ihm erkennen wir unsere Ängste, Unsicherheiten, Schwächen, Dummheiten und Eitelkeiten, aber auch jene Starrköpfigkeit, mit der wir nach jedem Scheitern wieder aufstehen und neu beginnen.

Mit 16 brachen Sie das Gymnasium ab und besuchten die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, eine 1888 gegründete Schule für Grafik und Zeichnen mit internationaler Reputation. Nach ein paar Wochen waren Sie der bekannteste Schüler.
Unser Lehrer war ein altakademischer Maler. Beim Aktzeichnen pirschte er sich von hinten an und raunte einem ins Ohr: »Sei kühl wie ein Fechter.« Oder er schrie plötzlich: »Wage den Panthersprung!« Irgendwann hatte ich genug von den fetten Aktmodellen und malte mit roter Farbe Hitler auf mein Blatt. Als mir der Professor über die Schulter blickte, erstarrte er. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und rannte in Panik hinaus. Ich höre noch das quietschende Geräusch seiner Gummischuhe. Der weiße Arbeitsmantel flatterte ihm hinterher, und weg war er. Kurz drauf quoll die gesamte Professorenschaft durch die Tür, wie eine Schar aufgeschreckter Vögel. Der Direktor hielt mit bebender Stimme eine Ansprache über die Zeiten, wo alle aufstehen und das Vaterland verteidigen mussten, und dass wegen meiner Zeichnung der achtzigjährige Weltruhm der Anstalt auf dem Spiel stünde. Dann wurde das Blatt beschlagnahmt. Das war der Moment, wo ich zum ersten Mal eine Ahnung von der Macht eines Bildes bekam.

Mit 18 wechselten Sie für vier Jahre an die Akademie der bildenden Künste. Sie besuchten nie eine Vorlesung und machten keinen Abschluss.
Da ich mich in kein System einfügen konnte und jede Art von Autorität ablehnte, blieb als letzter Freiraum nur die Kunst. Um zur Aufnahmeprüfung zugelassen zu werden, musste man Arbeiten vorweisen. Da ich bis dahin noch nie gemalt hatte, dachte ich, gut, dann male ich halt ein Bild. Mehr wollte ich nicht investieren, denn Maler waren für mich Rauschebärte mit Baskenmützen, die besoffen abstrakte Bilder malten, die niemand sehen wollte. Da ich keinen Vergleich hatte, wusste ich nicht, ob mein Bild etwas taugte oder scheiße war. Zu meinem Erstaunen war der Professor so beeindruckt von meiner Arbeit, dass er mich ohne die übliche Aufnahmeprüfung sofort in seine Meisterklasse aufnahm. Er ersparte mir damit, stundenlang in einer langen Schlange verlorener Seelen stehen zu müssen, die in ihre Firmungsanzüge gepresst mit großen Mappen unterm Arm darauf warteten, zu den Professoren vorgelassen zu werden, die dann mit ihren gichtigen Fingern in den Arbeiten wühlten und sagten: »Die Malerei ist nichts für Sie. Lernen Sie lieber was Gescheites.« So ist es einem jungen Mann in dieser Akademie sechzig Jahre davor ergangen. Er wurde gleich zweimal abgewiesen. Sein Name war Adolf Hitler. Es war der schwerste Fehler, den eine Universität je begangen hat.

Ihr Professor war Rudolf Hausner, ein Vertreter des Phantastischen Realismus, der wegen Hehlerei zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war.
Hausner hatte eine Professur in Hamburg gehabt. Dort war er von rebellierenden Studenten mit den Worten empfangen worden: »Halt’s Maul, reaktionärer Sack! Malen ist ein Privileg der Bourgeoisie auf dem Rücken der Arbeiterklasse.« Nach diesem Schock beschloss er, sich in Wien von Anfang an an die Spitze der Revolution zu setzen, und predigte Marx und Freud. Da er aber auf kein großes Interesse stieß, zog er sich in sein stattliches Atelier in der Akademie zurück, fuhr mit seinem Mercedes 600 herum und genoss die Zeit mit seiner appetitlichen Sekretärin, die ihm der österreichische Staat bezahlte. Wir haben ihn nicht mehr gesehen. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür, denn für mich war das ein Glücksfall. Niemand kümmerte sich um mich, und ich konnte vor mich hinmalen wie ein autistisches Kind. Es war der ultimative Freiheitsrausch.

