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aus Heft 49/2013 Gesundheit

Es werde Licht

Malte Herwig  Fotos: Matthias Ziegler

In Westafrika kann schon ein grauer Star lebenslange Blindheit bedeuten. Und viele Kranke werden verstoßen, denn sie gelten als Opfer des Teufels. Letzte Rettung ist die »Africa Mercy«, ein schwimmendes Krankenhaus, das vor Anker geht, wo immer Hilfe nötig ist. Wir waren an Bord.



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»Und wer als Blinder fällt, wird als Blinder nicht allein aufstehen; und wenn er allein aufstehen sollte, wird er einen Weg einschlagen, der ihm nicht zuträglich ist.«
JUAN DE LA CRUZ

Am Tag, bevor das große Wunder geschah, brach Paul an der Hand seiner Mutter im Morgendunkel von zu Hause auf. Die Dämmerung machte ihm keine Angst. Obwohl er inzwischen 28 Jahre alt war, musste seine Mutter ihn führen, denn die Dämmerung begleitete ihn seit der Kindheit.

Er war erst neun Monate alt, als er das Fieber bekam, und weil die Eltern arm waren und sich nicht anders zu helfen wussten, gingen sie zu einem Heiler aus ihrem Dorf, der ihnen Kräuter für das kranke Kind gab. Das Kind überlebte, aber ein Schleier legte sich auf seine Augen, und es war blind.

Die Eltern verzweifelten: Ein blinder Sohn ist eine Strafe, er wird nie für uns sorgen können. Aber sie kümmerten sich um ihn und bekamen noch vier gesunde Kinder. Während seine Geschwister zur Schule gingen, saß er zu Hause und überlegte, ob er sich lieber umbringen soll, um seiner Familie nicht mehr zur Last zu fallen.

Doch Paul beschloss, weiterzuleben. Er betete jeden Tag, dass Gott ihn von der Blindheit erlösen und wieder zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft machen möge. Als er zwanzig war, starb sein Vater, ein Soldat. Die Mutter bekam noch vier Kinder von anderen Männern. Eines Tages hörte Paul von der Ankunft des Schiffs.




»Man kann nicht die ganze Welt verändern. Aber man kann die ganze Welt für einen Menschen verändern.« Autor Malte Herwig spricht in diesem Film über seine Reise.



Die Nachricht verbreitete sich schnell im ganzen Land und über die Grenzen des Kongo hinaus. Freunde erzählten Paul, die Ärzte auf dem Schiff hätten die Gabe, Blinde wieder sehend zu machen. Andere erzählten von Hexerei und von maskentragenden Weißen, die die Kranken im Bauch des riesigen Schiffs bewusstlos machten und ihre Körper öffneten, um dort Gegenstände abzulegen.

Blinder als blind ist der Ängstliche. Aber Paul hatte keine Angst. Hatte er nicht immer wieder gebetet, Gott möge ihm sein Augenlicht wiedergeben? Sie haben ein Sprichwort hier: »Du kannst hundertmal Nein zur Antwort bekommen, aber du musst nur einmal Ja hören.« Warum sollte das nicht auch für Gebete gelten?

So machte sich Paul an jenem Morgen mit seiner Mutter auf den Weg, und sie gingen von der Siedlung am Rand der Stadt bis zum alten Bahnhof von Pointe-Noire, wo man sie und die anderen Patienten abholte und auf das Schiff brachte. Dort wurde Paul auf einen Plastikstuhl gesetzt. Das nächste, was er wahrnahm, war das gleißende Licht einer Lampe, die in seine Pupillen leuchtete. Dann klebten sie ihm ein Pflaster über das rechte Auge, denn sie hatten bestimmt, dass Paul auf diesem Auge wieder sehen sollte.

Zwei Menschen mit einem Auge sehen mehr als einer mit zwei Augen. Wenn nur ein Auge operiert wird, können in der gleichen Zeit doppelt so viele Menschen wieder sehen, erklärte eine einheimische Schwester den Patienten.

