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aus Heft 49/2013 Wirtschaft/Finanzen

Doppelt oder nichts

Lorenz Wagner  Foto: Andreas Lux

Zwei Brüder aus Hameln hatten eine einfache Idee: Sie verkauften Gutscheine im Internet. Dann übernahm Google ihre Firma für 114 Millionen Dollar. Und jetzt? Jetzt haben sie ihre Firma zurückgekauft - und legen wieder richtig los.

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Lernen im Zeitraffer: Hinter Ferry (27, links) und Fab (31) liegen vier verrückte Jahre: Ruhm, Reichtum, Intrigen, Leere, nun der Neustart.


Es lässt sich nicht genau sagen, wann Fabian die Entscheidung traf, reich zu werden, aber er war allzu jung, trug noch Pickel auf der Nase. Er sah damals zu, wie sein Vater arbeitete, und er sagte sich: So werde ich meine Zeit später nicht vergeuden. Nun war sein Vater kein armer, erfolgloser Mann, er war ein im ganzen Land geachteter Psychologe, eine Koryphäe, Erfinder des ersten Anti-Gewalt-Trainings in Europa. Er schrieb Bücher und verdiente mit seiner Praxis gutes Geld. Doch die Sache, sagte sich Fabian, hatte einen Fehler: Papa verkauft seine Zeit. Und Zeit ist endlich. Niemals lässt sich so das Einkommen maximieren.

Ja, wollte sein Vater viel Geld verdienen, so musste er dafür viel arbeiten, musste mehr Patienten behandeln, bis in den Abend hinein oder am Samstag. Der Vater eines Freundes dagegen, der fuhr ein teures Cabrio, hockte ewig auf dem Tennisplatz, und verdiente, während er die Zeit vertat, weiter Geld. Seine Firma lief auch ohne ihn. Er war klug, schloss daraus Fabian, und versuchte Vater die Augen zu öffnen. Wieder und wieder redeten sie darüber, einmal sogar kurz im Fernsehen, in einer Reportage über den Vater, der im Jugendknast arbeitete. »Im Grunde hat er sein Talent verschenkt«, sagte Fabian dort. Sein Vater sah das immer anders. Er arbeite eben nicht für Geld allein. Fabian aber wollte das nicht einsehen. Er würde seine Lebenszeit vernünftig investieren. »Paid by the hour, das war, was ich auf keinen Fall wollte. Das lässt sich nicht multiplizieren, ist nicht skalierbar.«

Pickel hat Fabian Heilemann längst nicht mehr, aber noch das Jungengesicht, das er einst im Fernsehen trug, fast als wäre kein Jahrzehnt vergangen. 31 Jahre ist er, Sakko, Jeans, Tolle, gerader Blick. So gerade, dass er, als ihn der Fotograf bittet, zur Seite zu schauen, sagt: »Ich schaue nicht zur Seite. Ich bin straight.«

Fabian hat erreicht, was er wollte. Eine Firma hat er gegründet, mit Ferry, seinem jüngeren Bruder. Und sie haben die Firma verkauft. An Google. Vor zwei Jahren, für 114 Millionen Dollar. Zu Helden sind die beiden aufstiegen, in Berlin, genannt »Europas Silicon Valley«, da sich hier Tag für Tag fünf Internetfirmen gründen. »Davon, was die Brüder erreicht haben, träumt jeder in der Stadt«, heißt es überall, bei den Gründern und Investoren. Allzu schön klingt ihre Geschichte: Die Jungs aus Hameln, die auszogen, ihr Glück zu gründen, mit kühlem Plan und Happy End! Allein: Ganz so happy war das gar nicht.

Wie wird man also reich in Deutschland, als junger Mensch? Wenn man nicht Götze oder Silbereisen heißt, kein Talent hat für Sport oder Show? Bis vor wenigen Jahren drängte es Köpfe wie Fabian eher zu Beraterfirmen und Investmentbanken. 100 000 Euro Einstiegsgehalt, Boni, Dienstwagen, schicke Hotels. Wer begabt war, zog von Frankfurt weiter nach London, in die City, sich 15 Jahre schinden, ein Tempo leben, das Stress-Ekzeme auslöst, ein Dasein, erfüllt von »Allnighters« (nachts durcharbeiten), »Magic roundabouts« (im Morgengrauen per Taxi vom Büro nach Hause, duschen, umziehen, zurück) und »Double24s« (die nächste Nacht dasselbe). Nach langer Schinderei, mit Ende dreißig, war es geschafft.