Nach ein paar Wochen porträtierten Sie abermals Hitler.
Diesmal in Öl. Der Führer sah in die Abenddämmerung. In einem Altwarengeschäft fand ich einen schweren, schwarzen Rahmen aus den Dreißigerjahren. Als das Bild später in einer Ausstellung hing, reagierten einige mit Begeisterung. Einer kam mit hohler Hand auf mich zu und zeigte mir verstohlen, aber stolz sein silbernes SS-Totenkopfabzeichen.

Wer besitzt Ihr Hitler-Porträt heute?
Ich habe es gegen einen Ford Mustang eingetauscht, den ich gleich bei meiner ersten Ausfahrt bei einem Frontalzusammenstoß zu Schrott fuhr. Wo das Bild heute ist, weiß ich nicht.

In die Annalen der Akademie gingen Sie mit einem Anschlag ein, der die Feuerwehr und eine Hundertschaft Polizei auf den Plan rief.

Die Zeit war reif für den Umsturz. An der Akademie beschimpften sich Neomarxisten, Maoisten, Trotzkisten und Spartakisten gegenseitig und schwafelten darüber, wie man Proletarier befreit, die nicht wissen, dass sie befreit werden wollen. Darunter waren adlige Fräuleins mit Parka, die im Schloss ihrer durchlauchten Frau Mama lebten. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Das gehörte auch weggesprengt. Ich beschloss, die Revolution selbst in die Hand zu nehmen. Mit ein paar völlig unpolitischen Freunden verwandelte ich die Akademie in ein qualmendes Inferno. Selbst gebastelte Farb-, Stink- und Rauchbomben flogen herum, und die riesigen Fenster wurden in den Hof geworfen. Die Professoren hatten wir mit Nachschlüsseln in ihren Zimmern eingesperrt.

Wie sahen Sie damals aus?
Lange Haare, enge, rote Samthose, darüber eine alte Uniformjacke. Ein Hippie im Sergeant-Pepper-Stil.

Als Sie mit Anfang zwanzig zum zweiten Mal LSD nahmen, bekamen Sie eine Psychose, die Sie um den Verstand brachte: Dämonen zerhackten Sie in tausend Stücke und verstreuten Ihre Überreste im Universum. Manchmal waren Sie blind, oder Sie verloren Ihren Gleichgewichtssinn und konnten nur noch auf allen vieren kriechen.
Es war ein Sturz durch alle neun Kreise der Hölle, der mich fünf Jahre meines Lebens kostete. Eines Tages gab es einen Augenblick, wo der nicht enden wollende Horror in Verblüffung umschlug, weil ich bis dahin nicht gewusst hatte, dass ein derartiges Ausmaß an Panik, Schmerz und Wahnsinn überhaupt erlebbar ist. Größere Mengen Valium waren das Einzige, das kurzfristig half.

Haben Sie in den fünf Jahren Ihrer Valiumsucht gemalt?
Nein. Als ich wieder anfing, kamen Leute, die meine Bilder ausstellen oder kaufen wollten, aber ich lehnte das ab und sagte, ich hätte die Bilder doch nicht gemalt, um damit Geschäfte zu machen.

Wovon haben Sie gelebt?
Geld war peinlich. Man hat es nicht erwähnt. Damals konnte man in Wien wunderbar leben, ohne mit Geld jemals in Berührung zu kommen. Wir verbrachten den Tag in Kaffeehäusern und ließen anschreiben. Irgendwann haben wir eine Zeichnung dagelassen. Nirgendwo konnte man mittellos auf so hohem Niveau leben wie in Wien.

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Beim Abschied wollte Sven Michaelsen noch wissen, ob Helnwein - gerade 65 Jahre alt geworden - überlegt, seinen Look aus langen Haaren, Stirnband, Sonnenbrille und Totenkopfringen zu ändern. »Nein«, bekam er zur Antwort, »was Mode betrifft, bin ich in meiner Phase als jugendlicher Terrorist stecken geblieben.«

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