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aus Heft 48/2013 Essen & Trinken

Stilles Glück

Lars Reichardt  Foto: Mike Perry

Der Likör Chartreuse wird von Schweigemönchen gebrannt. Klar, dass keiner weiß, was drin ist.


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Kein anderer Likör ist so geheimnisvoll. Wo Chartreuse gebrannt wird, weiß man immerhin: im Kloster Grande Chartreuse nahe Grenoble in den französischen Alpen. Auch sein Alkoholgehalt ist bekannt: 55 Prozent, mehr als Wodka. Man weiß dann gerade noch, dass der Likör aus 130 verschiedenen Kräutern, Gewürzen, Rinden, Wurzeln und Blättern gemacht wird; man muss schon raten, welche: Wermut wahrscheinlich, Minze, Kamille, Fenchel, Basilikum, Ysopkraut, Rosmarin, Melisse oder vielleicht auch Tannennadelextrakt. Man darf mutmaßen, dass der Chartreuse nur mit Honig gesüßt wird. Aber welche Kräuter wie behandelt werden und in welchem Verhältnis gemischt, das weiß man alles nicht.

Zwei Mönche kennen das Geheimnis: Vater Benoît und Bruder Jean-Jacques. Seit über 400 Jahren sind die Mönche in der Kräuterkammer der Grande Chartreuse, der Großen Kartause, mindestens zu zweit; sollte einer sterben, kann der andere einen jungen Bruder einweisen. Die beiden pflanzen und sammeln die Kräuter, manche müssen sie auch einkaufen, sie trocknen und zerstampfen sie und sie mischen sie in einem Verhältnis, das nur sie kennen. Mit einem knappen Dutzend verschiedener Verfahren verarbeiten die Mönche ihre Kräuter, so viel haben sie einmal verraten. Am Ende stopfen sie alles in einen Sack, der wie ein riesiger, hüfthoher Teebeutel aussieht. Die beiden Mönche tragen den Sack zur Destillerie unten im Tal. Dort wird der Inhalt
mit Alkohol angesetzt. Gäste dürfen die Destillerie besuchen. Die Kräuterkammer selbst ist wie der Rest des Klosters für Besucher tabu. Das Haupthaus der Kartäuser liegt weitab in den Bergen auf 1500 Meter Höhe. Die Kartäusermönche haben das Schweigegelübde abgelegt. Niemand redet hinter den Klostermauern, niemand verrät das Geheimnis ihres Likörs, mit dem sie ihren Unterhalt bestreiten.

Den Kartäuser-Orden gibt es seit knapp 1000 Jahren, eine erste Rezeptur eines Chartreuse seit 1605. 1737 wandelte man daraus ein Élixier Végétal ab, es wurde als Universal-Heilmittel in ganz Europa bekannt. Bald produzierte man eine mildere Variante, einen süßen, grünen Kräuterlikör, den man heute noch Chartreuse verte nennt. Seit 1838 kennt man den noch süßeren, milderen Chartreuse jaune. Beide Varianten waren im Laufe der Jahrhunderte unter Schriftstellern, Künstlern und Geistlichen und natürlich Gastronomen immer wieder populär, um erneut in Vergessenheit zu geraten. Der Gewinn reicht für den Unterhalt.

Im Angesicht der Ewigkeit kümmert es die Mönche wenig, dass ihr Likör derzeit draußen in der Welt wieder einmal ganz groß in Mode gekommen ist und die Produktion die Nachfrage bald nicht mehr decken kann.

Quentin Tarantino lässt ihn in seinem Film Death Proof – Todsicher einschenken. Die Rockband ZZ Top hat Chartreuse erst letztes Jahr ein Lied auf ihrem jüngsten Album gewidmet. Hunter S. Thompson, der Schriftsteller, war bekennender Chartreuse-Trinker. Er trank ihn pur. Barkeeper in den USA und Deutschland mixen Chartreuse inzwischen auch in Cocktails wie »Last Word« (je 2 cl Gin, Maraschino-Likör, Limettensaft und Chartreuse verte) oder »Bijou« (je 3 cl Gin, süßer Wermut und Chartreuse verte, 1 Spritzer Orange Bitters. Achtung: ein sehr kräftiger Drink).

Die 35 Mönche in der Grande Chartreuse interessieren sich allerdings wenig für Umsatzsteigerung oder Marketing. Sie schweigen und beten und trinken. Natürlich pur.

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Lars Reichardt kennt Chartreuse aus der Münchner »Bar Gabányi« und empfiehlt den preisgekrönten Dokumentarfilm »Die große Stille« über den Orden der Kartäuser.

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