Nun ist dieser Weg nicht mehr ganz so schick: verdammt hart und, seit einige Finanzverbrecher die Welt an den Abgrund gewirtschaftet haben, ziemlich uncool. Der neue, sogar glorreiche Weg zu Geld ist die eigene Firma! Die Stars unserer Zeit heißen Larry Page oder Mark Zuckerberg. Und so gingen Fab und Ferry nach Berlin, in die Stadt, über die alle reden und bloggen, sogar Angela Merkel hat dieses Jahr schon bei Start-ups vorbeigeschaut, ihre schöpferische Kraft gelobt.

Das Dumme: Von tausend dieser fabelhaften Firmen scheitern 900. Und von den restlichen 100 machen 90 am Ende so viel Geld wie der Friseur um die Ecke. Geschichten wie die von Fab und Ferry sind rar. »Die beiden sind außergewöhnlich«, sagt Andy Thümmler, ein Investmentbanker, der bei fast allen großen Verkäufen in Deutschland dabei war, Jamba!, Xing, Daily-Deal, insgesamt Deals von über zehn Milliarden Euro. Thümmler ist selbst eine Legende. Wenn Gründer ihm Firmen vorstellen, zieht er auch mal sein Darth-Vader-Kostüm an und ersticht mit seinem Lichtschwert die dümmsten Ideen.

Investoren wie er vermissen Gründer, die Neues schaffen, Ingenieure, Geeks, Pioniere wie Bill Gates, Steve Jobs, Larry Page. Die Berliner kopieren lieber. Das haben schon deren Gottväter gemacht, die Samwer-Brüder, die Größten der Stadt, die einst Ebay kopierten und die Kopie für Millionen verkauften. In ihrem Schweif ist ein Schwarm Nachahmer unterwegs, mit Schlumpfmütze, Bart und Stammplatz im »St. Oberholz« am Rosenthaler Platz. Sie glauben, die 65. »Payment App« oder das 93. »Massive Multi Player Game« sei ein Geschäft. Eine Pest, sagt Stefan Glänzer, ein zweiter bekannter Investorenname.

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Und dann kamen also diese Brüder zu ihm, erinnert sich Glänzer, im November 2009, in sein Londoner Büro. Zwei blonde Jungs mit schnellen Stimmen und einer schier schändlichen Idee: im Internet Gutscheine verkaufen, etwa für Restaurants oder Fitnessclubs. Eine Kopie von Groupon aus den USA. Dafür also wollen die Geld? Von ihm? Der gerade für eine Zeitung eine Wutschrift geschrieben hat, wie sehr er Copycats verabscheue. »Ich habe gedacht: Ich glaub das jetzt nicht.«

Glänzer setzt seinen bissigsten Blick auf, Fabian schüchtert das nicht ein. So lange hat er sich auf diesen Tag vorbereitet. Ferry und er haben sich in eine Ein-Zimmer-Wohnung eingesperrt, 35 Meter im Quadrat. Sie schliefen zu zweit auf einer Matratze, saßen an einem Schreibtisch und lebten von 700 Euro im Monat. Nur unter Druck glaubten sie die beste aus den sechzig Geschäftsideen zu finden, die Fab von einer Studienzeit in Stanford mitgebracht hatte. Sie hatten Tabellen gefüllt, verglichen, verworfen, ohne Gefühl, nur mit dem Kopf, straight eben. »Es war keine Bauchentscheidung, keine Eingebung«, sagt Fabian. »Es war ein methodischer, analytischer Prozess.« Nach fünf Monaten stand der Sieger fest – und sie standen bei Glänzer im Büro. Mit einer Internet-Idee. Dabei sind sie nicht mal Nerds.
Aber sie haben »Wumms«, wie Glänzer es nennt. Und so lässt er sie reden. Bei einem Randsatz merkt er auf: Es sei nicht das erste Geschäft, das sie aus einem fremden Land nach Deutschland bringen, sie haben da noch die Waffelfirma.