Das verstand Paul. Bleibt ruhig und bewegt euch nicht, ermahnte die Schwester sie. Nicht husten, nicht niesen, tief atmen. Wenn ihr eine Flüssigkeit spürt, die euer Gesicht herunterläuft – das ist kein Blut. Habt keine Angst.

Als sie ihn in den Operationssaal schoben, schloss Paul die Augen. Neben ihm piepte eine Maschine im Takt seines Herzens, und aus dem Nebenraum, wo die Ärzte operierten, drangen Wörter in einer fremden Sprache. Regungslos lag Paul unter der grünen Decke, und auf einmal bewegten sich seine Lippen und formten fast unhörbar Wörter in seiner eigenen Sprache, und er betete, und es gab kein Zurück mehr.

Guy Chevalley ist ein schweigsamer, fast schüchterner Mann. Der Schweizer Augenarzt ist wie jedes Jahr zwei Wochen an Bord und braucht wenig Worte, das Augenteam ist perfekt eingespielt. Die holländische OP-Schwester Annelie spritzt Paul ein Betäubungsmittel unter das Auge und hilft ihm auf den OP-Tisch.

Dann schneidet Chevalley mit dem Skalpell eine Öffnung in die Hornhaut von Pauls Auge und schiebt einen Ultraschall-Vibrator hinein. Die Vibrationen sorgen dafür, dass der nukleare Katarakt zerfällt und abgesaugt werden kann. Es ist eine Operation nach westlichem Standard. Bei den meisten seiner Patienten kann Chevalley die vom grauen Star getrübte Linse einfach mit einem Haken aus dem Auge fischen.

Der Rest erscheint so einfach wie das Einsetzen einer Kontaktlinse: Schwester Annelie geht zu einem Wandschrank, in dem mehrere Hundert künstliche Linsen lagern, sucht die passende Größe heraus und reicht sie Chevalley. Der schaut entspannt durch sein Mikroskop und schiebt die neue Linse durch den Einschnitt unter die Hornhaut. Die erstaunlich simple Operation dauert kaum eine Viertelstunde. Sie schaffen im Durchschnitt zwölf Augen am Tag.

Während Paul operiert wird, werden die Patienten im Wartezimmer bei Laune gehalten. Die junge Krankenschwester Nancy aus Kinshasa spielt Musik auf ihrem Handy und beginnt zu singen.

»Alle, die ihr gehört habt, dass Mercy Ships gekommen ist, kommt auch und werdet geheilt.« Es dauert nicht lange, bis sich die Blinden aus ihren Plastikstühlen erheben, in den Gesang einstimmen und im Rhythmus der Musik mit den Händen klatschen.

Die Szene wirkt, als hätte Spike Lee den Auftrag bekommen, aus Sister Act und der Schwarzwaldklinik ein Broadway-Musical zu machen. Dann werden die ersten Patienten aus dem Operationssaal zurückgebracht und erzählen. Vom Geruch der Desinfektionsmittel, vom Summen der Maschinen und von dem grellen Lichtstrahl, der ihnen plötzlich ins Auge schoss. »Vielen muss das hier vorkommen wie eine Entführung durch Außerirdische«, sagt Schwester Laurie und lacht. »Wir bringen sie auf ein Schiff, piksen an ihnen rum und betäuben sie.«

Und dann: Alles halb so schlimm. Die Operation erscheint vielen Patienten geradezu verdächtig harmlos. Ein alter Mann schimpft: »Ich dachte, ich werde operiert, aber ich habe gar nichts gespürt!«
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Im Slum von Pointe-Noire begegneten Malte Herwig und Matthias Ziegler einer Gruppe von Kindern, die ihnen stolz einen Kickertisch zeigten. Einem Freundschaftsspiel stand nur eins entgegen: Leider fehlte der Ball. - Die beiden Journalisten waren nicht nur von der Liebenswürdigkeit der Einheimischen beeindruckt, sondern auch von deren Vornamen. Sie hießen »Good«, »Perfect« oder »Hermann«.

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