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aus Heft 49/2013 Kunst

Hahn im Kork

Johannes Waechter 

50 Millionen Küken werden jedes Jahr in der Lebensmittelindustrie zerhäckselt, kaum dass sie aus dem Ei geschlüpft sind. Jetzt wird den armen Tieren endlich ein Denkmal gesetzt.



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Wenn man mal schaut, wie in modernen Legehennen-Betrieben das Leben von Hühnern beginnt, glaubt man Hermann Hesses Satz, dass jedem Anfang ein Zauber innewohne, nur noch schwer. Zehntausende Eier liegen in diesen Betrieben in großen Brutschränken und werden bei einer Temperatur von 37,5 Grad regelmäßig maschinell gewendet. Nach 21 Tagen kommen die Küken aus ihren Eiern heraus, voller Lebensdrang durchstoßen sie die Schale, treten ein in diese Welt – und fallen sogleich sogenannten Kükensexern in die Hände, die mit geschultem Blick herausfinden, ob es sich um männliche oder weibliche Küken handelt. Die Weibchen werden auf ein Laufband gestellt und fahren einer Zukunft als Legehennen entgegen, 320 Eier pro Jahr werden von ihnen verlangt, für die jungen Hähne ist das Leben nach ein paar Minuten schon wieder vorbei: Da sie keine Eier legen können, gibt es in der Hühnerindustrie für sie keine Verwendung. Sie werden entweder in Schreddern zu Mus zermahlen oder vergast und als Tierfutter verkauft.

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr 40 bis 50 Millionen Küken diesen Tod. Ihre nur wenige Minuten dauernde Existenz ist inzwischen eine der zentralen Metaphern für den Irrsinn der Lebensmittelindustrie geworden. Und obwohl die Öffentlichkeit sich periodisch über den Kükenmord empört und Politiker Maßnahmen ankündigen, laufen die Schredder Tag für Tag weiter. Es scheint, als würde sich doch niemand für die toten Küken interessieren. Außer einem: dem 23-jährigen Kunststudenten Stefan Träger aus Berlin. In den vergangenen vier Jahren hat er sich mit kaum etwas anderem beschäftigt.

Träger weiß genau, wie er zum ersten Mal ein totes Küken in der Hand hielt: »Ich war beeindruckt von der Ruhe und Erhabenheit, die es ausstrahlte«, sagt er. »Und ich habe überlegt: Was ist der beste Weg, um den kleinen Küken ihr Gesicht wiederzugeben und diese Energie, diesen Lebenswillen einzufangen, den sie mal hatten?«

Als Erstes versuchte Träger, die Küken auszustopfen. Dann konservierte er sie mit Polyethylenglykol. Schließlich legte er sie in Formaldehyd ein. Alles komplizierte Vorgänge, die er sich erst mühsam aneignen musste. Doch obwohl alles irgendwann technisch funktionierte, war er nicht zufrieden. »Es sah zu sehr nach Tod aus.«

Trägers nächste Idee: die Küken in Bronze zu gießen. »Meine Hoffnung war, dass die Ausstrahlung, die die Küken haben, bei dieser Transformation erhalten bleibt.« Nur leider wird der Bronzeguss seit einigen Jahren an der Berliner Universität der Künste nicht mehr gelehrt, und auch die Bronzegießereien, die Träger ansprach, zeigten wenig Neigung, den Studenten bei seiner ungewöhnlichen Idee zu unterstützen. »Ich wollte das aber unbedingt versuchen«, sagt Träger. Also mauerte er im Hinterhof der Universität der Künste heimlich drei Öfen und begann, Bronze zu schmelzen, Formen zu brennen und mit Gusstechniken zu experimentieren. Sein Glück: Sein Treiben wurde erst entdeckt, als er schon erste Ergebnisse vorweisen konnte und niemand es mehr übers Herz brachte, ihn zu stoppen.

Die Technik, die Träger nun für seine Skulpturen verwendet, ist schon aus dem alten Ägypten bekannt: Das Küken wird in eine Masse aus Ziegelmehl, Sand und Gips eingebettet und dann herausgebrannt. Die Bronze wird in die Form gegossen, die Form danach abgeschlagen; so schlüpft das Küken quasi ein zweites Mal. Aus den entstandenen Unikaten macht Träger dann Gebrauchsgegenstände – Türbeschläge, Flaschenverschlüsse, Ausgießer, Lampen. Seine Küken sollen nicht als Zierfiguren im Regal stehen, sondern benutzt werden. »Ich möchte ihnen wieder einen Platz in der Welt geben.«

Vier Jahre hat Stefan Träger daran gearbeitet, den ermordeten Küken ein Denkmal zu setzen. Seine Idee und der handwerkliche Ehrgeiz, mit der er sie umsetzte, mögen kaum in die derzeitige Kunstwelt passen, die von abstrakten Konzepten, virtuellen Räumen und komplexer Verrätselung auf der dritten Meta-Ebene gekennzeichnet ist. Aber wahrscheinlich wäre Abstraktion auch der falsche Weg, um den millionenfachen Tod im Hühnerzuchtbetrieb künstlerisch zu verarbeiten. Trägers Skulpturen versteht man jedenfalls sofort. Wer seine Bronzeküken anschaut, wird sich kaum des Eindrucks erwehren können, dass es nicht recht war, diesen Wesen nur wenige Minuten auf der Welt zu gönnen.

(Fotos: Stefan Träger / gallodorato.com)


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Mit Hühnern hat Johannes Waechter keine Erfahrung, aber als er neulich beim Säubern der Nistkästen im Garten in einem eine kleine tote Meise entdeckte, hätte er der auch gern ein Denkmal gesetzt.

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