Waffelfirma? Diese Typen sind vielleicht Kopisten wie die anderen; aber normal sind sie nicht. Es war klug von den beiden, mit ihrer Idee zu einem der erfahrenen »Business Angels« zu gehen, die sich verhalten wie Investoren im Valley. Sie schauen nicht auf Geschäftspläne, die sich eh nie erfüllen. Fordern keine Fakten, die Gründer eh nicht liefern können. Nein, erfolgreiche Geldgeber, auch die hinter Facebook oder Twitter, investieren am Anfang weniger in Pläne als in Köpfe. Sie sind auf der Suche nach Begabten. Nach Verrückten. Also echten Unternehmern.

Um die Verrücktheit der Heilemann-Brüder zu verstehen, muss man mehr auf den Älteren schauen, den Leitwolf: Fabian. Noch heute reden die Hamelner über diesen Jungen, der schon in der Vorschule nicht fragte, sondern machte, der schon den Kindergärtnerinnen sein erstes Geschäft vorschlug: Wenn sie ihm das Geld für die Marken auszahlen, trage er die Briefe aus. Sein Vater, der Psychologe, hatte seine Söhne nach einem eigenen Konzept erzogen, das sich verkürzt so zusammenfassen lässt: Das Kind ist Chef und Entdecker, die Eltern sind Zuarbeiter. Das Kind soll sich erproben, soll einfach machen! Versuch und Irrtum. Ohne Zwang, etwas zu Ende führen zu müssen.

Seine Zeit bis zum Studium verbrachte Fabian nun damit, immer weiter zu sein, als es seinem Alter entsprach. Er ging allein nach Hawaii, er schrieb trotz der Fehlzeit das beste Abitur der Schule, er führte (als Sohn eines Sozialdemokraten) die Junge Union der Stadt zu ewiger Rekordstärke, er wurde so gut im Surfen, dass er bei Weltmeisterschaften antrat, und er führte eben diese Waffelfirma, bei der er auch einige Mitschüler beschäftigte.

Im Urlaub in Frankreich hatte Fab gesehen, dass Touristen die Waffeln mögen, die es am Strand zu kaufen gab. Also schwatzte er dem Verkäufer das Rezept ab, warf mit Ferry das Konfirmationsgeld zusammen, kaufte auf dem Rückweg in Paris eine Teig-Spritze und baute sie in den alten Wagen eines Scherenschleifers ein. Er besorgte Kochmützen, choreografierte einen Tanz, den sie während des Verkaufs tanzten, und los ging’s mit »ChiChi«: auf Rummelplätzen, Stadtfesten, der »Kieler Woche«. Vierzehn Stunden am Tag, von Hand 200 Kilo Teig kneten, bei vierzig Grad, und immer wieder raus zu den Kunden, den Teller in der Hand, versuchen, eine Schlange vor den Wagen zu kriegen. Dann nämlich stellen sich weitere Leute an, ohne zu wissen, warum: die Urform des Hypes. Ihr Schlangen-Rekord ist vierzig Meter.

Irgendwie haben wir zweimal dasselbe gemacht, sagt Fabian im Rückblick. »So wie es in Norddeutschland keine ChiChi gab, gab es in Europa keine Internet-Gutscheinplattform. Beides sind Fälle, wo wir keine Weltinnovation kreiert haben. Wir sind einfach mit offenen Augen durch die Welt gegangen.«

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Lorenz Wagner sprach bei der Recherche auch mit dem Coach der beiden Brüder Fab und Ferry. Der sieht seine Aufgabe nicht darin, ihnen Antworten zu geben. Er stellt lieber Fragen. Leider diente diese Methode nicht gerade der Wahrheitsfindung. Was nutzt es einem Reporter, wenn er fragt: »Warum ist das so?« Und als Antwort kommt: »Warum? Ja, was meinen Sie denn?« Herrlich sinnlos, dieses Gespräch. Aber fraglos lustig.

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